EINES DER SCHÖNSTEN MOTIVE, die uns aus dem klassischen Altertum überliefert sind, stellt drei junge Frauen dar, die einen Reigen tanzen und sich dabei die Arme auf die Schultern legen. Eine - die in der Mitte - dreht dem Betrachter den Rücken zu, die beiden anderen blicken ihn an, keine verdeckt die andere. Die Deutung dieses Sinnbildes lautet traditionsgemäss: «Wer einfach gibt, bekommt doppelt zurück.» Die Anordnung ist ganz auf den Betrachter bezogen; nur dem Anschein nach sind die Figuren mit sich selber beschäftigt. Er könnte sie geträumt haben.
Es muss eine Art der Zuwendung geben, die mehr hervorruft, als sie selber ist, und offenbar ist eine bestimmte Einfachheit die Bedingung für jene Dreifaltigkeit in heidnisch-sinnlicher Ausprägung, die aus Geben und Nehmen resultiert. Die drei Mädchen heissen Grazien, zu deutsch «Danke», denn das ist der - verkannte - alte Plural von Dank. Diese «Danke» sind von der ersten Person Einzahl verdrängt, als ob «danke» der Rest von «ich danke» wäre. Zum Dank aber gehören viele. «Danke vielmal!» ist schon doppelte Vermehrung des Dankes, wie eigentlich «Grazien» auch, denn das italienische Wort «grazie» bezeichnet die drei, nicht bloss eine.
Als die Eigenschaft der Anmut wird das deutsche Fremdwort «Grazie» wieder in die Einzahl zurückgeführt und scheint aus einer ganz anderen Welt zu stammen als das Anstands- und Höflichkeitserfordernis des Dankens. Und doch gibt es eine Verbindung: Dank und Anmut in einem sind die Haltung, mit der man ein Geschenk annehmen kann, ohne sich dabei etwas zu vergeben, weil sie in sich eine Gegengabe darstellt. Gewicht und Gegengewicht von Leistung und Gegenleistung werden durch etwas ganz anderes, was nicht in Berechnungen aufgeht, schwerelos in sich aufgehoben. Die drei tanzenden Mädchen schweben auch eher, als dass sie Erdenschwere zu erkennen geben.
Ein Kind auf dem Arm seiner Mutter bekommt in der Metzgerei - geheiligtes Ritual - von der Verkäuferin ein Rädchen Wurst auf der Fleischgabel hingestreckt. «Wie sagt man?» «Dan-ke», sagt (eventuell noch) das Kind. Wir übernehmen die Patenschaft für ein Kind in Bangladesh, und dieses Kind sagt zunächst einmal gar nichts. Wie in einem schwarzen Loch verschwinden unsere Zuwendungen, echolos, wenn wir nicht reklamieren und drohen, sie einzustellen, wenn der schuldige Dank weiterhin ausbleibt. Und wie ein Zauberwort lernen die Armen der Welt «danke» sagen, weil sich daraufhin der Regen der Wohltätigkeit reichlicher ergiesst.
Man könnte sich aber auch leicht einen bettelarmen, doch stolzen Inder vorstellen, der seinen westlichen Wohltätern zuruft: «Hört doch auf, uns helfen zu wollen, ihr wollt ja doch bloss unseren Dank!» So, wie ein Arbeiter um 1930 aus der aufgebrachten Menge ruft: «Das wollen wir selber!», als Antwort auf die beschwichtigende Rede des Fabrikdirektors, in der dieser sagte: «Wir wollen doch nur euer Bestes!»
Der Dank ist der beste Teil beim Austausch von Gütern und Gesten: seine Anmut kommt vom Stolz, der nichts unerwidert auf sich sitzen lässt. Stolz, der sich ein Geschenk gefallen lässt, fängt an zu tanzen. Dank ist die Tanzkunst. (Tänzerinnen haben es einfach, dem Applaus des Publikums zu danken, sie brauchen nur ihr Metier auszuüben. Aber ein altgedienter Dirigent kann versichern, das Meistern eines Sinfonieorchesters sei ein Kinderspiel gegen das Verbeugen vor dem Publikum.)
Was könnten die armen Leute der Dritten Welt besser als tanzen? Sie sollen graziös in die Knie gehen, mehr wollen wir ja gar nicht. Und genau das scheinen sie für sich selber behalten zu wollen. Irgend etwas scheint ein Geschenk erst wirklich zum Geschenk zu machen; es muss mit seiner Erwiderbarkeit zusammenhängen, weil es sonst die Gabe zu einer Demütigung degradiert. Aber so abstrakt und global braucht man gar nicht zu suchen.
Wer kennt nicht die Situation im Restaurant, wenn der oder die andere nach dem Essen zum Kellner gesagt hat: «Alles zusammen!»? Wie kommt man dazu, sich etwas schenken zu lassen, wo man doch selber zahlen könnte? Andererseits spart man ja schliesslich, wenn man sich aushalten lässt. Wie ironisch fallen doch unsere Verbeugungen und Dankesworte aus, wenn wir annehmen, was abzulehnen uns so schwer fällt. Wird man nun aber eingeladen und hat gar kein Geld, und der andere weiss das? Dann hat man eine Chance, das Waisenkind aus Bangladesh zu verstehen, die Grazie, die nicht tanzen will.
Dank ist freiwillig, oder er geht auf Kosten dessen, der doch beschenkt sein soll. Man entblösst sich schliesslich, wenn man sich wirklich bedankt, und wer tut das schon gern gezwungenermassen? Wer etwas herschenkt, der nimmt sich damit etwas, und wer es annimmt, gibt etwas her. Das entspricht der Verflechtung der Arme auf den Schultern der drei Grazien.
Die abstrakten Begriffe unserer Sprache haben manchmal verkannte Bedeutungsgeschwister aus der Welt der Wesen mit Hand und Fuss. So ist das Wort «Schenken» eins mit dem Wort «Schenkel», denn wer etwas ausschenkt, muss etwas beugen, nämlich den Arm mit dem Krug, sonst kommt nichts in Fluss. Es ist genau das, was ein Knie tut, das gebeugt wird, etwa wenn die Grazie beim Tanz nicht stehenbleiben will. Mit anderen Worten: Man muss sich verbeugen beim Schenken, sonst kommt nichts dabei heraus. («Kompliment», das heisst «Zusammenfaltung», das Abknicken einer Person in sich zum Lob einer anderen.) Wir versäumen die Verbeugung vor dem Beschenkten, und sei er noch so hilflos und arm, wenn wir ihm etwas spenden; wir sagen nicht «bitte», wenn wir etwas bieten, wo wir doch «bitte» sagen, wenn wir Dank - falls wir den dann noch bekommen - entgegennehmen, wodurch der Reigen der Grazien an seinen Ausgangspunkt zurückgeführt wäre.
Geschenke, die nicht erwidert werden können, so steht es beim römischen Geschichtsschreiber Livius, erzeugen auf die Dauer Hass. Das bedeutet nicht, dass sie nicht genommen werden, sondern manchmal das Gegenteil: Der gedemütigte Empfänger verlangt Gratifikation für die Gunst des Nehmens, stellt Ansprüche und will mehr, was wir indigniert als Unverschämtheit verbuchen, die wir selber den Fuss nicht richtig in den Reigen von Geben und Nehmen gesetzt haben.
Das englische Wort für Geschenk heisst «gift», was auf deutsch tödliche Wirkung haben kann. Es kommt darauf an, unsere Geschenke zu entgiften, bevor wir sie den Ärmsten zukommen lassen, sei es durch höfliche Verbeugung oder etwas, was sie ersetzt. In Japan gibt es einen gurkengestaltigen Geist, der grausam und böse in einem Sumpf haust, in den er alles zerrt, was ihm nicht zu begegnen weiss. Er hat seine Bosheit erstens als Flüssigkeit im Kopf gespeichert, zweitens fehlt ihm die Schädeldecke, und drittens ist er sehr höflich. Man muss sich nur tief vor ihm verbeugen, dann kann auch er nicht anders, als ein gleiches zu tun und sein Gift dabei - geschenkt! - völlig umsonst zu vergiessen. Das ist, mythisch präzise repräsentiert, die Entkräftung der Bosheit durch angedeutete freundliche Unterwerfung. Wer schon einmal zwei Japaner beim Grusszeremoniell beobachtet hat, wird die Verwandtschaft mit dem Tanz sofort erkennen.
Unsere Grazien sind durch elegante rhythmische Zuordnung ihrer Schritte davor bewahrt, sich gegenseitig auf die Füsse zu treten. «Begnadet!» würde ausrufen, wer sie in Bewegung sähe, und es wäre die absolute Steigerung von «begabt!». Und siehe da, die Gnade ist die Begabung der Dankbarkeit. «Mir ist es ja auch nur gegeben!», in diesem Satz legen sich allerhöchster Anspruch und unscheinbarste Bescheidenheit die Hände auf die Schultern. Mit «uns» statt «mir» am Anfang und an die weniger Reichen der Welt gerichtet, brauchte man nicht einmal einen Gott zu bemühen, um herauszufinden, von wem es uns gegeben ist.
Obwohl: Seit je von Menschen Opfergaben an den Himmel gerichtet wurden, waren die Geschenke das Opfer und nicht die Beschenkten. Und immer geschah es im Wunsch, der Götter Grazie herabzurufen, weniger zur Deutung des Schicksals als Glück oder Unglück, sondern zu einem Weltbezug von einfach umfassender Anmut überhaupt. Die Gegenwart, und nichts anderes heisst das Wort, als Präsent.
Christof Stählin ist Schriftsteller und Musiker; er lebt in Hechingen (D).