Die Psychologin
Da hat jemand ein gar grosses Flair für Textiles und Ornamentales: Teppiche, Zierkissen und Deckeli, sogar den iMac erster Stunde schmückt Gesticktes!
Ein Sammelsurium an Farben und Mustern, ein Neben- und Übereinander von einer starken optischen Qualität, viele Details sind scheinbar wahllos zusammengewürfelt. Ein sympathisches Patchwork herrscht hier in einer Art Wohnbasar; ein Hauch Exotik, Nonchalance ohne Schwere. Der Wohnung haftet trotz vielen Sesseln und Sitzkissen nichts behäbig Sesshaftes an.
Hier wohnt ein auswärtiger Mensch, er ist woanders verwurzelt und von weit her zugewandert. Wo ist da wohl der heimatliche Standort? Vielleicht ein orientalischer Fleck auf der Landkarte, so wie die diversen Flecken von Teppichen und Bildern auch gegen Osten weisen?
Sorgt die Fussreflexzonenmatte für Bodenhaftung in der neuen Heimat? Im Wohnzimmer liegt die gemütvolle Musikecke, eine improvisierte Büroecke, ein Massagefuton – hier zählen die Menschen, ihre Verschiedenheiten und ihr Zusammensein; nicht nur in der Bemusterung der Einrichtung hat man keine Berührungsängste, man rückt hier gerne nahe zusammen, zur gemeinsamen Teestunde und auch sonst.
Trotz Kinderzeichnungen an den Wänden sind keine Wohnspuren einer Jungmannschaft zu sichten. Sind die Kleinen nicht mehr klein, flügge und unterwegs oder schon selber Eltern und die Bewohner schon Oma und Opa, oder ist man begeistert Gotte oder Götti? Koch- und Waschräume gäben vielleicht Hinweise, die bleiben uns aber verschlossen. Vielleicht sind sie diesen Bewohnern zu privat, intimer gar als das Schlafzimmer mit einem Bett wie ein Riesensofa.
Eine Frau schläft bestimmt hier, vielleicht auch ein Mann, dann wären es zwei, die sehr fest zusammengehören.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Auf den ersten Blick haben sich Okzident und Orient auf eine interessante Verbindung eingelassen. Klassiker, wie der Freischwinger von Marcel Breuer oder der Unitisch von Atelier Alinea, mischen sich mit Decken, Kissen und Teppichen orientalischer Provenienz.
Vermutlich wird hier Wein und Tee getrunken. Stammt ein Teil der Bewohner aus einem östlichen Land? Oder ist man einfach nur viel umhergereist in seinem Leben? Ein Flair fürs Textile ist unschwer zu erkennen. Ein Tick gar? Sind hier Sammler am Werk, die von Basaren aus aller Herren Ländern bunt Besticktes zusammentragen? Selbst der iMac und der DVD-Player werden mit zarten Decklein bedacht.
Im Esszimmer haben Boden, Wände und Decke dieselbe Farbe, wodurch der eher zu kleine bunte Teppich einen Akzent setzt, als wollte der Tisch mit der Stuhlgruppe auf dem Teppich in die Ferne schweben. Auch die kubische Standleuchte Lotek von Benno Premsela im Arbeitszimmer möchte abheben. Lebt hier ein Yogameister, der die Schwerkraft überwindet, oder beschäftigen sich die Bewohner mit asiatischer Heilkunst? Behandelt man im Wohnraum Fussreflexzonen?
Ähnlich magisch sind die Grössenverhältnisse der Möbel im Schlafzimmer: der Hochlehner vor dem Minitischchen oder das gedrechselte Regal. Während dessen Schubfächer eine Höhe für grosse Leute aufweisen, ist die kleine Etagère am Boden mit dem Fernseher eher für die Siamkatze gedacht, die hier irgendwo herumwuselt.
Stefan Zwicky
Saadet Türköz, Sängerin und Shiatsu-Therapeutin
«Menschen brauchen viel weniger, als sie besitzen. Erinnerungen sind nicht nur materiell, die hat man eher im Herzen und im Kopf. Das Wichtigste sind eigentlich Teppiche – dann braucht man nicht mehr viel anderes.
Teppiche sind für Kasachen das zentrale Möbelstück. Ich bin Kasachin, kam in Istanbul auf die Welt, wo ich fast zwanzig Jahre lebte. Mit meinen Eltern und den sechs Geschwistern wohnten wir in einer Dreizimmerwohnung. Ein Zimmer gehörte uns Mädchen, eines den Buben, eines den Eltern. Es war schlicht, manchmal hatten wir stundenlang keinen Strom, dann sassen wir bei Kerzenlicht beisammen. Unser Alltag spielte sich auf dem Fussboden ab, eben auf schönen, bunten Teppichen. Wir assen auf dem Boden. Wir hatten keine Betten. Wir schliefen auf Matten, die wir tagsüber zusammenrollten. Platz für Gäste hatten wir dennoch immer.
Die Teppiche in meiner Wohnung hier in Zürich sind kasachisch und aus Ostturkestan, woher meine Eltern stammen. Mein Vater ist leider verstorben. Meine Mutter hat mich hier schon mehrmals besucht. Fotos von ihnen beiden hängen in meinem Schlafzimmer über dem Regal. Wir haben eine enge familiäre Bindung. Meine älteste Schwester lebt im Thurgau, sie war für mich auch der Grund, vor über zwanzig Jahren in die Schweiz zu kommen. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Meine Mutter sammelte unermüdlich für meine Aussteuer. Irgendwann gab sie die Hoffnung wohl auf, dass ich heiraten würde, obwohl das Thema für mich durchaus nicht abgeschlossen ist. Sicherheitshalber übergab sie mir bereits all die von ihr selbst bestickten Decken und Kissenbezüge.
Meine Wohnung ist eine Atelierwohnung – zum Leben und Arbeiten. Ich mietete sie, ohne sie zuvor gesehen zu haben, da ich gerade in Sizilien auf einer Konzerttournee war. Parterre zu wohnen, erinnert mich an meine Kindheit. In Istanbul lebten wir ebenerdig, in einem sogenannten Gecekondu, in einer ‹über Nacht gebauten Behausung›.
Vor meinem Küchenfenster liegt der Kinderspielplatz. Es ist lebendig, wenn sie spielen, das gefällt mir. In der Siedlung leben etwa dreihundert Leute. Es hat etwas von einem Dörfchen. Ich habe einige sehr nette Nachbarn, die mir auch treue Shiatsu-Patienten sind. Shiatsu ist eine Heilmassage. Ich lege den Futon aus, sie legen sich bekleidet darauf und dürfen sich entspannen. Ich war für die Weiterbildung in Japan, dort gilt Shiatsu als Hausmittel und nicht als Beruf.
Meine Familie stellte in Istanbul Lederwaren für Hippietouristen her. Wir waren ein richtiges kleines Familienunternehmen, nähten zu Hause und verkauften in unserem Laden auf dem berühmten Grand Bazar. Wir Kinder waren immer schon sehr selbständig. In die Schule ging ich nicht gerne, da ich keine Prüfungen mag. Etwa mit 15 Jahren begann ich zu Hause beim Nähen zu helfen. Während der Arbeit hörte ich stets Radio, am liebsten klassisches Wunschkonzert, alles, von Paganini bis Bach.
Kasachen singen, wenn sie beisammen sind. Meine Musikalität allerdings entdeckte ich in der Koranschule, die ich kurze Zeit besuchte. Das Lesen des Korans ist sehr melodiös. Ich war nie auf einem Konservatorium, ich habe immer improvisiert. Auswendig zu lernen, das liegt mir nicht. Mein Gesang ist sehr archaisch, zeitlos – manche würden sagen volkstümlich.
Ich bin so oft unterwegs, dass mich meine Freunde auch Nomadin nennen. Ich reise aber nur gern, um zu musizieren. Bis vor zehn Jahren hatte ich einzig einen Tisch und ein Bett. Seither haben sich in der Wohnung viele Dinge von meinen Reisen angesammelt.
Mein Alltag ist unregelmässig. Mir gefällt das, da ich sonst den Eindruck bekäme, mein Leben sei zu schnell zu Ende und verliefe nicht rund. Nicht zu wissen, was mich in der nächsten Woche erwartet, ist ein ständiger Balanceakt.
Wenn ich Freunde zu mir nach Hause einlade, koche ich meist einen Eintopf mit Lammfleisch, viel Gemüse und Koriander. Ich brauche genügend Schlaf. Schlaf macht schön. Aber ich mag auch die Nächte. In der Stille schreibe ich gern meine Gedanken für die Lieder auf.
Ich wuchs am Marmarameer auf. Manchmal vermisse ich den Geruch nach Meer. Vielleicht gefällt mir deshalb die Lage meiner Wohnung so gut. Ab und zu riecht man hier zumindest den See.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.