|
|
Schlagschatten -- Rousseau, ruheloser Phantast
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Da hat ein Phantast, ein Gigolo, eine kranke, verschrobene, verkorkste Existenz die Welt bewegt: der Komponist und Amateurphilosoph Jean-Jacques Rousseau. Robespierre hat er beflügelt, den Blutsäufer der Französischen Revolution; Goethe hat er inspiriert und dem Alpentourismus den Weg gebahnt, indem er in seinem Roman «Die neue Héloïse» das verrufene Gebirge als «zauberisches Schauspiel für den Geist und die Sinne» pries; und zum Vater der modernen Pädagogik ist er, vierzig Jahre vor Pestalozzi, mit «Emile oder über die Erziehung» geworden, worin er die freie Entfaltung und behutsame Lenkung der Kinder predigte; seine fünf lieferte er im Findelhaus ab.
Geboren 1712 in Genf, die Mutter kurz nach der Geburt gestorben, der Vater ein Uhrmacher, der ihm nächtelang Romane vorlas. Mit 10 kam Rousseau bei einem Onkel in Pflege, mit 16 brannte er durch und fand Unterschlupf bei einer reichen Dame, Frau von Warens – erst wie ein Sohn, dann als ihr Liebhaber. Mit 30 Jahren ging er nach Paris, verdiente seinen Unterhalt mit Notenabschreiben und versuchte sich im Komponieren.
1750 stiess er auf die Preisfrage der Akademie von Dijon: «Haben Kunst und Wissenschaft zur Läuterung der Sitten beigetragen?» – und jäh tat sich ein ungeheurer Horizont vor ihm auf: Nein! schrieb er, sie hätten das Reich der Freiheit und der Unschuld ruiniert, das im ursprünglichen Zustand der Menschheit geherrscht habe, ohne Feindschaft, ohne Neid! 1755 legte er nach mit seinem «Discours sur l’inégalité parmi les hommes»: Das Eigentum, das Eisen und der Ackerbau hätten den Menschen unglücklich gemacht – möglichst nahe an ihren Urzustand müsse die Menschheit zurückkehren! Das Schlagwort «Zurück zur Natur» entstand daraus, der Adel war entzückt über die Mär vom archaischen Idyll.
Rousseau war berühmt; Geld verdiente er damit nicht. 1752 wurde sein Singspiel «Der Dorfwahrsager» ein Erfolg; doch als Ludwig XV. erwog, ihn zum Hofkomponisten zu ernennen, verweigerte Rousseau die Audienz. Lieber schrieb er weiter Noten ab – bis die Madame d’Epinay, eine geschiedene reiche Dame, ihm im Garten ihres Schlosses Montmorency nördlich von Paris eigens eine Ermitage baute. Der ruhelose, reizbare Sonderling zog indessen schon bald in ein Gartenhaus im Schlosspark um. Seine quälenden chronischen Krankheiten – Blasenleiden und Ohrensausen – verschlimmerten sich um nervöse Zusammenbrüche und die Vorboten des Verfolgungswahns, der ihn bis ans Lebensende schüttelte, mit Tränen bei Tage und Schreien in der Nacht.
Doch in finsterer Arbeitswut hatte Rousseau 1761 sowohl den «Emile» fertiggestellt als auch sein folgenreichstes Werk, den «Gesellschaftsvertrag», sich erbarmungslos wieder und wieder korrigierend, und zwischendurch übersetzte er ein Buch der «Annalen» des Tacitus, um sich auf dessen mannhaften Ton einzustimmen. Seit 1745 lebte das ehemalige Zimmermädchen Thérèse Levasseur bei ihm; sie konnte die Uhr nicht lesen, sich die Monatsnamen nicht merken und gebar ihm die fünf Kinder fürs Findelhaus.
Wodurch aber wurde der «Contrat social» dreissig Jahre später die Bibel der Französischen Revolution? Weil er die tollkühne Theorie entwarf: Alle Menschen hätten sich einst freiwillig einem «Gemeinwillen» (volonté générale) unterworfen; der strebe nach dem Gemeinwohl und habe immer recht. Also sei jeder, der den Gemeinwillen angreife, ein Staatsfeind und folglich zu verbannen oder hinzurichten. (Woher wissen wir, ob am Anfang der Gesellschaft die Freiwilligkeit stand und nicht die pure Gewalt? Und wer hätte die Macht, das Gemeinwohl zu definieren?)
Jedenfalls war dies ein Generalangriff auf die Monarchie; die katholische Kirche verdammte den «Emile» als gotteslästerlich – und Rousseau floh. Der englische Philosoph David Hume gewährte ihm Asyl. Aber Rousseau hielt seinen Gastgeber für das Haupt einer gegen ihn gerichteten Verschwörung und sah in allen Dienern die Spione. 1770 wieder in Paris, schrieb er seine Autobiographie zu Ende, die «Confessions» – und er bekannte darin, die längste Zeit seines Lebens ein Versager, ein Hochstapler gewesen zu sein; er habe gelogen, gestohlen, ja «mit höllischer Schamlosigkeit» eine ehrbare Köchin in Schande gestossen, indem er sie eines Diebstahls beschuldigte, den er selbst begangen habe.
1776, zwei Jahre vor seinem Tod, schrieb er den Dialog «Rousseau – juge de Jean-Jacques», und aus ihm erfuhr die Welt, was für ein unendlich sanfter, absolut genialer Mensch der eine wie der andere sei! Das Manuskript wollte er auf dem Altar der «Notre-Dame» niederlegen, damit seine Feinde es nicht verfälschen und unterschlagen könnten; da der Altar (wie immer) vergittert war, fand Rousseau, «dass selbst der Himmel am Werk der menschlichen Bosheit teilnimmt».
Was für ein elendes Leben! Nur hatte da ein kranker Charakter in einem kranken Leib binnen zwölf Jahren mehr bewegt als tausend Rechtschaffene und Gesunde in Jahrhunderten.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|