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Eine Woche ohne Geld
Wie lebt es sich eine Woche in einer Grossstadt mit null Cents? Zwei Studentinnen haben es im Selbstversuch ausprobiert – und sich ohne Geld auf Hamburgs Strassen begeben.
Von Alexandra Eul und Mareike Rehberg
Alexandra: Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Mein Geldbeutel mit der EC-Karte, mein Monatsticket für den Zug, alles bleibt daheim. Ich habe eine bunte Decke an meinen Rucksack geschnallt, in dem nur ein paar Klamotten stecken. Ich sehe aus wie ein Dauercamper. Für die kommenden sieben Tage werde ich meine Wohnung nicht mehr betreten. Die Lebenshaltungskosten in einem durchschnittlichen deutschen Haushalt liegen bei 2089 Euro im Monat. In der Schweiz sind es 5189 Franken. Wie weit kommt man mit null Euro? Wenn man die ganzen Kostproben, Werbeartikel und Kosmetikproben sammelt? Die Internetanbieter, die einem Gratisprodukte versprechen, einfach mal beim Wort nimmt und munter drauflosbestellt? In Supermärkten nach abgelaufenem Essen fragt? Und wenn gar nichts klappt, sich auf das Mitgefühl von Fremden verlässt?
Mareike: Das Internet ist eine einzige Gratis-Fundgrube – zumindest dachte ich das bis heute. Ich habe schon einige Tage vorher Gratissachen im Netz bestellt. Das klägliche Resultat meiner Bemühungen: drei Tampons und eine Slipeinlage. Bei vielen Firmen hätte ich erst mal etwas kaufen müssen, um als Dank ein Werbegeschenk zu bekommen. Aber dann: der Webauftritt eines Shampooherstellers. Ein brünettes Pärchen forderte mich auf, mein Haar zu geniessen, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an Schuppen zu verschwenden. Dafür musste ich ihnen lediglich meinen Namen, meine Anschrift und meine E-Mail-Adresse verraten. Für mein persönliches Haarglück bin ich nun auf ewig registriert.
Tag 1: Schnorren auf der Shoppingmeile
Alexandra: Wasser, Essen, Seife, Zahnbürste. Wasser gibt es an einem Trinkbrunnen in der Haupteinkaufsstrasse, bei McDonald’s einen Pappbecher, um einen Wasservorrat anzulegen. Es ist komisch, mit dem Gratisleben ausgerechnet hier anzufangen, an einem Ort, der nur zum Geldausgeben geschaffen wurde. Mein erstes Mal Schnorren findet in einer Parfumerie statt. Ist mir das peinlich! Es ist nicht das Gleiche, in einem Geschäft erst etwas zu kaufen und dann etwas geschenkt zu bekommen. Ich bin ein Schmarotzer. In meinem Bauch zieht es unangenehm. Der Mann hinter mir stöhnt genervt. Nach einer Stunde Läden abklappern ist mein Selbstbewusstsein zwar im Keller, aber ich habe Zahnbürsten, Seife und Zahnpasta.
Mareike: Allein die Tatsache, dass ich mir nichts kaufen kann, weckt das Verlangen nach Luxus. Dabei dauert unser Experiment erst wenige Stunden. Ich bin auf einem Strassenfest und will mir eigentlich ein vernünftiges Essen organisieren. Bis ich Kinder mit Eis sehe. Ich will auch ein Eis. Lange stehe ich vor einem Zuckerwattestand. Ich bringe es einfach nicht über mich, die Verkäuferin nach einer Portion zu fragen. Ein junger Mann füttert seinen Hund mit Softeis, so eine Verschwendung. An einem Bierstand bekomme ich einen Becher Leitungswasser. Als ich später an einem anderen Stand noch einmal darum bitte, klärt mich der Barmann auf: „Das ist kein Trinkwasser, würde ich nicht trinken.“ Wo soll ich hin – zum Fischbrötchenstand? Nein, zu viele Leute. Crêperie und Dönerimbiss sind auch zu gut besucht. Der Asiamann rührt in seiner grossen Pfanne und hat nichts zu tun. Als er mich fragend anschaut, murmle ich irgendwas von „Hunger“ und „kein Geld“. Er reicht mir eine Plasticschüssel Bratnudeln über die Theke. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Als ich mich bedanken will, hat er sich schon weggedreht. Schämt er sich, mir geholfen zu haben? Bekommt er Ärger? Oder wollte er mich nur los werden?
Alexandra: Später am Abend. Hamburg feiert Hafengeburtstag. Auf einer schmalen Treppe neben einer Kneipe zur Elbe drängeln sich Hunderte von Leuten. Alle in meinem Alter. Alle glücklich. Alle mit Aussicht auf ein warmes Bett. Ich fühle mich schlapp von dem stundenlangen Umhergehen, dem ständigen Lächeln und Bitten. Meine Füsse schmerzen. Ich will ins Bett. In einem kurzen Anflug von Euphorie hatte ich heute Nachmittag die Idee, notfalls einen hübschen Mann kennenzulernen und mich bei ihm einzuquartieren. Deshalb stehe ich auf dieser Party, mit einer Flasche Bier in der Hand, die mir ein netter Barmann zugesteckt hat. Jetzt, wo die meisten Jungs in meinem Alter ziemlich angetrunken und auf Beutefang sind, erscheint mir mein Plan plötzlich als sehr leichtfertig. Noch viel unheimlicher fände ich es allerdings, im Park auf einer Bank zu schlafen. Ich entscheide mich dafür, einfach die Mädchen zu fragen, die auf mich zukommen. Sie plappern und kichern. Ich traue mich nicht, fühle mich ausgeschlossen.
Plötzlich ruft jemand meinen Namen. Freunde! Als die Sonne aufgeht, unterhalten wir uns noch immer an einer Leitplanke am Rande der Party. Das Schamgefühl ist verflogen. Stattdessen fühle ich mich frei. Angespornt von dem Gefühl, nicht auf Konsum angewiesen zu sein und trotzdem einen guten Abend zu haben. Ich gehe ans Ufer, rolle mich auf dem harten Asphalt in meine Decke und schlummere ein.
Mareike: Es ist sechs Uhr morgens. Hatte ich wirklich geglaubt, ein Bettbezug könnte einen Schlafsack ersetzen? Ich kauere frierend auf der Kaimauer, gehüllt in einen mit Eichhörnchen bedruckten Stofffetzen, und komme mir erbärmlich vor. Frühaufsteher gehen an mir vorbei und lachen mich aus. Die Sonne geht auf, verliebte Pärchen tauschen Körperflüssigkeiten aus, Romantik ist das letzte, was ich brauche.
Tag 2: Hunger
Mareike: Die Beton-Nacht steckt mir in den Knochen, und ich habe Schmerzen vor Hunger. Kann man in Imbissbuden einfach so nach Essen fragen? Mit gesenktem Kopf frage ich den Verkäufer in einem orientalischen Imbiss: „Entschuldigen Sie. Ich weiss, es klingt etwas komisch, aber ich habe kein Geld. Könnte ich vielleicht Falafel umsonst haben?“ Er füllt ein Fladenbrot mit frischem Salat, ohne Fragen zu stellen. Ist das der Bambi-Effekt? Neben mir steht ein breitschultriger, behaarter Mann. Dem hätte ein koketter Augenaufschlag sicher nichts genützt.
Alexandra: Ich werde immer müder und muss dringend für die kommende Nacht einen Schlafplatz organisieren. Ohne Geld zu leben, ist ein Vollzeitjob. Den ganzen Tag dreht sich alles um Schlafen und Essen. Ich gehe in ein Hostel. Da arbeiten doch nur nette Leute, jung und weltoffen und von den unzähligen eigenen Weltreisen bestimmt mit Geldmangel vertraut. „Entschuldigung, kann ich heute Abend wiederkommen und umsonst in eurem Gemeinschaftsraum schlafen?“ Hostel eins: klein, gemütlich, geschätzte 50 Betten: „Nein. Wir haben keine Hängematten in der Lobby!“ Hostel zwei: riesig, kühl, geschätzte 500 Betten: „Na ja, Sie können kurz hier sitzen und sich ausruhen.“ Hostel drei: Die Mitarbeiterin empfiehlt ein Obdachlosenheim.
Tag 3: Rohes Hühnchen
Alexandra: Auf dem Wochenmarkt bauen die Verkäufer gerade ihre Stände ab und stopfen alle Auslagen, die sie morgen nicht mehr verkaufen können, in blaue Müllsäcke. Den Moment davor muss man genau abpassen. Ich muss ihn verpasst haben. Einzig ein Fleischer schenkt mir zwei ganze Hühner, die ich „aber nur noch bis Dienstag!“ zubereiten kann. Jetzt fehlt mir nur noch ein Messer und ein Grill.
Mareike: Nach drei Tagen will ich endlich mal schlafen. Dazu muss ich ins Internet und gehe in ein Café mit Gratis-Hotspot. Ein Stadtführer hatte mir heute Morgen von der Couchsurfing-Community erzählt. Leute aus aller Welt stellen ihr Sofa Fremden zur Verfügung und hoffen im Gegenzug auf Gastfreundschaft. Ich habe zwar gerade keine Couch, melde mich aber trotzdem an. Es dauert ewig, bis ich zwei passende Anbieter finde. Ich will schnell noch eine Mail an meinen Freund schicken. Der hat kaum Verständnis für meine Handy- und Internetlosigkeit. Keine Nachricht von ihm im Postfach.
Alexandra: In der Hoffnung, ein Messer und einen Grill zu finden und dabei gleich einen Kaffee gegen die Müdigkeit abzustauben, besuche ich das Mekka der Weiterverwertung: den Gratisladen. Solche Läden gibt es in fast allen Grossstädten. Sie finanzieren sich über Spenden von Gästen. Es riecht nach Mottenpulver und muffiger Kleidung, die Wände sind mit Regalen voller Kleinkram zugestellt. Anstatt Dinge wegzuwerfen, kann hier jeder seinen ausrangierten Besitz los werden. Vielleicht denkt jemand anderes, er wolle genau dieses alte grüne Wählscheibentelefon oder die Mickymauslampe haben. „Recycling“ nennen die Inhaber des Hamburger Umsonstladens das. Ich recycle einen Roman.
Mareike: Die Paranoia wegen meines nicht schreibenden Freundes lässt mich nicht los. Ich suche mir diesmal ein echtes Internetcafé und überstrapaziere die Freundlichkeit des Angestellten. Aus versprochenen zwei werden zwanzig Gratisminuten, und ich muss gehen. Mein Freund hat sich noch immer nicht gemeldet. Dafür ist aber mein Sofaplan aufgegangen, wenn auch erst für den nächsten Tag: Gleich zwei Couchsurfer wollen uns morgen beherbergen. Ich bin wieder etwas besser gelaunt, was auch damit zu tun hat, dass ich morgen Geburtstag habe.
Alexandra: Die Hühner fangen an zu riechen. Da ich weder Messer noch Grill in Aussicht habe und mit zwei ganzen Hühnern im Arm auch niemanden im Park fragen will, ob wir erst gemeinsam die Eingeweide aus dem Vogel pulen und uns dann den Grill teilen, schmeisse ich sie weg. Eine Verschwendung.
Tag 4: Der Geburtstag
Mareike: Seit fünf Minuten habe ich Geburtstag. Ich will etwas erleben, will mein Vierteljahrhundert gebührend feiern. Wieder einmal zahlt es sich aus, ein Mädchen zu sein. Vor einer Spelunke unterhalten sich ein paar Künstlertypen. Sie trinken tatsächlich mein Lieblingsbier. Kurz darauf trinke ich auf ihre Kosten mit und erfinde meine Lebensgeschichte. Die Lügen gehen mir immer leichter von den Lippen, ich amüsiere mich. Dann weiss ich nicht, wie ich es finden soll, dass der DJ mit Prinz-Eisenherz-Frisur anfängt, mir den Nacken zu massieren und sein vollbärtiger Freund mich im 5-Minuten-Takt einlädt, bei ihm zu übernachten. Als sie ihr Konto überziehen wollen, um mir am frühen Morgen ein Frühstück zu spendieren, haue ich ab.
Alexandra: Um nicht kilometerweit zu gehen, hebe ich an der Strasse meinen Daumen und zähle missmutig die grauen Familienkutschen, die an mir vorbeiziehen. Ich würde mich auch nicht mitnehmen. Mein Gesicht ist blass und staubig. Meine Haare sind verfilzt. Meine Kleidung stinkt. Attraktive, lächelnde Frauen bekommen mehr geschenkt als verrottete Stadtstreicherinnen. Ein Klischee, dass sich in den letzten Tagen bewahrheitet hat. Endlich hält ein schwarzer Mini-Cooper. In dem Auto sitzen eine Fotografin aus New York und ein Musiker. „Und was machst du so?“ Ich bete meine übliche Geschichte runter: Ich sei Studentin auf der Durchreise, völlig abgebrannt, müsste dringend zum Hauptbahnhof. Die beiden erzählen von glamourösen Modeshootings in den USA und der Krise der Plattenindustrie. Ich versuche möglichst interessiert auszusehen, denke aber eigentlich an Sauerbraten mit Rotkohl und Klössen und an meine Daunendecke. Ich müsse doch dringend noch was von der Stadt sehen, findet der Musiker und zählt Sehenswürdigkeiten auf. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass ich seit fünf Tagen täglich an diesen Sehenswürdigkeiten vorbeilaufe und bereits in und unter ihnen übernachtet habe. Dass ich aufgehört habe, sie wahrzunehmen, weil ich die ganze Zeit Hunger habe. Bäckereien, in denen trockene Brötchen verschenkt werden, sind für mich interessanter als historische Bauten.
Mareike: Auf den Treppen des Theaters sitzen zwei junge Platzanweiserinnen und rauchen. Ob es möglich wäre, sich nach der Pause umsonst die zweite Hälfte des Stückes anzusehen? Prinzipiell schon, nur leider gebe es heute keine Pause. Schade. Ich will Kultur, Ablenkung von der leidigen Schlafplatzfrage.
Alexandra: Ich habe geschlafen! Zwar am helllichten Tag, aber immerhin! Nach zwei Stunden Tiefschlaf auf dem Betonufer der Alster fühle ich mich so frisch wie seit Tagen nicht mehr. Die Sonne scheint, und Spaziergänger schlendern an mir vorbei. „Guck mal, die liegt ja im Dreck wie eine Obdachlose“, sagt ein Junge.
Mareike: Gegen halb elf sitze ich mit Alex in einer kleinen Bar. Ein junger Autor erzählt die Geschichte von zwei mordenden Medizinstudenten. Vor mir steht eine Schale mit Erdnüssen. Da langen doch immer die Männer hinein, die sich nach dem Pinkeln die Hände nicht waschen. Egal, Schmutz reinigt den Magen, sagte mein Opa oft. Er hat sicher recht, beruhige ich mich und lange zu. Geflissentlich übersehe ich die fragenden Blicke der Barkeeperin. Als der Hut für den Autor herumgeht, würde ich gerne Geld geben. Mein kostenloser Kulturgenuss geht auf Kosten derer, die mich unterhalten. Aber zumindest wissen wir, wo wir heute Nacht schlafen werden. Nach vier Tagen auf der Strasse ist das viel wert.
Tag 5: Noch mehr Hunger
Mareike: Gegen Mitternacht sitze ich mit Alex im Wohnzimmer eines italienischen Naturwissenschafters. Ich bin zufrieden. Habe umsonst Kultur genossen und ein Dach über dem Kopf. Doch ich scheitere am Smalltalk, bin so müde, dass ich kaum ein Wort herausbringe. Nach einer herzlichen Begrüssung scheint unser Gastgeber ein wenig enttäuscht. Zwei wortkarge Landstreicherinnen sind nicht das, womit er gerechnet hat. Ich bin dem Italiener so dankbar, komme mir aber gleichzeitig vor wie ein Parasit. Der nächste Morgen beginnt wunderbar: Ich wasche mich zum ersten Mal seit Tagen mit warmem Wasser.
Alexandra: Die Euphorie von gestern ist weg. Je mehr Hunger ich habe, desto mehr schäme ich mich. Je mehr ich mich schäme, desto verkrampfter wirke ich. Verkrampfte Bedürftige bekommen nichts umsonst zu essen, weil sie unsympathisch wirken. Tag fünf auf der Strasse, ich bin genervt und fertig. „Entschuldigung, was passiert mit den Lebensmitteln, die sie nicht mehr verkaufen können?“ Mitarbeiter in Supermarkt 1: „Die werden heute Abend für die Obdachlosentafel abgeholt.“ Mitarbeiter in Supermarkt 2: „Ich darf Ihnen nichts geben, weil die Geschäftsleitung Angst hat, dass die Mitarbeiter dann anfangen, Sachen, die noch nicht abgelaufen sind, mitzunehmen. Das kann ja niemand kontrollieren!“ In einem kleinen türkischen Supermarkt bekomme ich ein ganzes Kilo Weintrauben. In dem Gemüseladen eine Strasse weiter auch. Das dritte Kilo Weintrauben, das mir der Inhaber eines weiteren Tante-Emma-Ladens überreicht, lasse ich stehen.
Mareike: Vor einem portugiesischen Restaurant stellen die Mitarbeiter die Stühle hoch, die letzten Gäste verlassen das Lokal. Drinnen sitzen die Köche und Kellner um einen Tisch und verputzen, was vom Tage übrigblieb. Der Oberkellner räumt das Buffet ab. Als ich meine übliche Mitleidsnummer abziehe, bittet mich der Chef, Platz zu nehmen, und fragt mich, was ich gerne hätte. Ich bin überrumpelt, damit habe ich nicht gerechnet. Einen Augenblick überlege ich, sein Angebot anzunehmen und mich zu den Angestellten zu setzen. Doch die Scham hält mich zurück. Der Besitzer schaufelt schliesslich einen Berg Meeresfrüchte in einen Styroporbehälter. Ich esse mein Festmahl auf der Strasse. Scampi, Lachs und gefüllte Tomaten hätte ich mir im wahren Leben nicht geleistet.
Alexandra: Es ist dunkel und kalt, und ich weiss wieder nicht, wo ich schlafen soll. Ich will ein eigenes Bett. Ich will meinen MP3-Player. Ich fände es nur gerecht, nach den ganzen Strapazen ein Hotelzimmer zu bekommen, das bucht um diese Uhrzeit sowieso niemand mehr. „Nein“, sagt der Mann hinter der Rezeption, „Nein“, und noch einmal, „Nein“. 85 Euro kostet eine Übernachtung. Daran gibt’s nichts zu rütteln.
Tag 6: Endstation Obdachlosenheim
Mareike: Am Bahnhof entdecke ich zufällig einen Freund und renne auf ihn zu. Er schreckt davor zurück, mich in den Arm zu nehmen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass meine Fersen schmerzen und ich nur noch mit den Ballen auftrete, dass das Pröbchendeo seinen Dienst versagt und meine Haare wie fritierte Mikadostäbchen aussehen. Wirklich unangenehm sind die Halsschmerzen, der Reizhusten und die beginnende Blasenentzündung.
Alexandra: Der Mann neben mir presst seinen Schritt gegen die Öffnung des Mülleimers. Ich brauche einen Moment, bis ich bemerke, dass er pinkelt. Es ist mir egal. Ich sitze am Hauptbahnhof zwischen Obdachlosen. Einfach nur die Augen schliessen, für einen kurzen Moment dösen.
Noch ein Tag, dann ist das Gratis-Leben endlich vorbei. Neben Wasser, Essen, Seife, Zahnbürste fehlen mir besonders zwei Dinge: Ruhe und Zeit. Ein Ort, an den man sich einfach mal zurückziehen kann. Ein Zuhause. Eine Woche ohne Geld, Besitz und soziale Strukturen zu leben, ist ein Kampf, der genau hier endet: am Bahnhof zwischen Obdachlosen – orientierungslos, müde und ohne Willenskraft. Wenn ich nach sechs Tagen schon schlappmache, wie fühlt es sich wohl an, Monate oder Jahre ohne Rückhalt durch die Gegend zu ziehen? Ohne den sicheren Gedanken, dass ja eigentlich alles ein Spiel ist? Ein kleiner Bus hält, und eine Hilfsorganisation verteilt Suppe und Brötchen an die Männer und Frauen auf der Strasse. Ich bleibe sitzen. Ich wollte schliesslich versuchen, mit Gratisprodukten zu überleben, und nicht, obdachlos sein. Dass ich eingeschlafen bin, merke ich erst, als Mareike mich wachrüttelt und sagt: „Siehst du auch alles durch so einen Schleier?“
Mareike: Ich schleppe die entkräftete Alex zur Obdachlosenstelle. Heute kümmern wir uns mal rechtzeitig um eine Unterkunft. Ich bin bereit, alles mitzumachen, nur nicht noch eine endlos lange, kalte Nacht auf der Strasse. Der Eingangsbereich ist beklebt mit handgeschriebenen Suchmeldungen von Verwandten oder Freunden nach Heimatlosen, die verschollen sind. „Das ist nichts für Touristinnen“, sagt die Mitarbeiterin. Viel zu gefährlich, sie könne uns nicht neben drogenabhängigen Frauen schlafen lassen. Um uns vom eigenen Elend abzulenken, besuchen wir eine Ausstellung, die auf Plakaten in der ganzen Stadt beworben wird.
Alexandra: Ich bin nur wegen der Häppchen an die Vernissage gekommen. „Nur für geladene Gäste“, sagt der Türsteher des Museums und führt Mareike und mich wieder nach draussen. Auf dem Vorplatz: ein BMX-Fahrer. Vielleicht können wir ja bei ihm pennen? Ich schnorre eine Zigarette und erkläre ihm unsere Lage. Als Mareike sich ihre Arme mit Hygienetüchern abreibt, die nach Zitronenreiniger mit Chlorzusatz stinken, wird der BMX-Fahrer wortkarg. „Ihr habt nicht einmal Geld für Internet?“ Die Einladung auf seine Couch bleibt aus.
Mareike: Die Vernissage war ein Reinfall. Kein Schlafplatz. Ich bin orientierungslos, trotte hinter Alex her. Wir strolchen auf einem Industriegelände herum, mehrere Laster kommen uns entgegen: Wir sind auf dem Fleischgrossmarkt, von hier aus werden Supermärkte und Restaurants beliefert. Ich bin seit zehn Jahren Vegetarierin. Zum ersten Mal erscheint mir der Gedanke an ein gebratenes Stück Fleisch nicht widerwärtig.
Tag 7: Arrogantes Arschloch
Mareike: Wir liegen in einem Park und dösen. Lassen die vergangene Woche Revue passieren. Meine Kleider kleben an meinem Körper, ich fühle mich zwar ausgelaugt, aber irgendwie auch stärker. So, als könnte ich ohne weiteres eine Woche im Dschungel überleben, Würmer fressen und mir aus Bananenblättern ein Haus bauen. Dann raffe ich mich auf. „Es reicht jetzt mit dem Gratis, oder?“ sage ich. Ich schalte mein Handy an. Verspätete Geburtstagsglückwünsche per SMS trudeln ein. Besonders schön: „PS: Falls du einem Axtmörder zum Opfer gefallen sein solltest, betrachte diese SMS bitte als gegenstandslos.“
Alexandra: Als ich geduscht bei meiner besten Freundin zum Essen sitze, vollkommen zufrieden über die Rückgewinnung meines Alltages, erklärt sie mir über ein abgenagtes Hühnerbein hinweg, dass ich ein arrogantes Arschloch sei. Über meine Woche ohne Geld mosere, ohne zu wissen, was Armut wirklich bedeute. Sie hat recht.
Alexandra Eul und Mareike Rehberg studieren Journalistik an der Hamburg Media School.
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