NZZ Folio 04/08 - Thema: Die Sinne   Inhaltsverzeichnis

Die Macht des Unbewussten

© Hansjörg Egger, Uster
Nicht einmal ein Prozent dessen, was das Gehirn gerade tut, wird uns bewusst. Linktext
Nur wenig von dem, was auf unsere Sinnesorgane einprasselt, nehmen wir bewusst wahr. Alles andere entfaltet seine Kraft in den Tiefen des Ichs.

Von Bas Kast

Der Unfall, der Dianes Leben für immer verändert hat, passierte unter der Dusche. Die Frau ahnte nicht, dass der Boiler, der das strömende Wasser wärmte, schlecht belüftet war. Als sich das Propangas entzündete, füllte sich das Badezimmer mit hochgiftigem Kohlenmonoxid. Diane fiel in Ohnmacht und wäre auf den Fliesen gestorben, hätte ihr Ehemann sie nicht zufällig rechtzeitig entdeckt.

Als Diane aus dem Koma erwachte, nahm sie die Welt nur noch schemenhaft wahr. Für Formen ist sie seitdem so gut wie blind. Auch den Briefkasten konnte sie nicht sehen, den der Psychologe David Milner von der Universität Durham bei einer Untersuchung vor sie hinstellte. Doch als er ihr einen Brief in die Hand drückte und sie aufforderte, ihn einzuwerfen, drehte sie ihre Hand genau so, dass der Brief in den Schlitz passte (der nicht wie gewohnt horizontal war). Diese blinde Frau kann sehen! Wie ist das möglich? Wer, wenn nicht Diane, hat den Briefschlitz gesehen und dafür gesorgt, dass sich ihre Hand exakt an der Ausrichtung des Schlitzes orientierte? Es gibt dafür nur eine Erklärung: Es war Dianes Gehirn, genauer gesagt – ihr Unbewusstes.

Das Unbewusste. Wer das Wort hört, dem fällt sofort der Name Sigmund Freud ein. Der Wiener Psychoanalytiker hat das Unbewusste populär gemacht. Doch Freuds Bild vom Unbewussten war einseitig – und eher negativ. Freud sah im Unbewussten in erster Linie eine für das Ich bedrohliche, ja gefährliche Kraft. Das Unbewusste erschien ihm als düsterer Ort, wo sich unerwünschte Triebe und verdrängte Traumata tummeln, die uns das Leben schwermachen. Dieses schlechte Image hat sich in den letzten Jahrzehnten geradezu umgekehrt: Die meisten Forscher sehen das ­Unbewusste inzwischen nicht mehr als Feind des Ichs, ­sondern als Freund, ohne den wir im Alltag gar nicht klarkämen.

Das allermeiste, was sich in unserem Kopf abspielt, da sind sich alle Wissenschafter mit Freud einig, wird unbewusst erledigt. Der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen schätzt, dass uns nur 0,1 Prozent dessen, was das Gehirn gerade tut, bewusst werden. Den Rest verarbeitet das Gehirn unbewusst. Dabei besteht die Arbeit des Unbewussten vor allem darin, die Sinneseindrücke, die auf uns einprasseln, «abzufangen». Das Unbewusste ist unser grösstes «Sinnesorgan». Nehmen wir den Sehsinn als Beispiel: Wie der Fall Diane demonstriert, verarbeitet das Gehirn visuelle Eindrücke teilweise völlig ohne Beteiligung des Bewusstseins. Diese Hirnbereiche nehmen einen Briefschlitz wahr, ohne dass wir auch nur einen Hauch davon mitbekommen.

Da das Unbewusste uns per definitionem nicht bewusst wird, haben wir den Eindruck, es sei gar nicht vorhanden. Wir haben das Gefühl, alle Vorgänge, die sich in unserem Geist abspielen – alles, was wir denken und wahrnehmen –, würden uns bewusst. Aber dieser Eindruck täuscht. Das zeigt zum Beispiel der sogenannte «Cocktailparty-Effekt». Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer Party und unterhalten sich mit jemandem. Hinter Ihnen führen zwei andere Personen ein Gespräch, auf das sie aber nicht achten. Plötzlich horchen Sie irritiert auf: Eine der beiden Personen hat Ihren Namen genannt. Sie wissen natürlich, dass Sie dem Gespräch der beiden bis dahin nicht zugehört haben. Nur, wenn das wirklich so wäre, wie konnten Sie dann bei Ihrem Namen plötzlich aufhorchen? Die Antwort lautet: In Wahrheit hat Ihr Unbewusstes die Unterhaltung sehr wohl verfolgt, Wort für Wort. Benachrichtigt hat es Sie allerdings erst, als Ihr Name fiel.

Der «Cocktailparty-Effekt» offenbart eine der Hauptfunktionen des Unbewussten. Jede Sekunde schicken unsere Sinne Millionen von Einzeleindrücken an das Gehirn. Müssten wir diese Informationen alle bewusst auswerten, wären wir schlichtweg überfordert. Unser Bewusstsein würde in einer Informationsflut ersticken. Wie eine Art Vorzimmer schirmt das Unbewusste unser Bewusstsein von dem überwältigenden Input aus der Aussenwelt ab, sortiert die Rohdaten vor, filtert sie – und leitet nur die wirklich relevanten Botschaften an das Bewusstsein weiter.

Diese unbewusste Vorarbeit ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil der Arbeitsspeicher des bewussten Verstands äusserst begrenzt ist. In Tests hat sich herausgestellt, dass das Bewusstsein nicht mehr als 60 Bits pro Sekunde verarbeiten kann. Bits sind die Basiseinheiten der Information (das Wort kommt von «binary digit», also Binärziffer; binär heisst «aus zwei Einheiten bestehend»). Beim Lesen dieses Satzes zum Beispiel verarbeitet Ihr bewusster Verstand rund 45 Bits pro Sekunde. Beim Rechnen sinkt die Zahl auf etwa 12 Bits.

Auch die Kapazität des Unbewussten hat man versucht in Bits zu erfassen. So hat man berechnet, mit wie vielen Zellen unsere Sinnesorgane ausgestattet sind und wie viele ­Signale diese Sinneszellen an das Gehirn weiterleiten. Die Zahlen, die dabei herauskommen, sind astronomisch: Allein die Augen schicken pro Sekunde mindestens 10 Millionen Bits an das Gehirn. «Und das ist noch eine sehr vorsichtige Schätzung», sagt der Hirnforscher Christian Keysers von der Universität Groningen in den Niederlanden. Mit anderen Worten: Der Arbeitsspeicher des Unbewussten ist dem des Bewusstseins haushoch überlegen. Das Unbewusste gleicht, wenn man so will, einem Schwamm, der ununterbrochen dabei ist, Sinneseindrücke in sich auf­zusaugen. Aber das Unbewusste ist mehr als bloss ein Schwamm. Es saugt nicht nur Informationen in sich auf. Es tut auch etwas mit diesen Informationen: Das Unbewusste verändert und steuert zum Beispiel unser Verhalten.

Nehmen wir an, Sie kämen zu mir zu Besuch, in die Redaktion des «Tagesspiegels» in Berlin. Sie kommen hoch in den vierten Stock, spazieren dort den Flur entlang bis zum Büro 411, wo ich schon mit einem Blatt Papier auf Sie warte. Auf dem Blatt Papier stehen Wörter, die Sie in die richtige Reihenfolge bringen sollen, damit daraus ein vernünftiger Satz wird. Wenn nötig, dürfen Sie hier und da auch ein Wort ergänzen:

blühen Heim Fenster die Kirschen
Schuh geben reparieren alt der
beobachtet langsam andern er gelegentlich
geht Park er einsam in
Himmel grau nahtlos ist der
sich zurückziehen sollte er vergesslich

Sobald Sie fertig sind, dürfen Sie wieder gehen. Ja, Sie müssen sogar wieder gehen, denn erst dann ist das Experiment beendet. Hätte man Sie nämlich bei Ihrem Hin- und Rückweg beobachtet und mit einer Stopuhr gemessen, wie schnell Sie gehen, man wäre dabei auf etwas Bemerkenswertes gestossen: Man hätte gemessen, dass Sie mein Büro langsamer verlassen haben, als Sie gekommen sind.

Genau das stellte der US-Forscher John Bargh von der Universität Yale fest, als er diesen Versuch in seinem Labor machte. Die Testpersonen hatten keine Ahnung, worum es bei dem kleinen «Sprachtest» ging. Keiner fiel auf, dass die Wörter, die sie zu Sätzen zusammenstellen sollten, mit Wörtern wie «Heim», «einsam», «langsam», «vergesslich» und «grau» durchsetzt waren – alles Wörter, die wir mit dem Thema Alter verbinden. Und doch hatten die Wörter die Leute auf der Stelle altern lassen, rein psychologisch natürlich und nur vorübergehend. Die Folge: Als sie den Laborraum verliessen, bewegten sie sich langsamer als Testpersonen, deren Text keine mit dem Alter assoziierten Wörter enthalten hatte.

Barghs Versuch belegt, dass sich unser Verhalten durch unbewusste Reize beeinflussen lässt, und zwar messbar – und das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Werbe­industrie. Wäre es nicht wunderbar, wenn man Botschaften oder gar Kaufbefehle in das Gehirn von Kunden schmuggeln könnte, ohne dass ihr bewusster Verstand etwas davon merkt?

Schon vor gut fünfzig Jahren, 1957, glaubte man, den Durchbruch geschafft zu haben: Damals verkündete der amerikanische Marketingexperte James Vicary, er habe im Kino mit Hilfe unterschwelliger, in Sekundenbruchteilen auf die Leinwand projizierter Befehle wie «Iss Popcorn!» oder «Trink Coca-Cola!» die Kinogänger veranlasst, in der Pause mehr Popcorn und Coca-Cola zu kaufen. Die Sache stellte sich jedoch schon bald als Lüge heraus. Seitdem ist es in keinem Versuch gelungen, das Gehirn von Testpersonen mit unbewussten Befehlen gezielt zum Kauf eines ganz bestimmten Produkts zu veranlassen. Was aber sehr wohl funktioniert, ist, dass man das Gehirn unterschwellig auf eine gewisse Produktgruppe einstimmt. In einem Versuch liessen Forscher französische Akkordeonklänge im Supermarkt spielen. Wie sich zeigte, griffen die Kunden unter diesen Umständen öfter zu französischem Wein als sonst. Wurden die Leute dagegen mit bayrischer Blasmusik beschallt, entschieden sie sich eher für einen deutschen Tropfen, obwohl die meisten gar nicht auf die Musik achteten, zumindest nicht bewusst.

Ein Team niederländischer Forscher trieb die Sache kürzlich auf die Spitze und kam damit dem Wunschtraum der Werbeindustrie bisher am nächsten. Sie präsentierten Testpersonen für den Bruchteil einer Sekunde die Marke eines bestimmten Eistees. Als die Psychologen die Probanden anschliessend fragten, ob sie lieber ein Glas Mineralwasser oder einen Eistee hätten, stellte sich heraus: Jene, deren Unbewusstes man auf Eistee eingeschworen hatte, bevorzugten den Eistee – aber nur, wenn sie durstig waren. Anders gesagt: Wenn ein bestimmtes Bedürfnis ohnehin vorhanden ist, dann kann man das Gehirn mit unbewussten Reizen durchaus in eine gewisse Richtung lenken.

Das beweist auch ein weiteres Experiment, in dem Versuchspersonen das Bild eines Unbekannten gezeigt wurde, wiederum nur so kurz, dass die Leute meinten, sie hätten gar nichts gesehen. Darauf wurden sie in ein Gespräch mit zwei Personen verwickelt. Was sie nicht wussten: Bei einer dieser Personen handelte es sich um den Unbekannten, den sie gerade unbewusst gesehen hatten. Es stellte sich heraus, dass die Leute diesem «Unbekannten» im Gespräch viel öfter zustimmten als der anderen Person. Es gibt also zweifellos so etwas wie eine Macht unbewusster Psychomanipulation – aber sie hat ihre Grenzen. So kann man leider keine Fremdsprachen lernen, indem man sich schlafen legt und das Unbewusste mit Vokabeln beschallt. Auch Diätprogramme, die mit unterschwelligen Botschaften auf das Unbewusste zielen, funktionieren nicht.

Das hängt damit zusammen, dass sich unterschwellig zwar Informationsfetzen, nicht aber logisch zusammenhängende Botschaften vermitteln lassen. Beispiel: Präsentiert man dem Gehirn den Befehl «Iss weniger!» für die Dauer einiger Millisekunden, schnappt das Hirn nur die Information «Iss» auf, nicht aber die vollständige Aussage. Auf diese Weise könnte der Versuch, mit unterschwelliger Beeinflussung ein paar Pfunde los zu werden, den gegenteiligen Effekt haben. Und doch: Trotz diesen Einschränkungen sollte man das Unbewusste nicht für dumm halten. Im Gegenteil, ­gerade in den letzten Jahren wurden einige spektakuläre Versuche gemacht, die offenbaren: Gerade in komplexen Situationen schneidet unser Unbewusstes mit seiner enormen Kapazität besser ab als unser eher begrenztes Bewusstsein.

Keiner hat das eindrücklicher demonstriert als der niederländische Psychologe Ap Dijksterhuis. Einer seiner Versuche lief wie folgt ab: Dijksterhuis konfrontierte Testpersonen mit vier Autos, die er mit je vier Eigenschaften («Auto 1 hat viel Beinfreiheit», «Auto 2 ist schnell» usw.) beschrieb. Somit mussten die Leute insgesamt 16 (vier mal vier) Informationshäppchen verarbeiten. Die Aufgabe der Testperson bestand darin, das beste Auto auszuwählen. Eines der Autos verfügte über besonders viele gute Eigenschaften, zwei lagen im Mittelfeld, während das vierte einer Rostlaube glich.

Dijksterhuis teilte die Testpersonen in zwei Gruppen: Die einen sollten, nachdem sie die Informationen über die Autos gelesen hatten, eine Weile bewusst über die Autos nachdenken und dann ihre Wahl treffen. Die anderen wurden unmittelbar nach der Präsentation der Informationen mit einer Sprachaufgabe abgelenkt, so dass sie nicht bewusst über die Autos nachdenken konnten. Anschliessend sollten auch sie ihre Wahl treffen. Das Ergebnis: Die Nachdenker entschieden sich, wie zu erwarten, am häufigsten für das beste Auto. Das war nicht weiter spektakulär. Die Überraschung kam erst, als der Psychologe den Versuch wiederholte, dabei aber die Autos nicht mehr mit je vier, sondern mit je zwölf Eigenschaften beschrieb. Nun strömten immerhin 48 (vier mal zwölf) Informationen ins Gehirn der Testpersonen – zu viel für den bewussten Verstand, wie Dijksterhuis vermutete.

Und er behielt recht: Wie sich zeigte, verhedderten sich die bewussten Denker in den vielen Informationen und entschieden sich häufiger für ein eher mittelmässiges Auto. Jene dagegen, die der Psychologe ablenkte und bei denen so, wie Dijksterhuis vermutet, das Unbewusste besser zum Tragen kam, blühten nun auf: Von allen Teilnehmern entschieden sie sich am zielsichersten für das beste Auto. «Das Unbewusste wird mit weitaus mehr Informationen fertig als das Bewusstsein», lautet das Fazit des Psychologen. «Kein Wunder, dass es sich manchmal klüger verhält als der bewusste Verstand.»

Bas Kast ist Reporter beim «Tagesspiegel» in Berlin und Autor mehrerer Bücher, darunter «Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition» (S. Fischer 2007).


Leserbriefe:

Zu Die Macht des Unbewussten - NZZ-Folio Die Sinne (04/08)

Wenn Neurobiologen vom Unbewussten reden - und das tun sie in letzter Zeit zunehmend, - so wird dieser Begriff meistens in einer unklaren und nebelhaften Bedeutung verwendet. Die Freudsche Auffassung vom Unbewussten, auf die im Artikel angespielt wird, wird leider verfälscht wiedergegeben. Für die Psychoanalyse betrifft sie vorwiegend vom Ich verdrängte, psychische Vorgänge, nicht neurobiologische Reaktionen, die sich im Gehirn abspielen. Auch wenn das Gehirn die biologische Voraussetzung für die Psyche ist, kann es nicht als deren Ursache angesehen werden. Wenn Neurobiologen noch nicht genügend darüber wissen, wie das Gehirn ohne das Bewusstsein mit den Sinnesdaten umgeht, so kann man dafür nicht kurzerhand ein Unbewusstes einzusetzen. Es entspricht einem unwissenschaftlichen Denken, die Unterschiede im Gebrauch des Begriffs des Unbewussten zu verschleiern. Es wäre aber ein Fortschritt, wenn Neurobiologen uns den von ihnen gebrauchten Begriff des Unbewussten erklären könnten. Für die Psychoanalyse besteht die Arbeit des Unbewussten jedenfalls nicht darin, die Sinneseindrücke, die auf uns einprasseln, “abzufangen”, wie der Autor des Artikels sagt, noch behauptet sie, dass das Unbewusste unser grösstes “Sinnesorgan” sei.
Giovanni Vassalli, Zürich



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