NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Was Geld und Namen hat

Die ältesten und die reichsten, die guten und die bösen: Ein Streifzug durch die bunte Landschaft der Familienunternehmen.

Von Andreas Heller

Der Fonjallaz SA in Epesses fällt die Ehre zu, das älteste Familienunternehmen der Schweiz zu sein. 1531 begann Pierre Fonjallaz an den Hängen des Lavaux Wein anzubauen und zu keltern. Nach ihm übernahm Urbin, dann Simon, später Antoine und so weiter. Heute führt der 1946 geborene Patrick den Betrieb in 13. Generation. Die lange Erfolgsgeschichte des Unternehmens ist eng mit dem Weisswein La République verknüpft, den man früher in jedem Speisewagen und jedem Waadtländer Restaurant zu trinken bekam. Heute ist er vom omnipräsenten Aigle les Murailles etwas verdrängt worden, aber noch immer zählt Fonjallaz für schweizerische Verhältnisse zu den Grossbetrieben. Zwischen Lausanne und Montreux kultiviert die Firma in 6 Ortschaften auf 30 Hektaren Reben, 400 000 Flaschen werden im Jahr abgefüllt. Patrick Fonjallaz hat zwei Kinder im Alter von 6 und 11 Jahren. Ob sie dereinst den Betrieb weiterführen werden, steht noch in den Sternen. Aber das ist dem Vater, der die lange Tradition ohnehin nicht an die grosse Glocke hängt, gar nicht so wichtig: «Ich erwarte nichts», sagt er. «Ich will nur, dass sie ihr schönes Lachen behalten.»

Man ist gerne unter seinesgleichen. In der internationalen Vereinigung Les Hénokiens haben sich 44 der ältesten ­Familienunternehmen zusammengeschlossen. Die Bedingungen für eine Mitgliedschaft sind streng: Das Unternehmen muss mindestens 200 Jahre alt sein, sich mehrheitlich im Familienbesitz befinden und von einem Nachkommen des Gründers operativ geleitet werden. Der Name Hénokiens leitet sich ab von der biblischen Gestalt Henoch, ­einem Ausbund an Fruchtbarkeit und Langlebigkeit, und langlebig sind die Clubmitglieder in der Tat. An den Jahrestreffen versammeln sich die Aristokraten der Wirtschaft, Unternehmerfamilien, die Kriege, Depressionen und technische Revolutionen überlebt haben, Kapital, das sich über Jahrhunderte angehäuft hat: Baron Freiherr Stephan ­Poschinger von Frauenau, der in 12. Generation im Bayrischen Wald die Poschinger Glasmanufaktur leitet, trifft sich mit seinem norddeutschen Kollegen Wilfried Neuhaus-Galladé, in 7. Generation Hersteller von Winden für Schleusen und Krananlagen, der Pariser Musiknotenverleger Pierre Lemoine, derzeitiger Chef der 1772 gegründeten Editions Lemoine, tauscht sich aus mit den Gebrüdern Hugel, Weinbauern im Elsass seit 1639. Am meisten Mitglieder hat der exklusive Zirkel in Italien, wo der Familienkapitalismus die Wirtschaft trotz anhaltenden politischen Krisen in Schwung hält. Mit dem Titel der Hénokiens schmücken sich klassische Handwerks- und Industriebetriebe wie der florentinische Juwelier Torrini (gegründet 1369) oder der Büchsenmacher Beretta (1526), der Lakritzenhersteller Amarelli (1731) aus Kalabrien, der Hochzeitskonfektproduzent Pellino (1783) aus Sulmona, der Glockengiesser Daciano Colbachini aus Padua (1745), der neapolitanische Reeder Augustea (1629), der Früchtepapierhersteller Mantovana (1615). Die Schweiz ist mit zwei Genfer Privatbanken vertreten: mit Lombard Odier Darier Hentsch, gegründet 1796, und der Bank Pictet (1805).

Kongo Gumi war lange Zeit das ­älteste Familienunternehmen der Welt. Der japanische Tempelbauer wurde bereits 508 gegründet, als Shotoku Taishi Mitglieder der Familie Kongo aus Bekje im heutigen Korea nach Japan holte, um den buddhistischen Tempel Shitenno-ji in Osaka zu erstellen. Im Laufe der Jahrhunderte baute die Familie viele weitere bekannte Gebäude, beispielsweise die Burg Osaka. Das Unternehmen überstand alle Krisen, in Kriegszeiten hielt man sich erfolgreich mit dem Bau von Rüstungen und Särgen über Wasser – und nach den Kriegen folgte der nächste Bauboom. Das Aus kam in der 40. Generation. 2006 wurde Kongo Gumi von der Takamatsu Construction Group übernommen und wenig später wegen Verschuldung aufgelöst. Seither gilt offiziell das traditionelle japanische Gasthaus Hoshi Ryokan bei Komatsu als ältestes Familienunternehmen der Welt. Die erste Etappe war der Bau eines einfachen Bades bei einer heissen Quelle im Jahre 718. Der heutige Hotelkomplex mit 100 Zimmern wird in der 46. Generation von Zengoro Hoshi geführt.

In der Schweiz sind 88 Prozent aller Firmen Familienunternehmen. Und welches sind die bekanntesten und interessantesten? Eine Jury von Experten aus Wissenschaft und Praxis, Unternehmensberatung und Publizistik hat 100 Unternehmen ausgewählt. Die Liste enthält bekannte Namen wie Camille Bloch (Schokolade), Victorinox (Taschenmesser), Ricola (Kräuterzucker), Roviva (Matratzen), ­Patek Philippe (Uhren), Bernina (Nähmaschinen). Aber auch einige verborgene Perlen mit einer spannenden Geschichte: etwa die im Grosshandel tätige und einst von entfernten Verwandten des berühmten Pädagogen dirigierte Firma Pestalozzi. Oder die vor über 100 Jahren gegründete Sicherheitsfirma Securitas der diskreten Familie Spreng. Die Publikation «Schweizer Standards – aus bester Familie» erscheint nächsten Februar im Verlag NZZ Libro.

Über märchenhaften Reichtum verfügen die indischen Unternehmerclans. Drei Familien beherrschen mehr oder weniger alle Schlüsselindustrien des Landes. Die Unternehmensgruppe der Familie Tata liefert alles, was der Inder zum Leben braucht: Autos und Lastwagen, Kühlschränke, Stahl und Medikamente, Tee und Saatgut, Strom und Versicherungspolicen. Das Unternehmen wurde 1868 von Jamsetji Nusserwanji Tata als kleines Textilfabriklein gegründet, heute ist es ein Riesenkonzern mit rund 300 000 Mitarbeitern. Seit 1991 wird das Unternehmen von Ratan Tata geleitet, der allerdings nur 1 Prozent des Kapitals besitzt. Fast zwei Drittel der Aktien halten zwei gemeinnützige Trusts. Für Aufsehen sorgte Ratan Tata mit dem Kauf der britischen Traditionsmarken Tetley Tea, Landrover und Jaguar. Die Milliardeninvestitionen kurz vor der Wirtschaftskrise müssen nun verdaut werden, und wegen der angespannter Finanzlage rief Ratan Tata in letzter Zeit seine Manager wiederholt zu grösserer Finanzdisziplin auf. Er selbst gibt sich, wie es sich für einen Parsen ziemt, relativ bescheiden – jedenfalls stellt er seinen Besitz (darunter mehrere Flugzeuge und Sportwagen) nicht derart penetrant zur Schau wie andere reiche Inder.

Einen weniger guten Ruf geniessen die Gebrüder Am­bani. Anil und Mukesh Ambani erbten von ihrem Vater Dhirubhai einen Milliardenkonzern mit zahlreichen Firmen in den Branchen Textilfasern, Petrochemie, Öl, Stromversorgung, Telekom und Finanzdienstleistungen. Da der Vater kein Testament hinterliess, gerieten die beiden Brüder bald aneinander und teilten den Riesenkonzern 2004 unter sich auf. Trotzdem hat sich die Beziehung zwischen den ungleichen Brüdern alles andere als entspannt. Immer wieder kommt es zu Querelen. So weigert sich zum Beispiel Mukesh, seinem Bruder Erdgas zu liefern, weshalb dieser den Bau eines Kraftwerks in der Nähe von Delhi gestoppt hat. Die Zeche zahlen die Bewohner der Millionenstadt, wenn mitten im Sommer in der grössten Hitze wegen Kapazitätsengpässen der Strom abgestellt werden muss. Die zerstrittenen Brüder, beide um die fünfzig, leben immer noch bei ihrer Mutter, doch der ältere (und reichere), ­Mukesh, will ausziehen. Sein Privathaus in Mumbai ist demnächst bezugsbereit. Es ist 27 Stockwerke hoch und verfügt über eine Garage für 300 Autos.

Kaum noch in seiner Heimat tätig ist ein weiterer bekannter indischer Multimilliardär, der Stahlbaron Lakshmi Mittal. Er residiert schon seit Jahren im teuersten Viertel von London, bisweilen auch in seiner Villa am Suvrettahang in St. Moritz. Der 58jährige ist Vorsitzender des Vorstands von ArcelorMittal, des mit über 300 000 Angestellten mit Abstand grössten Stahlkonzerns der Welt. Sein ­Imperium hat er zum wesentlichen Teil selbst erschaffen, indem er reihenweise marode Stahlhersteller übernahm und dann vom Nachfrageboom in den letzten Jahren profitierte. Für Aufsehen sorgte er unter anderem mit der opulenten Hochzeit, die er für seine Tochter in Paris ausrichten liess und die angeblich 64 Millionen Franken kostete.

Der reichste Mann der Welt ist Bill Gates mit einem Vermögen von 40 Milliarden Dollar. Noch reicher sind allerdings die Waltons mit 70 Milliarden. Jim, John, Samuel Robson, Alice und Helen Robson Walton, die vier Kinder und die Ehefrau des 1992 verstorbenen Wal-Mart-Gründers ­Samuel Moore Walton, gelten als die reichste Unternehmerfamilie. Die Familie besitzt noch immer ein respektables Aktienpaket am – gemessen am Umsatz – drittgrössten Unternehmen der Welt. Der 1962 gegründete Einzelhändler betreibt in den USA über 3700 Filialen und ist auch in vielen andern Ländern mit Discountketten präsent. Dass man sich mit Billigläden eine goldene Nase verdienen kann, zeigt auch ein Blick nach Deutschland. Die beiden umsatzstärksten Familienunternehmen sind dort Aldi und Lidl. Beide Firmen sind äusserst verschwiegen, geben praktisch keine Zahlen bekannt und werden über verschachtelte Stiftungen von den Gebrüdern Albrecht beziehungsweise von Dieter Schwarz kontrolliert.

Eine andere Familiendomäne ist die Autoindustrie, wo erstaunlich viele Weltkonzerne bis heute von den Gründerfamilien dominiert werden: Fiat von den Agnellis, BMW von der Familie Quandt, Peugeot von den Peugeots, ­Toyota von der Familie Toyoda. Beim grössten Autokonzern der Welt führt mit Akio Toyoda wieder ein Nachfahre des Gründers das Unternehmen. Er ist der Enkel von Firmengründer Kiichiro Toyoda.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.