In Australien gibt es eine kleine, eine ganz besondere Schafherde. Das Fell der Tiere ist so kostbar, dass man ihnen ein Mäntelchen überzieht. So bekommt man eine Wolle, deren einzelnes Haar fünfmal dünner ist als ein Menschenhaar und die sich anfühlt wie reinstes Cashmere. Die gesamte Jahresmenge ist so klein, dass sie für gerade hundert Herrenanzüge reicht.
Ein Drittel der Rarität wird allein an die Savile Row Nr. 1 in London geliefert. Hier, im vornehmen Stadtteil Mayfair, an der berühmten Strasse der Schneider, sitzen auch die Massschneider der Firma Gieves Hawkes. In ihrem Fach zählt man sie schlicht zu den Besten, und wer sich von ihnen einen Anzug aus diesem australischen Vlies anfertigen lässt, der weiss deshalb, dass er dafür den Gegenwert, sagen wir, eines soliden Kleinwagens investieren wird: umgerechnet um die 22 000 Franken. Allein der Stoff ist mit knapp 20 000 Franken zu veranschlagen. Ihren Preis haben aber auch die Anzüge «normaler» Qualität: Nach Mass geschneidert kosten sie bis zu 5000 Franken. Für sie gilt nicht weniger, dass nur die besten Stoffe gut genug sind, ob sie nun aus Grossbritannien, Frankreich oder Italien kommen.
Sozusagen inbegriffen in solchen Preisen ist freilich die über zweihundert Jahre alte Tradition des 1785 gegründeten Hauses. In den früheren Jahren waren es vorwiegend Offiziere der Navy, die sich von Gieves & Hawkes ihre Uniformen anfertigen liessen. Zu ihnen gehörte Captain Bligh, der Menschenschinder von der «Bounty», ebenso wie Admiral Lord Nelson, der die französisch-spanische Flotte in der Seeschlacht von Trafalgar schlug. Auch der Herzog von Wellington, der Napoleon in Waterloo besiegte, liess hier schneidern. Oberste Maxime war stets das Wohl des Kunden. Deshalb entwickelten Gieves & Hawkes die Angewohnheit, ungeachtet der Umstände und mit der typisch britischen Sinn fürs Praktische, zur Stelle zu sein, wo immer die Navy gerade war. Als der Krimkrieg ausbrach, segelten die Schneider mit eigener Jacht den Seestreitkräften kurzerhand bis ins Schwarze Meer hinterher. Sie wussten sich auch zu helfen, als ein Seeoffizier eine Bestellung aufgab und als Postadresse lediglich «HMS Hawke - Manoeuvering» hinterliess. Rasch hatten die Schneider den Standort des Schiffes ausfindig gemacht und lieferten verlässlich, wie man es von ihnen erwarten konnte.
Genauso bedachten sie die Probleme, die lange Abwesenheit im Ausland mit sich brachte. Kolonialbeamte und Navyoffiziere im Visier, brachten Gieves & Hawkes als eine der ersten Firmen 1880 einen Bestellkatalog heraus. Ordern liess sich vom Hemdkragen über die Unterwäsche aus Lamawolle bis zum Kaschmirmantel alles, was der Gentleman damals brauchte, um auf das Vertraut-Gewohnte aus der Heimat nicht verzichten zu müssen.
Vieles davon braucht er auch heute noch. Denn betrachtet man sich die früheren Muster, Schnitte und Stoffe, so bekommt man einen Begriff von dem, was sich «klassisch» nennen kann und was es mit britischer Tradition auf sich hat: zeitlos, heute so tragbar wie seinerzeit. «In einem gewissen Sinn gibt es bei uns kein Design», bestätigt Robert Gieve, 1938 geboren und in fünfter Generation heute in der Firma tätig. «Wenn es denn eines gibt, so stammt es aus der Zeit meines Grossvaters.» Gieves & Hawkes nehmen mit selbstverständlichem Selbstbewusstsein für sich in Anspruch, stilbildend zu sein, seit sich in der Ära Queen Victorias und King Edwards jene korrekte Art der Kleidung eines Gentleman herausbildete, die im Grunde bis heute gültig geblieben ist.
Geschichtsträchtig sind auch die Räume an der Savile Row. Das viergeschossige Haus wurde Ende des 17. Jahrhunderts vom 6. Lord Fairfax von Leeds Castle gebaut und 1870 von der Royal Geographical Society gekauft. Hier liess die Vereinigung 1873 den Entdecker der Niagarafälle, den Forschungsreisenden David Livingstone, aufbahren, ehe man ihn in Westminster zu Grabe trug. In der Galerie, dort, wo sich früher die Bibliothek befand und die Karten verstaut waren, hängen heute Anzüge und Jacketts. An Geschichte erinnert jeder Stich, jede etwas verblichene Fotografie an der Wand, vor allem der Royals, für die von jeher und bis heute geschneidert wird; an Geschichte erinnern die alten Uniformen in den Glasvitrinen, erinnert die Schiffskommode mit eingebauter Waschschlüssel, die das Haus eigens für Seefahrende bauen liess im vorigen Jahrhundert.
Mit dem Uniformgeschäft allerdings hat es längst ein Ende gefunden. Heute macht der Geschäftsmann den Hauptteil der Klientel aus. Doch nicht nur Firmenchefs, sondern auch «Leute aus der Ebene darunter», wie das Robert Gieve ausdrückt, «Menschen, die gemerkt haben, dass es in einer Wettbewerbsgesellschaft auch auf die Garderobe ankommt, und die sich erkennbar für Stil entschieden haben.»
Menschen mit zeitgemässen Geschäftssinn sind auch die Firmenleiter von Gieves & Hawkes. Seit 1920 ist die Firma eine Aktiengesellschaft mit breitgestreutem Aktienbesitz, der vor Übernahmeversuchen schützen soll. Die Holding als Muttergesellschaft hat ihren Sitz in London, und nur hier wird nach Mass gefertigt. Töchter gibt es nicht nur in allen wichtigen Städten in Grossbritannien, sondern in der ganzen Welt, mehrere im Fernen Osten, dazu in Mailand und Paris, während mehr als wohlwollende Absichten in Richtung Schweiz noch nicht existieren.
Gut vertreten hingegen ist Gieves & Hawkes in den USA, wo eine alte Affinität zu allem Britischen besteht. Dass man auf einem «Newsweek»-Titelblatt George Bush mit einer Krawatte von Gieves & Hawkes, erkennbar an den winzigen eingewebten Initialen, sehen konnte, tat dem US-Geschäft nur gut. Amerikaner neigen dazu, stolz zu zeigen, in welch feinem Geschäft sie eingekauft haben. Dem britischen Gentleman, dem Original also, käme so etwas nie und nimmer in den Sinn. Nicht dass es ihm unangenehm ist, wenn man erkennt, wo er sich einkleidet. Nur sagen müssen möchte er es nicht.
Der weltweite Umsatz erreicht umgerechnet fast 140 Millionen Franken in den vier Bereichen Anzüge. Hemden/Krawatten, Accessoires (eingeschlossen eine eigene Duftlinie) und casual wear. Von diesem etwas modischeren Sektor erwartet man bei Gieves & Hawkes für die nächste Zeit einen Umsatzanteil von etwa 25 Prozent. Sich etwas Neues einfallen zu lassen oder zu «diversifizieren» tut not, besonders wenn man zu grosse Einbussen, wie sie in der gegenwärtigen Rezession drohen, vermeiden will. Zwar sagt Robert Gieve, dass sie die Rezession «wegen unserer globalen Ausdehnung» weniger spürten, aber spurlos geht sie an niemandem vorbei. Die Gegenstrategie? «Wir versuchen, das Lager klein zu halten, entwickeln grösseres Kostenbewusstsein und strengen uns im internationalen Markt noch mehr an. Im übrigen aber», fügt er dann lächelnd hinzu, «bereiten wir uns vor auf das Rennen, das mit dem Ende der Rezession wieder einsetzen wird.»
Tröstlich in schwieriger Zeit mag dazu sein, dass man sich auf einen Kundenstamm stützen kann, der keine Geldsorgen kennt. Die Queen, Prinz Philipp, Prinz Charles, sie alle lassen auch bei Gieves & Hawkes schneidern, meist Gala-Uniformen für Hochzeiten und derlei Anlässe. Ferner zählen fast alle königlichen Familien Jackson, wenn er eine Phantasieuniform braucht, oder Michael Gorbatschew, der die elegante Alternative zum sozialistischen Modemief zu würdigen weiss.
Auch im Filmgeschäft sind Gieves & Hawkes seit je gut vertreten gewesen. Ob James Mason oder Paul Newman, sie haben das feine Tuch getragen. und als Charles Laughton Anfang der dreissiger Jahre die Rolle des Captain Bligh von der Bounty angetragen bekam, da ging er zu Gieves & Hawkes, um sich beraten zu lassen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis ein Angestellter das dicke, ledergebundene Buch gefunden hatte, worin die Originalmasse von Bligh verzeichnet waren. Die Eintragung stammte aus dem späten 18. Jahrhundert.