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Editorial -- Im Korsett
© Suzanne Schwiertz, Zürich
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| Wie geht es ihnen heute? |
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Vom selbstlosen Lebensretter zum Gesundheitsdienstleister im Beamtenstand? Die Ärzte fürchten den Verlust ihrer Freiheit.
Von Andreas Heller
Noch gibt es Lichtgestalten wie René Prêtre, Chefarzt der Kinderchirurgie und Professor an der Universität Zürich, ein begnadeter Chirurg mit feinen Händen und grossem Herzen, der in seiner Freizeit nach Afrika reist, um dort Kinder und Jugendliche zu operieren, die ohne seine Hilfe keine Überlebenschance hätten. Ausnahmeerscheinungen wie Prêtre, der unlängst als «Schweizer des Jahres» ausgezeichnet wurde, prägen die öffentliche Wahrnehmung des Berufsstandes: der Arzt als selbstloser Einzelkämpfer, der mit seinem Einsatz Leben rettet.
Der Alltag in Spitälern und Arztpraxen ist weniger heroisch. Kommt man mit Ärzten ins Gespräch – für einmal nicht als Patient, sondern als Journalist, der sich um eine Diagnose ihres Berufsstandes bemüht –, dauert es meist nicht lange, bis die Damen und Herren in Weiss ein mehr oder minder lautes Wehklagen anstimmen. Sie beschweren sich über das immer engere Korsett – manche nennen es gar Zwangsjacke – von Regulierungen und Tarifsystemen; über die ins Kraut schiessende Bürokratie, die ihnen mehr und mehr die Freude am Beruf vergälle. Sie bedauern ihre schwindende Autorität gegenüber Behörden und Politikern, aber auch gegenüber den Patienten, die alles besser zu wissen glauben, weil sie eher Internetforen oder dem Fernsehdoktor vertrauen als ihrem Arzt. Sie monieren, dass alle über die hohen Kosten des Gesundheitswesens jammern und gleichzeitig alle Leistungen als selbstverständlich betrachten.
Arges Bauchgrimmen bereitet den Ärzten schliesslich vor allem die für 2012 geplante Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen für Spitalaufenthalte. Die werde ihnen, sagen sie, die letzten Freiheiten rauben und die Patienten zur Kostenstelle degradieren.
Natürlich klagen die Ärzte auf hohem Niveau. Die Götter in Weiss mögen am Aussterben sein, aber ihr Ansehen ist immer noch gross, was in der heutigen Zeit schon etwas heisst. Sie geniessen, was Banker und Politiker längst verspielt haben: Vertrauen. Und man will sich gar nicht ausdenken, wenn es anders wäre – spätestens dann, wenn man selber in den Operationssaal gefahren wird, der Anästhesist die Narkose einleitet und man sich ganz dem Wissen und Können des Chirurgen überlässt.
Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.
Leserbriefe:
Zu Editorial -- Im Korsett - NZZ-Folio Die Ärzte (06/10)
Schön, dass Sie im Juni eine Ärztenummer realisierten. Nur dass Sie im Editorial gewisse Tatsachen ausblenden: Nichts gegen Herzchirurg René Prêtre, doch wäre wohl auch erwähnenswert, dass es zahlreiche andere ärztliche Hilfsorganisationen gibt, bei denen Ärzte oft ihre Freizeit unentgeltlich zur Verfügung stellen, meist über Jahre oder Jahrzehnte (Liste bei medicus mundi einsehbar: www.medicusmundi.ch). Sie erwähnen, dass "die Götter in Weiss" immer noch viel Vertrauen geniessen, z.B. "wenn man in den Operationssaal gefahren wird". Wo bleibt die Erwähnung des Vertrauens, das Tausende von Hausärzte geniessen? Durch deren Ausklammerung schlagen Sie einen weiteren Nagel in den Sarg der Hausarztmedizin. Zwar kommt weit hinten Paul Affentranger, Hausarzt, zu Wort. Warum nicht auf der Titelseite? Dr.med. Bernhard Rüetschi, Reinach BL
Zu Editorial -- Im Korsett - NZZ-Folio Die Ärzte (06/10)
Ihr Juni-Heft "Die Ärzte" ist spitze: Jeder Beitrag spannend, lehrreich - und wahr. Sehr oft habe ich geschmunzelt. Grund: Vor 40 Jahren musste ich das Buch "Rationelle Arztpraxis" schreiben, finanziert von - wie könnte es anders sein - der Pharmafirma Pfizer. Zweck war, den Arzt von administrativem Plunder zu befreien, ihm mehr Zeit "am Patienten" zu geben. Der Stoff wurde in vielen Kurz-Seminaren vertieft. Die Absicht war sicher gut, der Erfolg gering, denn die Dokumentations-wut war stärker. Ein Arzt sagte einmal zu einem Kollegen: "Wenn Dir ein Patient stirbt, so ist das nicht schlimm, solange Du es schriftlich belegen kannst. Wehe aber, wenn Dir ein Dokument fehlt." Gottfried Weilenmann, Männedorf
Zu Editorial -- Im Korsett - NZZ-Folio Die Ärzte (06/10)
Gratulation, ein tolles Heft! Ich habe einen Arzt in der Verwandschaft (Internist) und vieles von dem, was er erzählt und ihn beschäftigt, habe ich in diesem Folio wiedergefunden. Es zeigt ein realistisches Bild eines Berufsstandes, der heute gegen viele Widrigkeiten zu kämpfen hat. Zum Glück ist die Mehrheit wahrscheinlich dennoch glücklich in diesem Beruf, der eben doch mehr ist als ein Job. Daniel Gerber, per E-Mail
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