AHNUNGSLOS schwimmt die Dame vor der Küste im erfrischenden Meer. Ein rascher Schatten, ein Schrei, und fort ist sie - gemordet von der Bestie, die unentwegt in den Gewässern nach leckerem Menschenfleisch Ausschau hält. Mit dem Schocker «Der Weisse Hai» landete Hollywood vor zwanzig Jahren einen Kassenhit - und ruinierte das ohnehin angeschlagene Image der Haie gänzlich. Dabei hätten diese Wesen weit eher Bewunderung verdient.
Ein raffiniertes Design macht den Hai zum enorm wendigen Jäger und stellt ihn, was Fressen und Gefressenwerden betrifft, auf die oberste Sprosse der Leiter. Wie die grossen Raubtiere auf dem Lande hat er deshalb in seinem nassen Reich eine wichtige Regulierfunktion. Er eliminiert vor allem schwache und kranke Tiere und sorgt so für Gesundheit im Ökosystem. Und er verhindert mit seiner Jagd, dass sich gewisse Fischarten oder Meeressäuger auf Kosten anderer Meeresbewohner unmässig vermehren. So effizient der Hai seine Beute jagt, für den Menschen ist er selten gefährlich: Von den Millionen Schwimmern und Wassersportlern, die sich im Meer tummeln, werden pro Jahr etwa ein halbes Hundert von einem Hai angegriffen, wobei die meisten der Opfer die Attacke überleben. So weist für das Jahr 1995 eine weltweite Statistik 62 Angriffe mit 11 Todesopfern aus - der Strassenverkehr forderte im gleichen Zeitraum allein im Kanton Zürich ein Mehrfaches an Menschenleben.
Unter den 350 verschiedenen Haiarten sind nur einige wenige für den Menschen überhaupt gefährlich, neben dem Weissen Hai etwa der Tigerhai oder der Gemeine Grundhai. Diese bis zu sechs Meter grossen Haiarten schätzen als Beute Seelöwen und Robben. Da nun Schwimmer und Surfer in Körpergrösse und Bewegungen solchen Meeressäugern recht ähnlich sind, können sie in der trüben Brandung von den Haien für Beute gehalten werden. Die meisten der attackierenden Haie verschwinden nach einem ersten Biss rasch wieder, wie wenn der Räuber seinen Irrtum bemerkt hätte. Denn als Landwesen gehören Menschen nun einmal nicht zum gewohnten Beutespektrum der marinen Jäger.
Deshalb können Sporttaucher auch relativ gefahrlos inmitten von Dutzenden von imposanten Hammerhaien oder Grauen Riffhaien schwimmen. Oder sich sogar dem Walhai, der mit einer maximalen Länge von 18 Metern und einem Gewicht von zehn Tonnen der grösste Fisch überhaupt ist, für einen zünftigen Unterwasserritt an die Rückenflosse hängen.
Der Hai gehört zu den ältesten Wirbeltieren; er zieht bereits seit 400 Millionen Jahren durch die Weltmeere, bevor noch die ersten Amphibien an Land krochen oder Vögel den Luftraum eroberten. Die lange Anpassungszeit an seinen Lebensraum hat der Hai gut genutzt. Die heutigen Modelle überzeugen durch perfekte Stromlinienform. Die wie Flugzeugflügel seitwärts abstehenden Brustflossen verleihen dem Fisch dynamischen Auftrieb; die hoch aufragende Rückenflosse stabilisiert den Flitzer zur Seite hin.
Ein Wunderwerk ist auch die Haut, denn sie ist über und über mit kleinsten Zähnen belegt. In der Tat sind es Zähne, denn die schuppenartigen Gebilde bestehen aus Dentin und sind erst noch mit Zahnschmelz überzogen. So rauh sich nun die Haifischhaut anfühlt (sie wird deshalb auch als Schmirgelpapier genutzt), ihr Reibungswiderstand im Wasser ist kleiner als bei einem glatthäutigen Kleid. Denn die nach hinten gebogenen Zähnchen kanalisieren das vorbeiströmende Wasser auf der Haut zum turbulenzfreien, dünnen Film. Vor einigen Jahren hat man bei einem Airbus die Aussenhaut versuchsweise mit Plasticfolien bedeckt, die ähnliche mikroskopische Strukturen wie eine Haifischhaut trugen. Prompt sank der Luftwiderstand, und der Treibstoffverbrauch reduzierte sich um zwei Prozent.
Einige Haie, etwa der Walhai oder der ähnlich imposante Riesenhai, ernähren sich von Plankton und anderem Kleingetier. Dazu ziehen sie mit offenem Maul durchs Meer und filtrieren mit einem netzartigen Kiemenkorb die Nahrung aus dem Wasser. In der Regel aber sind Haie tüchtig zupackende Räuber mit einem an die bevorzugte Beute angepassten Gebiss. So hat der Tigerhai stark gezahnte, dreieckige Zähne, mit denen er selbst grosse Beute problemlos zerschneiden kann. Eine tiefe Kerbe an der Zahnaussenkante ermöglicht, gleich einem Büchsenöffner, einen Schildkrötenpanzer zu knacken. Die in Bodennähe der Küstengewässer lebenden Glatthaie dagegen verfügen über rundlich abgeflachte Mahlzähne zum Zermalmen der Schalen von Schnecken, Muscheln und Krebsen. Bei allen Haien ist das Gebiss extrem regenerierfähig: Hinter jedem Zahn wartet im Zahnbett eine Kolonne nach hinten geklappter Reservezähne. Geht nun ein Vorderzahn verloren, richtet sich umgehend der dahinterliegende Wartezahn auf und schliesst so die Lücke.
Haie und Rochen sind Knorpelfische. Ihr Skelett besteht nicht wie bei den andern Fischen aus Knochen, sondern aus eher weicher und leichter Knorpelmasse. Die Knorpelfische besitzen auch keine Schwimmblase, mit der sie ihren Auftrieb regulieren könnten. So müssen die Haie Tag und Nacht schwimmen, um nicht in der Tiefe der Meere zu versinken. Oder sie legen sich in Küstennähe auf den Grund. Das Fehlen einer Schwimmblase hat für den Raubfisch einen gewichtigen Vorteil: Da er sich nicht um zeitraubenden Druckausgleich kümmern muss, kann er blitzschnell aus grosser Tiefe zu einer an der Oberfläche schwimmenden Beute hochschiessen.
Da der Hai praktisch keine Feinde hat, kann er sich mit sparsamer Fortpflanzungsstrategie begnügen. Im Gegensatz zu den meisten Meerestieren, die verschwenderisch viele Eier produzieren und diese dann ausserhalb des Körpers im Wasser befruchten, verfügen die Haie über hochentwickelte Fortpflanzungsorgane. So spritzt das Haimännchen mit einem penisartigen Begattungsorgan seinen Samen direkt in den Körper des Weibchens. Damit ihm dies gelingt, packt er mit den Zähnen das Weibchen an einer Brustflosse. Nach stürmischem Liebesspiel trägt die Auserwählte nicht selten am ganzen Körper Bisswunden - wohl mit ein Grund, warum die Haut der Weibchen bis zu dreimal dicker als die der Männchen ist.
Sparsam ist auch der Fortpflanzungszyklus. Der Hai wird erst mit 10 bis 15 Jahren geschlechtsreif, die Schwangerschaft dauert bis zu 22 Monate, und geboren werden jeweils meist nur zwischen zwei und zehn Jungtiere. Während viele der in Bodennähe lebenden Knorpelfischarten Eier legen, entwickeln sich bei den Hochseehaien die Keimlinge im Mutterleib und werden dann lebend geboren. Bei den Heringshaien und beim Sandhai kommen allerdings nur zwei Junge ans Licht, denn in einer Art vorgeburtlichem Kannibalismus verspeisen die grösseren Jungtiere noch im Mutterleib ihre schwächeren Brüder und Schwestern.
Wegen ihrer geringen Reproduktionsrate sind die Haie auf übermässigen Fischfang besonders empfindlich. Schon eine jährliche Ernte von drei bis fünf Prozent der erwachsenen Tiere kann eine Population gefährden. So haben in den letzten zwei Jahrzehnten die Bestände von Tigerhai, Sandtigerhai, Sandbankhai und Düsterem Hai um 60 bis 80 Prozent abgenommen. Etliche weitere Haiarten, etwa Riesenhai, Walhai, Weisser Hai, Heringshai und Schokoladenhai, sind ebenfalls ernsthaft gefährdet. Elf Arten wurden mittlerweile von der Internationalen Naturschutzunion auf die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten gesetzt.
Auch der WWF engagiert sich für den Hai und klärt die Öffentlichkeit über die sinnlos verschwenderische Praxis der heutigen Grossfischerei auf. Laut einer Statistik der Welternährungsorganisation (FAO) wurden 1994 über 730 000 Tonnen Knorpelfische gefangen, mit Indonesien an der Spitze der Haifischfänger, gefolgt von Taiwan, Indien, Pakistan, den USA und Frankreich.
Der Aderlass dürfte indes noch weit dramatischer sein, denn der Grossteil der Knorpelfische wird nicht gezielt gefangen, sondern geht beim Fang anderer Fische zufällig ins Netz. Vor allem die Hochseefischerei mit ihren riesigen Schlepp- und Treibnetzen und den kilometerlangen mit Ködern bestückten Langleinen holt als Beifang Millionen von Knorpelfischen aus dem Meer. Da das Fleisch der meisten Haifischarten jedoch nur wenig Handelswert hat, wird der unerwünschte Fang als Abfall wieder ins Meer geworfen. Mit skandalöser Praxis: Erst bricht man mit einem Axthieb dem Tier das Rückgrat, damit es nicht mehr zappelt. Dann werden mit dem Messer die in Asien als Delikatesse begehrten Rücken- und Schwanzflossen vom Leib getrennt. Und schliesslich fliegt das stark blutende Tier noch lebend über Bord und versinkt hilflos in der Tiefe.
Solches «finning» hat in den letzten Jahren enorm zugenommen; allein Hongkong importierte 1995 über sechs Millionen Kilogramm Haiflossen. Dabei werden je nach Tierart und Qualität im Detailhandel für ein Kilogramm getrockneter Flossen zwischen 40 und 600 US-Dollar bezahlt. Gefahr droht dem Hai jetzt auch von seiten der Medizin: Aus Haien gewonnenes Squalamin soll antibakteriell sowie antiviral wirken und sogar HIV beseitigen. Als Antikrebsmittel wird Haiknorpel propagiert. Eine Fabrik in Costa Rica produziert mittlerweile monatlich 350 000 Kilogramm Haiknorpelpillen und findet, trotz fehlendem klinischem Wirksamkeitsnachweis, in den USA eine gläubige Käuferschaft.