NZZ Folio 02/04 - Thema: WWW   Inhaltsverzeichnis

Cyberspace -- Bitte höflicher!

Von Franz Zauner
WER DAS PÜNKTLICHSEIN, das Ausredenlassen, das Trotzdemlächeln lebt, muss mit Prüfungen rechnen. Über die Höflichkeit wurden schon äusserst unhöfliche Bemerkungen gemacht. Sie gilt als blasse Schwester der Herzlichkeit, lebt im Verhalten und nicht im Gefühl, zwingt menschlicher Zuwendung Minimalformen auf. Trotzdem fehlt etwas, wenn sie fehlt.

Das spürt man sogar in Dialogboxen. Lange Zeit endeten dort alle Bitten mit einem Ausrufzeichen wie in «Finger weg!» – bis Apple endlich die ersten Höflichkeitsstrategien implementierte. Doch Höflichkeit kommt vom Höfischen, und den Computern das Gröbste zu nehmen, macht sie noch nicht elegant.

Wahre Höflichkeit beruht nämlich auf Anmut. Ein höflicher Mensch erleichtert anderen das Leben, indem er sich sein eigenes gekonnt schwerer macht. Er spielt auf Verzicht und tritt zurück; so schenkt er und wärmt. Mitten im Alltag richtet er der Seele einen Potlatsch aus, ein Fest der Verschwendung in Worten und Gesten.

Davon kann keine Rede sein, wenn einem ein Businesscomputer minutenlang «guten Tag» wünscht. Er schindet bloss Zeit für den Verbindungsaufbau. Eine fernöstliche Ehrerbietungshöflich keit, die die Unwürdigkeit des digitalen Dienstes blumig erläuterte und ein Lob der Grösse unserer Geduld nicht unter fünf Bildschirmseiten darböte, würde in solchen Momenten weit weniger geheuchelt wirken.

Ein bisschen Achtung könnten wir schon vertragen, seit uns die hemmungslose Vermehrung der elektronischen Geräte dazu zwingt, unsere Huld mit der Geschwindigkeit von Akrobaten zu verteilen. Von überall her piepsen und schrillen die elektronischen Aufmerksamkeitsheischer, da kommt die Besinnung auf des Pudels Kern gerade recht: Höfliche Computer sind achtsam.

Die Info-Screens, die zunehmend die öffentlichen Räume Europas ornamentieren, gehaben sich wohl. Sie wer den dunkel, wenn Zug, Tram oder U-Bahn in die Stationen brausen. Sie geben den Geist ihrer Betrachter frei. In der Tatsache, dass Computer niemals gähnen, versteckt sich ohnehin ein unhöflicher Vorwurf gegen die menschliche Konstruktion. Es ist überaus freundlich, wenn sie vor unseren Augen einschlafen.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.