NZZ Folio 08/07 - Thema: 13-jährig   Inhaltsverzeichnis

Kapitel 4: Aufregung im Lehrerzimmer

Im November berichten die Medien, in Zürich Seebach sei eine 13-Jährige von Jugendlichen vergewaltigt worden. Als darauf ein Mädchen vom Döltschi belästigt wird, merken die Lehrer, wie wenig sie tun können.

Von Reto U. Schneider, Gudrun Sachse und Brigitte Hürlimann

Cayus Klasse im Hallenbad

«Ich muss die Stunde wieder einmal mit etwas Unerfreulichem beginnen.» Die Stimme von Lehrer Kohli klingt ernst. Auf einen Schlag wird es ruhig im Zimmer. Auch Cayu hat aufgehört zu sprechen und blickt erstaunt nach vorn. Es ist 10 Uhr 15, eben hat die Glocke das Ende der grossen Pause angekündigt, und die Schüler sind zurück ins Zimmer geströmt. Herr Kohli musste seine Klasse in den letzten Wochen immer wieder rügen: Unpünktlich zum Unterricht erschienen, Hausaufgaben nicht gemacht, Kaugummi gekaut, Schulmaterial vergessen. Doch so empört hat Cayu den Lehrer noch nie erlebt.

«Am Freitagabend hat mich eine Mutter angerufen wegen der Sache im Hallenbad», fährt Kohli fort, «die Betroffenen wissen Bescheid. Schulleiter Thörig hat den Fall in die Hand genommen, er wird nach der letzten Morgenstunde hier vorbeikommen.»

«Welche huere Schlampe hat gepetzt?» hört man einen leise sagen.

Als es zwei Stunden später zur Mittagspause läutet, steht Schulleiter Christian Thörig bereits in der Tür. Cayu packt seelenruhig das Schulmaterial unters Pult und verschwindet in den Hort. Ihn geht die Sache nichts an, doch er weiss, wen es betrifft: Es sind drei Freunde von ihm.

Die drei zögern beim Verlassen des Zimmers, bleiben auf halbem Weg zur Tür stehen. Als sie merken, dass Thörig nichts von ihnen will, drücken sie sich unsicher an ihm vorbei. Draussen im Gang, ausser Sichtweite des Schul­leiters, werden aus den ängstlichen Buben wieder unbeugsame Männer. Sie stecken die Hände tief in die Taschen und schlurfen lässig davon; als könnte ihnen niemand etwas anhaben, als hätten sie keine Angst vor nichts, noch nicht einmal vor einer Anzeige.

Daniel Kohli gehört mit Christian Thörig zum dreiköpfigen Leiterteam des Schulhauses. Er wartet, bis Thörig die Schulzimmertür geschlossen hat. Dann sagt er: «Wie sollen wir jetzt weiter vorgehen?»

Am Freitagnachmittag hatte Daniel Kohli mit seiner Klasse das Hallenbad besucht. Bis am Abend bei ihm zu Hause das Telefon klingelte, hatte er keine Ahnung, was dabei vorgefallen war. Die Mutter einer Schülerin war am Apparat. Ihre Tochter habe ihr erzählt, eine Mitschülerin sei von drei Buben aus der Klasse belästigt worden. Sie hätten versucht, ihr die Bikinihose auszuziehen und ihr zwischen die Beine zu fassen.

Im Normalfall wäre eine solche Geschichte kaum an die grosse Glocke gehängt worden. Sicher: Man hätte die Eltern informiert, mit den drei Buben gesprochen, sie ermahnt und besser im Auge behalten. Doch seit vor zwei Wochen bekannt wurde, dass eine Schülerin aus dem Schulhaus Buhnrain in Zürich Seebach von einer Gruppe Jugendlicher vergewaltigt und dabei gefilmt worden sein soll, gibt es keinen Normalfall mehr. Das Mädchen war dreizehn Jahre alt.

Jeden Tag lesen Thörig und Kohli neue Details in der Zeitung: Die mutmasslichen Täter seien fast alle minderjährig gewesen, unter ihnen habe sich auch der 15-jährige Freund des Mädchens befunden. Und natürlich kam, was kommen musste: Auch die Lehrer wurden beschuldigt. Es habe Anzeichen für den Missbrauch gegeben und für andere, wenn auch harmlosere Vorfälle – die Lehrer hätten nicht reagiert, heisst es. Ein Vorwurf, den die Lehrerschaft zurückweist. Die Schulleiterin vom Schulhaus Buhnrain erleidet ob dem Ansturm der Medien und der Kritik am Lehrerteam einen Nervenzusammenbruch.

Die Schüler im Döltschi sprechen wenig über den Vorfall in Seebach. Marc sagt zu Hause einmal: «Es ist schon verrückt, was heute so passiert.» Es klingt, als spräche er über eine Hungersnot in Afrika: tragisch zwar, aber unendlich weit weg. Eine Schülerin erklärt ihrer Mutter, das Mädchen sei selber schuld. Damit ist das Thema für sie abgehakt.

Christian Thörig und Daniel Kohli gehen im Schulzimmer durch, was sie bisher wegen des Vorfalls im Hallenbad unternommen haben. Thörig, von Kohli informiert, hat noch am gleichen Wochenende mit den Eltern des Mädchens Kontakt aufgenommen und sie aufgefordert, Anzeige zu erstatten. Die Schulleitung vom Döltschi rät lieber «einmal zu viel als einmal zu wenig» zu einer Anzeige, denn nur Polizei und Jugendanwaltschaft haben die Befugnis, genau abzuklären, was geschehen ist.

Untersuchen und Bestrafen gehört nicht in den Kompetenzbereich der Lehrer. Überhaupt finden die Lehrer, dass ihnen in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden seien. Sie können den Schülern ins Gewissen reden und Schulsank­tionen wie Nachsitzen oder zusätzliche Hausaufgaben verordnen. Aber sie haben weder die Möglichkeit, aggressive Schüler auf dem Schulhausareal zu überwachen, noch Mädchen mit tiefen Ausschnitten und kurzen Röcken andere Kleider vorzuschreiben. «Wir dürfen nichts unternehmen», sagt Kohli, «da sind die Eltern zuständig, und was soll ich tun, wenn sie den Jugendlichen keine Grenzen setzen? Erziehen ist halt aufwendig, mühsam und bedeutet auch Konfrontation.» Im Alltag bleiben den Lehrern oft nur Massnahmen, die an ein Rückzugsgefecht erinnern. Die Toilette im Untergeschoss wird zum Beispiel immer wieder für einige Wochen geschlossen. Mal wegen der Sauerei, die die Schüler hinterlassen, mal weil sie die Wände mit üblen Beschimpfungen gegen Lehrer verschmieren.

Der eingeschränkte Handlungsspielraum ist auch ein Grund, weshalb Kohli eine Anzeige gegen die drei Schüler für sinnvoll hält. Manche Kinder brauchen «einen Schuss vor den Bug». Einen Schuss, den die Lehrer mangels Befugnis nicht selbst abfeuern dürfen.

Doch auch die Wirkung einer Anzeige hat sich schon abgenutzt. «Eine Anzeige läuft auf ein ‹Meimei› hinaus», sagt Kohli, und man merkt, dass er daran zweifelt, ob das auf Dauer genügen wird. Nach der üblichen Kaskade – schulpsychologischer Dienst, Polizei, Jugendanwaltschaft – soll ein fehlbarer Schüler gefragt haben: «Sie, bringt das etwas?» Kürzlich sind zwei noch nicht 14-jährige Schüler ohne Helm mit einem Mofa ohne Nummer über den Schulhausplatz gefahren. Sie wurden erwischt und erzählten danach mit Stolz von ihrem Aufenthalt auf dem Polizeiposten. Darin sieht Kohli eines der Hauptprobleme: Kriminell gewordene Schüler kehren als Helden in die Klasse zurück, und die Lehrer erhalten wegen des Persönlichkeitsschutzes keine Informationen. «Manche Schüler erlauben sich massive Übergriffe gegenüber anderen, Jugendlichen und Erwachsenen. Gleichzeitig sind sie äusserst empfindlich, was sie selbst betrifft. Schwergewichtsboxer im Austeilen und Mimosen im Einstecken nenne ich sie.»

Wie erwartet wollen die Eltern des Mädchens keine Anzeige erstatten. Ihrer Tochter ist die Sache peinlich. Weniger der Vorfall im Hallenbad selbst als das Aufhebens, das darum gemacht wird. Sie will sich nicht dafür verantwortlich fühlen, dass drei Mitschüler, die sie mag und sogar bewundert, angezeigt werden. Überdies hat die Mutter eines betroffenen Buben die Mutter des Mädchens angerufen und sie darum gebeten, von einer Anzeige abzusehen – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ihr Sohn sich nichts habe zuschulden kommen lassen.

Kohli und Thörig erwägen, alle Eltern der Klasse über den Vorfall zu informieren. Doch eine solche Information wäre aus Gründen des Datenschutzes problematisch – ganz abgesehen von der Frage, ob sie überhaupt sinnvoll wäre. Die beiden Schulleiter besprechen den Fall darauf telefonisch mit der Kinderschutzgruppe und dem Jugenddienst der Polizei. Dabei stellt sich heraus, dass ein unerwartetes Problem vorliegt: Falls die Buben das Mädchen wirklich zwischen den Beinen berührt haben, liegt ein Offizialdelikt vor. Das bedeutet: Es muss Anzeige erstattet werden, auch wenn die Eltern oder das Mädchen das gar nicht wollen.

Die Situation ist delikat. Sollen die Lehrer tatsächlich alle Beteiligten über den exakten Hergang des Vorfalls befragen, bloss um herauszufinden, wie genau das Mädchen berührt worden ist und ob diese Berührung eine Anzeige von Amtes wegen verlangt? Eine Anzeige, die niemand will!

Die Diskussion, ob Offizialdelikt oder nicht, verläuft schliesslich im Sand. Thörig und Kohli entscheiden sich, den Eltern einen Brief zu schreiben, und verlangen eine schriftliche Bestätigung von ihnen, dass sie über den Vorfall und die Möglichkeit einer Anzeige informiert worden seien.

Sollen sie noch mehr tun? Können sie noch mehr tun? Die Schulleiter wollen alles richtig machen. Aber was heisst schon richtig? Und richtig für wen? Für die Lehrer, damit ihnen später nichts zur Last gelegt werden kann? Für die Schüler, damit sie lernen, die Grenzen anderer zu respektieren? Und wer zieht diese Grenzen? Die Lehrer? Die Schüler? Das Gesetz?

Unbeeindruckt von höheren Autoritäten definieren die Jugendlichen ihre Grenzen selber – vornehmlich, indem sie sie überschreiten. Jeden Tag können sie anders verlaufen. Die Verwirrung und die Unsicherheit gegenüber dem anderen Geschlecht sind ausgerechnet jetzt am grössten, wo sie am wenigsten gezeigt werden dürfen. Wie sollen Eltern und Lehrer merken, wann bei den Jugendlichen aus Spiel Ernst wird, wenn die es noch nicht einmal selbst wissen?

Kürzlich hat Antonio Parillo, der Klassenlehrer von Marc, Anja, Anika und Jonas, im Gang ein Gerangel zwischen einem Mädchen und einem Buben beobachtet. Das Mädchen sah ihn und sagte: «Sie! Sie! Der begrapscht mich.» Parillo griff ein und wies den Schüler zurecht. Am nächsten Tag war dasselbe Mädchen in eine ähnliche Situation verwickelt. Parillo griff von sich aus ein, worauf ihm das Mädchen erklärte, er solle sich doch bitte nicht einmischen.

Nach ihrer Besprechung verlassen Thörig und Kohli das Schulzimmer. Draussen auf dem Pausenplatz stehen ein paar Schülerinnen und Schüler, die den Vorfall im Hallenbad auf ihre Weise kommentieren: Sabrina klopft Dana auf den Po, und Claudia ruft: «Uiii, jetzt müssen wir eine Anzeige machen, sie hat ihr ans Füdli gelangt!» Einer der drei beschuldigten Buben lehnt sich einen Moment an Nora, meint dann aber, es sei wohl gescheiter, sich von den Mädchen fernzuhalten, das gebe nur Ärger. Er legt den Arm um Cayus Schulter, und zu zweit zotteln sie ab. Die Mädchen blicken ihnen sehnsüchtig nach.

Zwei Wochen später nimmt das «Opfer» aus dem Hallenbad einen der «Täter» zum Freund.



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