Niemanden liebt die Geschichtsschreibung so sehr wie den Ersten, und so kommt es, dass der Name Neil Armstrong für immer in unseren Büchern und Köpfen haftet. Eugene Cernan dagegen war nur der letzte Mann auf dem Mond. Am 14. Dezember 1972 kletterte der Kommandant von Apollo 17 hinter seinem Kollegen Harrison Schmitt in die Mondfähre zurück und hinterliess den jüngsten menschlichen Fussabdruck auf der Mondoberfläche.
Ursprünglich waren von der Nasa zwanzig Apollo-Flüge geplant gewesen. Doch die steigenden Kriegskosten in Vietnam und ein etwas erlahmtes Interesse der Öffentlichkeit erschwerten die Finanzierung von Mondflügen durch den amerikanischen Kongress, bis schliesslich die letzten drei ganz gestrichen wurden. Die Nasa hatte ihre eigenen Gründe, der Verkürzung des Apollo-Programms zuzustimmen: Fünf Mondlandungen waren seit der ersten vom 20. Juli 1969 nahezu perfekt gelungen, die einzige ernste Panne - Apollo 13 musste nach der Explosion von zwei Sauerstofftanks umkehren - war wie durch ein Wunder glimpflich abgelaufen; mit jeder weiteren geglückten Mission stieg zwangsläufig das Risiko eines Misserfolges, und nichts wollte man so sehr vermeiden wie eine Katastrophe zum Ende. Schliesslich hatte das Apollo-Programm mit einer Katastrophe begonnen; die drei Astronauten von Apollo 1 waren während einer Startsimulation auf der Abschussrampe in ihrer Kapsel verbrannt. So blieb es dabei, dass Apollo 17, die sechste Mondlandung, die letzte sein würde.
Gleichzeitig hatte dieser letzte Flug zum Mond aber auch seine firsts - eine Präzisionslandung zwischen den Taurus-Littrow-Bergen, weit im Osten der erdzugewandten Mondseite; den ersten Wissenschafter auf dem Mond - den Geologen Harrison Schmitt; und die mit 75 Stunden längste Mondaufenthaltsdauer, über drei Tage, während deren Cernan und Schmitt im Mondmobil Expeditionen unternahmen.
Sechs von insgesamt acht Apollo-Mondmissionen (Apollo 11, 12, 14, 15, 16 und 17, um genau zu sein) brachten jeweils zwei Astronauten mit der Mondfähre auf den Mond, während ein Dritter im Raumschiff, auf der Mondumlaufbahn kreisend, ihre Rückkehr erwartete. Zwölf von insgesamt dreissig Apollo-Astronauten betraten also den Mond - eine Zahl wie aus archaischen Sagenwelten.
Captain Cernan scheint dem Astronautenprofil ganz und gar zu entsprechen: helle Augen, gute Männergrösse (Astronauten durften maximal 1,80 m messen), von Beruf Luftfahrtingenieur und Marinepilot (im Verlaufe der verschiedenen Aushebungen hat die Nasa je länger, je mehr Wert auf Bildung gelegt und dafür die anfänglich obligatorische Voraussetzung des Testpiloten fallengelassen). Er ist ein ältester Sohn wie fast alle Astronauten und war zur Zeit seiner Mondlandung genau die durchschnittlichen 38 Jahre alt. Selbst sein Sternzeichen sei typisch für Astronauten, meint Captain Cernan, nämlich Fisch.
Einer der Ex-Apollo-Astronauten ist heute Kunstmaler (Alan Bean), ein anderer wurde evangelischer Fundamentalist (Jim Irwin, der einzige Moonwalker, der nicht mehr lebt), einige wenige blieben in administrativen Posten bei der Nasa, und einer wurde Museumsdirektor (Mike Collins). Viele haben Bücher geschrieben, mit und ohne Ghostwriter.
Die meisten aber sind schliesslich vom Astronauten- ins Geschäftsleben umgestiegen - risk is risk -, und auch hierin ist Eugene Cernan typisch: Er ist Chef und Inhaber der «Cernan Corporation», einer Aerospace-Consulting-Firma, die sein «technisches und historisches Wissen» und seine «professionellen Verbindungen» vermittelt. Cernan ist ein gefragter Experte als Fernsehkommentator, für Raumfahrtausstellungen und Vergnügungsparks (besonders beliebt und verbreitet in Japan und Korea), für Jugendorganisationen und Astronauten-Camps.
Soweit die kleinen, eleganten Büroräume in einem Hochhaus in Houston es verraten, beschäftigt die «Cernan Corporation» ihren Chef und seine Sekretärin. Captain Cernan - im hellblauen kurzärmeligen Hemd, die Haare weiss und wohltuend länger als jener Kurzhaarschnitt, der auf allen Fotos von damals die Köpfe in den Plexiglaskugeln ziert - empfängt an seinem Schreibtisch, hinter ihm die amerikanische Flagge, um ihn herum Bilder, Fotos und Modelle von Planeten und Raketen.
Sind die zwölf Moonwalker eine besondere Gruppe unter den Apollo-Astronauten, sozusagen die Crème de la crème der Raumfahrt? «Nein, wir selbst machen da keine Unterschiede, denn die Astronauten, die zum Mond flogen, ohne zu landen, haben ebensoviel, unter Umständen sogar mehr zum Apollo-Projekt beigetragen.» Sie bilden keinen besonderen Klub - es sind die Öffentlichkeit, die Presse und vielleicht die Geschichte, die aus ihnen eine eigene Kategorie machen. Was für sie dagegen den grossen Unterschied ausmacht, ist der Flug ins Weltall, im Gegensatz zum Flug in der Erdumlaufbahn, im «relativen Komfort des eigenen Heimplaneten», wie Cernan das nennt. Nicht ob man auf dem Mond gelandet ist oder nicht, aber dass man eine Viertelmillion Meilen zum Mond, das heisst ins Weltall hinaus geflogen ist, das ist entscheidend - und zwar im Vergleich zu den damaligen Mercury- und Gemini-Flügen ebenso wie zum heutigen Space-Shuttle, der ja auch in der Erdumlaufbahn bleibt. «Da liegt der enorme Unterschied, in technischer Hinsicht, was das Risiko anbelangt, und auch philosophisch.»
Cernan kreiste bereits in Gemini 9 um die Erde (er war der zweite amerikanische Spaziergänger im All), er kennt und liebt den grossartigen Blick aus 500 km Höhe auf die Erde. «Aber wenn man die Erdumlaufbahn verlässt und sich der Horizont der Erde, der bisher leicht gekrümmt unter einem lag, zu einem Ring schliesst . . . wenn man sieht, wie sich die Erde um ihre Achse dreht, das Blau ihrer Ozeane und das Weiss der Pole, umgeben vom schwärzesten Schwarz, das man sich vorstellen kann . . ., wenn man in diese nicht etwa dunkle, sondern schwarze Unendlichkeit von Raum und Zeit schaut - dann ist das eine ganz andere Erfahrung.»
Wirklich auf dem Mond zu landen sei schon ein grossartiges Erlebnis, vor allem wenn man ihn, wie Captain Cernan in Apollo 10, schon einmal umkreist hat. «Aber nicht sosehr auf dem Mond zu sein, sondern auf die Erde zurückzuschauen, ist das wahre Ereignis. Da stehst du auf dem Mond und siehst die Erde aufgehen, in unserem Fall über den Bergen im Südwesten - und das ist ein Geschenk, ein übermächtig-unvergesslicher Moment. Auf die Erde zurückzuschauen in all ihrer majestätischen Schönheit und zu realisieren: sie ist einfach zu schön, um durch Zufall entstanden zu sein.»
«Too beautiful to have happened by chance» - Captain Cernan rezitiert seinen eigenen berühmten Satz, den Satz, mit dem er in der Mond- und Raumfahrtliteratur, auf Museumswänden, Postern und Souvenirs mit Vorliebe zitiert wird. Ist er als religiöses Bekenntnis zu verstehen? «Nicht sosehr als religiöses, eher schon als spirituelles.» Vom Mond auf die Erde zurückschauend, kam er zum Schluss, dass es einen Schöpfer geben muss, denn es war einfach zuviel Absicht und zuviel Logik in dem, was er da sah. Das alles ist, da gibt es für ihn seither keine Frage mehr, nicht zufällig da, sondern auf Grund eines höheren Plans.
Grosse, schöne Worte, mit sonorer Stimme gesprochen - Eugene Cernan ist für sie als Redner und als Verfasser von Vor- und Geleitworten begehrt. Manchmal ist er etwas müde, sich selbst stets mit denselben Worten zu hören, aber die Worte sind für ihn so etwas wie Pflicht.
Einmal zurück vom Mond, waren die Apollo-Astronauten zu Instant-Helden und Berühmtheiten für den Rest ihres Lebens geworden. Nicht jedem lag ein Leben als Festredner und Ehrengast - Jim Irwin und Buzz Aldrin haben sich in ihren Büchern bitter beklagt über diesen zweiten Teil ihrer Karriere, auf den sie so gänzlich unvorbereitet waren. Auch Captain Cernan hatte nicht die leiseste Ahnung, dass dies der Preis sein würde, den man für eine Mondlandung zahlt, in lebenslänglichen Raten. In diesem Jubiläumsjahr sei es besonders schlimm, jeder wolle einen haben, für ein Dinner, einen Empfang, eine kleine Rede, für ein Interview mit einer Schweizer Zeitschrift. Aber er habe es eben akzeptiert: «Apollo ist Geschichte, und die Menschen, die Teil davon waren, sind noch da - es ist unsere Verantwortung, zu erzählen. Und während es Tausende von Filmstars und Sportlern in allen Ländern gibt, gibt es von uns leider nur zwölf, das heisst, jetzt nur noch elf, auf der ganzen Welt . . .»
Bei weitem am häufigsten wird er nach «Aliens» und Ufos gefragt. Seit zwanzig Jahren beschwört man ihn, nun doch endlich einmal die Wahrheit zu sagen, die Nasa-Schweigepflicht zu brechen und von den Wesen zu erzählen, denen er auf dem Mond doch bestimmt begegnet sei. «Ich wollte, ich könnte etwas beisteuern - aber ich sah leider wirklich weder Extraterrestrische noch Ufos. Die Japaner sind besonders fanatisch, sie glauben uns schlichtweg nicht, dass wir keine getroffen haben.»
Gab es eine Selbstmordpille für den Fall, dass der Start vom Mond nicht geklappt hätte und die Astronauten gestrandet wären? Es gab keine. Sie waren so sicher, dass dies nicht passieren konnte, dass sie nie darüber sprachen, nicht dafür trainierten, nichts planten. Die Astronauten hatten einen Sauerstoffvorrat für etwa anderthalb Tage. Sie übten diverse Notmanöver. Im Falle eines Zündungsausfalles beim Start vom Mond hätten sie sogar manuell, mit einem Überbrückungskabel für die Batterie, zünden können, aber einer hätte dazu wieder aus der Mondfähre aussteigen und sie hätten mit offener Klappe starten müssen - ein ziemlich haarsträubendes Unternehmen. «Wir hätten es natürlich versucht; besser, als auf dem Mond zu bleiben und dort langsam zu sterben, während die ganze Welt zuschaut. Die einzige Art, dies schnell zu beenden, wäre gewesen, den Helm abzunehmen.»
Captain Cernan hat einmal von nostalgischen Gefühlen gesprochen, die ihn befielen, als er den Mond verliess. Gibt es so etwas wie Heimweh nach dem Mond? «Ich war damals wehmütig, weil ich wusste, dass wir die letzten waren, und weil mein Besuch - von dem ich wusste, dass er der einzige bliebe - nun abgelaufen war. Allerdings dachte ich, dass wir die letzten nur für vielleicht zehn, vielleicht zwanzig Jahre sein würden, und wenn nicht zum Mond, so würden wir eben zum Mars unterwegs sein bis Ende des Jahrhunderts. Sehen Sie, wir waren eine raumfahrende Nation, und irgendwann haben wir beschlossen, zu Hause zu bleiben. Das ist es, was mir heute Kummer macht.»
Aber brauchen wir denn wirklich noch mehr Steine vom Mond? So kann offenbar nur ein eingefleischter Erdling fragen. «Was wussten die Leute, die in den Planwagen nach Westen fuhren? Sie wollten bloss wissen, was hinter den Bergen war - und fanden Kalifornien. Wie sollen wir vorher wissen, was wir lernen werden oder gewinnen können aus dem Unbekannten? Es gibt zum Beispiel Helium 3 auf dem Mond, ein spaltbares Material ohne radioaktive Nebenprodukte, mit dem man vielleicht dereinst ganze Städte beleuchten wird . . .» Nein, Zweifel am grossen technologischen, ökonomischen und erzieherischen Wert von Mondexpeditionen kann, darf und wird es nie geben für diesen Sternenfahrer von echtem Schrot und Korn.
«Der Adler ist gelandet» - Neil Armstrongs erste Worte bei der ersten Mondlandung gingen um die Welt. Und welches waren die letzten von einem Erdenbewohner auf dem Mond gesprochenen Worte? Captain Cernan grinst - es gibt da nämlich zwei Versionen. Mit den Füssen noch auf dem Mond stehend, sprach er die offiziellen Abschiedsworte: «Wir gehen nun, wie wir einst kamen und, so Gott will, wiederkehren werden, in Frieden und mit Hoffnung für die ganze Menschheit.»
«Aber als ich dann in der Mondfähre sass, zwanzig Sekunden vor dem Start, da sagte ich: «OK, let's get this mother out of here.»
Kathrin Meier-Rust ist freie Journalistin in Washington.