NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Beethoven, launischer Titan

© Angelo Boog
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Als Kind übte er, bis ihm die Tränen kamen, als berühmter Komponist brüskierte er sein Publikum, am Ende seines Lebens – stocktaub – schwang er noch immer den Taktstock.

Von Wolf Schneider

Er dirigierte sie noch selber, «die Marseillaise der Menschheit», wie sein Biograph Romain Rolland sie nannte, die 9. Sin­fonie; aber nicht den Hauch eines Tons vernahm er von seiner rauschhaften «Ode an die Freude», auch nichts von dem Jubel hinter ihm – so dass eine Sängerin zu ihm ging und ihn umdrehte, damit er wenigstens sehen konnte, wie die Wiener klatschten, trampelten und schrien.

Beethoven war kein Wunderkind, sein Vater – Sänger bei der Hofkapelle des Kurfürsten von Köln – ein ungeduldiger, wenig inspirierender Lehrer, der den Sohn bis zu Tränen zum Üben zwang. Der, immerhin, spielte mit 12 die Kirchenorgel, mit 14 Cembalo und Bratsche, der Kurfürst wurde auf ihn aufmerksam und schickte ihn in die Welthauptstadt der Musik, nach Wien, wo Mozart gewirkt hatte, wo die Dienstmädchen dreistimmig sangen und ein Klavier in jeder bürgerlichen Wohnung stand. Dort lebte Beethoven von 1792 bis zu seinem Tod.

1795, er war 25 Jahre alt, trat er zum ersten Mal öffentlich auf, als Solist in seinem zweiten Klavierkonzert – sogleich berühmt als Komponist wie als Virtuose und gefragt als Lehrer für die Kinder des Hochadels, den Erzherzog eingeschlossen. In Prag, Dresden, Berlin und Budapest wurde er gefeiert, und überall nahm man in Kauf, dass der gedrungene Mann mit dem derben Gesicht launisch, in seinen eigenen Worten «zuweilen sehr ungezogen» war. Die Andacht, in die er sein Publikum zumal mit seinen Improvisationen am Klavier versetzte, zerstörte er mit einem röhrenden Auflachen gern selbst.

Die Einfälle kamen ihm meist beim Spazierengehen, stundenlang, auch bei Regen und Schnee, einen Notenblock und einen Bleistiftstummel in der Hand. Meist jahrelang aber beschäftigte ihn das Ausarbeiten der Ideen, das Feilen und Verwerfen; seine Oper «Fidelio» entstand in drei Fassungen mit vier Ouvertüren. 1805 dirigierte er die Uraufführung der «Eroica», die er ursprünglich «Bonaparte» gewidmet hatte, aber wütend umtaufte, als der sich 1804 zum Kaiser krönen liess – in ihrer Dynamik, ihren Klangmassen eine Zäsur in der Geschichte der Musik.

Sein Gehör war da schon geschwächt, «das Gespenst der Taubheit», dieser «neidische Dämon», suchte ihn heim; vermehrt seit 1810, als er 40 Jahre alt und berühmt war bis nach Paris und St. Petersburg. In Gesellschaft schwieg er oder schrie und verstand nur die Hälfte. In seinem Geburtshaus in Bonn steht man erschüttert vor der Sammlung unförmiger blecherner Hörhilfen, mit denen er sich zuletzt noch zu retten versuchte. Goethes Freundin Bettina Brentano schrieb 1810: «Sein Ansehen ist ganz zerlumpt, und doch ist seine Erscheinung bedeutend und herrlich.» In drei Frauen war er verliebt zwischen 1801 und 1812, und klagend blieb er allein.

«O Gott, lass es nicht länger dauern!»

1812 traf er im böhmischen Bad Teplitz mit dem tief verehrten Goethe zusammen. Da kam es zu der berühmten Szene, wie Beethoven beim gemeinsamen Spaziergang den Hofstaat der Kaiserin mit grimmiger Miene zerteilte, während Goethe artig zur Seite trat. «Die Hofluft behagt ihm zu sehr», schrieb Beethoven darüber an seinen Musikverleger, «mehr, als es einem Dichter ziemt.» 1806 hatte er seinen Gönner Fürst Lichnowski belehrt: «Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt. Was ich bin, bin ich durch mich.»

1816 fand ihn ein Freund, wie er mit der Faust auf die Klaviertasten donnerte und dazu schrie: «Ich höre nichts!» Er dirigierte noch, er orientierte sich am Bogenstrich der Geiger, dem Ansatz der Bläser, dem Paukisten – und wurde vom Konzertmeister sanft berichtigt. «O Gott, Gott», notierte er, «sieh auf den unglücklichen Beethoven herab! Lass es nicht länger dauern!» Im Gasthaus fand er noch Verehrer, die eifrig nickten oder lachten, wenn der Meister sich laut, ungehalten und unbehelligt über schlechte Musik und die schlechten Zeiten äusserte.

1823 fand Franz Grillparzer ihn «in schmutzigen Nachtkleidern auf einem zerstörten Bett liegend». Aus demselben Jahr ist bezeugt, dass Beethoven mit dem hölzernen Stiefelknecht auf einen Stuhl einhämmerte, um überhaupt noch eine Hörsensation zu haben. 1824 erlebte er mit der Uraufführung der 9. Sinfonie seinen letzten Triumph; 1826 komponierte er sein letztes Streichquartett. «Ich hoffe noch einige grosse Werke zur Welt zu bringen», schrieb er im Dezember, «und dann wie ein altes Kind irgendwo unter guten Menschen meine irdische Laufbahn zu beschliessen.»

Ludwig van Beethoven starb am 26. März 1827. Zum Begräbnis kamen viele tausend. Er ruhe nun, sprach Grillparzer am Grabe, «bei den Grossen aller Zeiten, unantastbar für immer». Franz Schubert war unter den Fackelträgern.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).




Leserbriefe:

Zu Schlagschatten -- Beethoven, launischer Titan - NZZ-Folio Parallelwelten (02/09)

Mit Ludwig van Beethoven verbindet mich nicht nur seine Musik, sondern auch seine Tätigkeit als "Widerstandskämpfer". Er war in Schloss Grätz bei den Fürsten Lichnowski und ich 1945 vor Schloss Grätz, weil ich da gemäss amtsgerichtlicher Urkunde "gefallen" bin. Sein Gönner hatte ihn ersucht, sich vor französischen Offizieren am Pianoforte zu produzieren. Dies hatte er abgelehnt mit den Worten: Vor den Feinden seines Vaterlandes werde er nicht spielen. Er war so wütend, dass er die Napoleon Bonaparte gewidmete Partitur der Eroica mit dem Radiermesser von dem "Ungeheuer" befreite. Hätte so mancher "von" so erkenntnisvoll gehandelt, hätte es einer Aktentasche unter dem Schreibtisch nicht bedurft. Der gebürtige Korse war ja auch vor Moskau. Immerhin liess man Beethoven als Reichsdeutschen nach Paris zu seinem Vater expedieren, wobei die Frage gestellt sei, ob man ihn wieder nach Wien zurückbeerdigen sollte. Der Umgang mit dem Radiermesser beweist, dass man sich in späterer Erkenntnis distanzieren kann. Ludwig van Beethoven löschte seine Schrift, ich hingegen erstellte trotz meines "Heldentods" eine Unterschrift. Sie bewirkte, dass 255 deutsche Soldaten -- befehlsehrlich -- verlegt wurden. Dass diese Verlegung direkt in die US-Kriegsgefangenschaft führte, war kein Zufall. Ich benötigte kein Radiermesser, weil mir das Ungeheuer schon immer bekannt war. Die Mitwissertoten wurden durch die Überlebenden von der Front um Grätz kompensiert.
Hans-Gerd Meyer, München




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