NZZ Folio 08/98 - Thema: Grossbauten   Inhaltsverzeichnis

Mit Grips und Muskeln

Dichtung und Wahrheit über die Pyramiden.

Von Dieter Arnold

DIE ÄGYPTISCHEN PYRAMIDEN, vorab die Pyramide des Königs Cheops in Gizeh, sind zweifellos Wunder der Bautechnik. Die Frage, mit welchen technischen Hilfsmitteln Menschen vor 4500 Jahren derartige Leistungen vollbringen konnten, fasziniert Fachleute und Laien gleichermassen. Man versuche sich nur klarzumachen, dass zur Blütezeit des Pyramidenbaus, innerhalb der Regierungszeiten der drei Könige Snofru, Cheops und Chephren, fünf gigantische Pyramiden mit einem Gesamtvolumen von 8,6 Millionen Kubikmeter erbaut wurden! Man hat errechnet, dass täglich 230 Kubikmeter Steinmaterial gebrochen, transportiert, bearbeitet und versetzt werden mussten, um die Pyramiden innerhalb einer Regierungszeit von dreissig bis vierzig Jahren zu vollenden. Pro Stunde musste man also durchschnittlich zehn bis zwanzig Blöcke von ein bis zwei Kubikmeter Grösse fertigen und versetzen. Eine derartige Arbeitsleistung würde selbst an einen modernen Baubetrieb erhebliche Anforderungen stellen.

Diese ans Phantastische grenzende Leistung hat in moderner Zeit eine Flut von Erklärungsversuchen ausgelöst. Kluge Erfinder, die davon überzeugt sind, endlich des Rätsels Lösung gefunden zu haben, produzieren unablässig neue Theorien zum Pyramidenbau. Diese Theorien beschäftigen sich ausschliesslich mit der Cheopspyramide. Alle anderen der rund hundert Pyramiden, von denen manche nicht viel kleiner sind, aber schlecht in solche Schemata passen, werden grundsätzlich ignoriert. Aus dem Lager der Science-fiction kommen Beiträge, die wenigstens durch besondere Absurdität unterhalten. Die extremsten «Erklärungen» sprechen den alten Ägyptern eine derartige Leistungsfähigkeit ganz ab. Nicht sie, sondern ausserirdische Kollegen, quasi Entwicklungshelfer aus dem All, hätten zu Hammer und Meissel gegriffen und zur Freude der dankbaren Ägypter die Pyramidenblöcke auf magische Weise aufeinandergetürmt.

Ebenso abenteuerlich sind Annahmen wie die, man habe die Blöcke auf Schiffen oder Flossen bis zur Pyramidenspitze hinaufgefahren. Dazu hätten die Ägypter das Gizeh-Plateau mit einem 150 Meter hohen Staudamm umgeben und das Becken mittels eines Kanals zum Nil mit Wasser gefüllt. Abgesehen davon, dass die Konstruktion eines derartigen Beckens weit mehr Arbeit bedeutet hätte als der Pyramidenbau selbst, hat diese Theorie eine kleine Schwäche: Um das Wasser auf eine Meereshöhe von zirka 200 Metern zu bringen, hätte der Zufluss in das Kanalsystem weit oben in Nubien angelegt werden müssen, hat doch der Stausee von Assuan nur einen Pegel von 180 Metern.

Eine ähnlich unsinnige Theorie lautet, die Transportschiffe hätten die Pyramidenspitze über ein System treppenartig ansteigender, gewaltiger Schleusen erreicht. Auch hier bliebe die Frage nach der Einsparung offen. Denn der Bau einer derartigen Schleusenanlage und das Ein- und Nachfüllen der Schleusenkammern (von Hand, mit Schöpfgefässen!) wären weit aufwendiger gewesen als der Bau einer Pyramide.

Nicht weniger erheiternd ist die vor einigen Jahren heftig verfochtene Theorie, die Pyramidenblöcke seien aus Kunststein gegossen worden. Als ob der Guss von riesigen Steinblöcken, die Gewinnung des Materials, der Transport, das Mischen der Substanzen mit Wasser und so fort weniger aufwendig gewesen wäre als das Brechen von Blöcken im Steinbruch. Nicht zur reden von der nicht unbedeutenden Tatsache, dass die Blöcke nicht gegossen, sonder gemeisselt sind, wie jeder Tourist leicht erkennen kann.

Eigenwillig ist auch die Vorstellung, die Cheopspyramide sei quasi von innen heraus errichtet worden. Das vorhandene Korridor- und Kammernsystem sei - wie ein Kran im Zentrum eines Hochhausbaus - dazu benutzt worden, die Steine im Innern hochzuziehen. Diese schöne Theorie scheitert daran, dass es keinen zentralen Schacht im Innern der Pyramiden gibt, der zur Spitze führt. Und die riesigen Deckblöcke der Grabkammern hätten gar nicht durch die engen Korridore im Pyramideninnern manövriert werden können.

Eine Gruppe von realistischeren Erfindern bemüht sich, Erklärungen für technische Einzelprobleme zu finden, also Antworten auf die Frage nach der Art des Anhebens der Blöcke oder nach der Zahl der dafür erforderlichen Arbeiter. Das Problem der Lastenhebung wird meist mit der Annahme von Hebemaschinen angegangen. Rückhalt finden die Erfinder solcher Maschinen in den Schriften Herodots. Der griechische Historiker unternahm um 450 v. Chr. eine Ägyptenreise und besuchte auch die Pyramiden von Gizeh, wo die Reiseleiter vor 2400 Jahren die Neugierde ihrer Touristen mit tollen Geschichten zu befriedigen wussten. Über den Bau der Cheopspyramide erzählten sie Herodot: «Diese Pyramide wurde als eine Treppe erstellt. Nachdem die Arbeiter zuerst eine solche erbaut hatten, hoben sie die übrigen Steine mit Hilfe eines Gerätes von kurzen Holzstangen herauf, indem sie sie vom Erdboden auf die erste Stufe der Treppe hievten. Jedesmal, wenn ein Stein sie erreichte, wurde er auf ein anderes Gerät gesetzt, das auf der ersten Stufe stand. Von dieser wurde er mit einem weiteren Gerät auf die zweite Stufe gezogen. Denn so viele Stufen die Treppe hatte, so viele Maschinen gab es.»

Da keine weiteren Einzelheiten über diese Vorrichtungen überliefert sind, sind bei ihrer Rekonstruktion der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Man dachte zunächst an Holzkräne, die, übereinander auf der Riesentreppe des Kernbaus stehend, die Blöcke hochzogen. Andere Theorien arbeiten mit Steinschlitten, die man auf den Pyramidenstufen hochgehebelt oder hochgeschaukelt haben soll. Dabei dachte man an Schlitten mit unten gerundeten Kufen, die mit Wippbewegungen auf ein höheres Niveau gebracht werden konnten.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Aber solange es keinen Hinweis gibt, dass die Ägypter tatsächlich diese oder jene Methode anwandten, bleiben selbst vernünftige und technisch durchführbare Vorschläge im Bereich der Spekulation. Wenn man heute die steile Stufenflucht der Pyramiden von Gizeh oder Dahschur ersteigt, wird einem ohnehin die Gefährlichkeit solcher Maschinen deutlich. Denn der steile Neigungswinkel von 54 bis 60 Grad erzeugt hohe und sehr schmale Stufenflächen, die allenfalls einer einzelnen Person sicheren Stand zu gewähren vermögen, nicht aber einem von zahlreichen Arbeitern zu bedienenden, schwer beladenden Gerät, das ausserdem schwingende Bewegungen vollführt.

Man muss also die Verwendung von Apparaten in das Reich der Phantasie verweisen. Wie aber kamen Herodots Gewährsleute zu dieser Annahme? Zweitausend Jahre nach der Erbauung der Pyramiden kann natürlich keine verlässliche mündliche Tradition mehr bestanden haben. Die Maschinen sind viel eher eine Erfindung der Zeitgenossen Herodots. Denn der Umgang mit solchen Maschinen ist eher der griechischen Ingenieurskunst zuzutrauen als den ägyptischen Baumethoden des dritten Jahrtausends v. Chr. Herodots Bericht spiegelt wohl die Technik wider, mit der man zu seiner Zeit und mit griechischen Bautechnikern eine Pyramide gebaut hätte.

Ägyptologen, die an der Ausgrabung und Erforschung der Pyramiden arbeiten, beeindruckt die Leistung der Pyramidenbauer nicht minder. Doch mangelt ihnen das Gefühl für das Wunderbare, Mysteriöse. Denn jahrzehntelange Untersuchungen an ägyptischen Denkmälern des Alten Reiches bis zur griechischen Zeit haben gezeigt, mit welchen Mitteln die Ägypter (wie auch andere Völker von entsprechendem technischem Entwicklungsstand) ihre Grossbauten errichteten. Die Mittel zur Lastenbewegung bestanden bis zum Aufkommen griechischer und römischer Ingenieurskunst ausschliesslich aus Ziegelrampe, Seil, Hebel, Rollbalken und Schlitten. Und wichtigste Voraussetzung war menschliches Geschick. Aus der ägyptischen Vorstellung - oder besser gesagt Zwangsvorstellung - von einer geordneten Welt (Ma'at) erklärt sich die besondere Begabung der Ägypter für Organisation und Planung. Einsatz und Verlagerung grosser Arbeitermassen und Materialmengen waren für sie offenbar kein Problem. Und aus den langen Erfahrungen im Umgang mit schweren Steinblöcken gingen während der dritten und frühen vierten Dynastie spezielle Fachleute für Lastentransport hervor, für die das Errichten einer Pyramide oder eines Obelisken ein derart alltäglicher Vorgang war, dass ägyptische Texte solche Leistungen nur noch beiläufig erwähnen. Allerdings sind wir nicht länger auf solche allgemeinen Erwägungen angewiesen. Die Erforschung der Pyramiden durch die Ägyptologie hat im Lauf der Zeit bedeutende Fortschritte gemacht. Eingehende Untersuchungen an den Pyramiden und ihrer Umgebung liefern immer mehr Aufschlüsse über die Einzelheiten des Baubetriebes. Die innere Struktur eines Baus und seiner Bauphasen wird erkannt, Werkzeugspuren weisen auf die Art der Geräte, Steinmetzmarken und Blockaufschriften der Arbeitsaufseher geben Aufschluss über die Organisation der Arbeitergruppen. An der Pyramide Sesostris' I. in El-Lischt wurden Reste von Transportstrassen mit gehärteter Schotterfüllung und Balkeneinlagen gefunden. Auch Reste von geneigten Ziegelrampen kamen zutage; an einer Rampe waren sogar die Spuren einer Aufzugsvorrichtung erhalten. Bei einigen Pyramiden liefen die Rampen geradlinig zur Pyramide. Auch andere Rampenanlagen sind denkbar, konnten aber bisher nicht gefunden werden.

Aufschlussreich sind die Vermessungs- und Konstruktionsfehler sowie die Reparaturen, weil uns diese Fehler deutlich die Grenzen der pharaonischen Technologie vor Augen führen. Trotz allen Fortschritten sind wir aber noch weit davon entfernt, den Pyramidenbau im einzelnen erklären zu können. Manche Fragen werden sich wohl nie beantworten lassen. Denn ein Aspekt entzieht sich unserer Forschung völlig: der plötzliche Gedankenblitz, der gute Einfall, der vielleicht einem pharaonischen Arbeiter in seiner täglichen Arbeit die Lösung einer uns unlösbar erscheinenden Aufgabe ermöglichte.

Der Ägyptologe Dieter Arnold ist Kurator am Metropolitan Museum of Art in New York.


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