|
|
Schlagschatten -- Alexander, König von Asien
© Illustration: Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Viererlei war unerhört an diesem Alexander III. von Mazedonien, den die Welt alsbald «den Grossen» nannte: seine Leistung, sein unwahrscheinliches Glück, ein Hochmut jenseits aller Vorstellungskraft – und seine Perfidie.
Mit 22 Jahren brach Alexander auf, das Riesenreich der Perser zu vernichten, und in einem zehnjährigen Siegeszug mit stets unterlegenen Truppen eroberte er die heutigen Länder Türkei, Syrien, Libanon, Palästina und Ägypten, dann den Irak, Iran, Afghanistan, Tadschikistan, Pakistan und das nordwestliche Indien; erst dicht an der Grenze zum heutigen China machte er Halt.
Das Glück begünstigte Alexander doppelt: Von seinem Vater erbte er eine hochdisziplinierte Armee, und nichts brachte ihn um, obwohl er in jeder Schlacht den Nahkampf suchte: Seiner Kavallerie ritt er voran, die Sturmleitern an der Stadtmauer erkletterte er oft als erster, und sein weisser Helmbusch machte ihn zum weithin sichtbaren Ziel. Ein Wurfspiess verletzte ihn, ein Säbelhieb zerschmetterte ihm den Helm, ein Pfeil traf ihn in die Lunge – und er überlebte, bis er an sich selber starb.
In seinem Hochmut nahm Alexander es als selbstverständlich hin, dass die Welt nur darauf gewartet habe, von ihm unterworfen zu werden, und ebenso, dass der Priester in der ägyptischen Oase Siwa ihn salbte, weil er der Sohn des höchsten Gottes von Ägypten sei. Doch alles Gefühl von Gottähnlichkeit, alle Glücksumstände der Welt hätten nicht genügt, seine unerhörten Taten zu ermöglichen – hätte ihn nicht ein Mord an die Macht gebracht; und Mord und Totschlag säumten seinen Weg.
Er war 20, als sein Vater, Philipp II., von einem Leibwächter erstochen wurde. Die Historiker sind sich einig, dass dieser Mord im Auftrag geschah – wahrscheinlich von Alexanders Mutter Olympias, vielleicht von ihm selbst. Denn Philipp hatte Olympias verstossen, sich darüber mit Alexander entzweit und eine Mazedonierin geheiratet, die ihm einen Sohn gebar – einen Rivalen also um das königliche Erbe! Der Leibwächter wurde noch am Ort der Bluttat von Alexanders Freunden erschlagen (das hinderte ihn, seinen Auftraggeber zu nennen), und rasch umgebracht waren die konkurrierende Ehefrau, ihr gefährlicher Sohn (noch in den Windeln), ein Onkel und ein Vetter – alle also, die Alexander den Thron hätten streitig machen können. Vielleicht war das ja das Werk der Mutter, die Rache der verstossenen Frau. So oder so: Über Leichen stieg Alexander zum König auf.
Zwei Jahre später, 334 v. Chr., 22 Jahre alt, zog er aus mit 5000 Reitern, 30 000 Mann zu Fuss und einem Tross von Ingenieuren, Vorratswagen und Belagerungsmaschinen. Am Granikos, dicht am Marmarameer, brachte er der persischen Übermacht die erste Niederlage bei: Bei Issos (nördlich von Syrien) schlug er 160 000 Perser so vernichtend, dass König Dareios III. ihn um Frieden bat. Alexander antwortete: «Dein Land halte ich als Geschenk der Götter in Händen», nun sei er «der König von Asien» – aber wenn Dareios sich füge, werde ihm nichts geschehen.
Woher rührte die fast unglaubliche Überlegenheit der kleinen mazedonischen Armee? Philipp II. hatte sie gedrillt, Alexander motivierte sie: Alle Strapazen teilte er mit ihr, als erster stürzte er sich auf den Feind; die Verwundeten tröstete er, den Gefallenen bereitete er ein prächtiges Begräbnis. Nie griff er an, ohne das Gelände erforscht, seine Flanken gesichert, sich über die Waffen und die bisherige Taktik des Feindes informiert zu haben, und mit blitzschnellen Entscheidungen während der Schlacht blieb er bis an sein Ende jedem Gegner überlegen. Das Hinterland befriedete er, 5000 Kilometer hinter Mazedonien, indem er die Besiegten als Verbündete gewann, seine Soldaten zur Verbrüderung verpflichtete, für sich selbst das persische Hofzeremoniell übernahm.
Im November 326 v. Chr., nach acht Jahren Krieg, forderten die Veteranen in Indien die Umkehr. Alexander zog sich drei Tage in sein Zelt zurück und gab seinen Plan, erobernd bis ans Ende der Welt zu ziehen, auf. Unter schrecklichen Qualen zogen die Überlebenden zwei Jahre lang westwärts nach Babylon, einen Marsch von 18 000 Kilometern hinter sich.
Von dort aus wollte Alexander die Welt regieren, natürlich. Zwei Flotten liess er bauen: eine am Euphrat, die Arabien umschiffen sollte, eine im Mittelmeer, um mit ihr Italien und Spanien zu erobern. Er starb, 32 Jahre alt, am 13. Juni 323 v. Chr. – vermutlich an den Folgen der drei bis fünf Liter Wein, die er jeden Abend getrunken hatte. Seinen Freund Kleitos hatte er im Vollrausch mit einem Wurfspiess durchbohrt, seinen Hofpoeten Kallisthenes hinrichten lassen, zum Begräbnis seines Busenfreundes Hephaistion befohlen, 10 000 Stiere zu schlachten und die Zinnen von Babylon zu demolieren. Sein Weg war zu Ende, sein Reich zerbrach.
Mehr als siebzig Städte hatte Alexander in seinem Riesenreich gegründet, viele tragen noch heute seinen Namen. Nie hat ein Einzelner, im Grossartigen wie im Schauderhaften, eine gewaltigere Leistung vollbracht.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|