NZZ Folio 01/02 - Thema: Im Spital   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Claus Buddeberg, wie war's bei Ihnen?

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Von Ursula von Arx
CLAUS BUDDEBERG ist Professor und Leiter der Abteilung für Psychosoziale Medizin am Universitätsspital Zürich (USZ). Dort untersteht ihm auch die Sexualmedizinische Sprechstunde an der Frauenklinik, die interdisziplinär von Psychiatern, Gynäkologen, Andrologen und Internisten getragen wird und äusserst begehrt ist - für einen Termin muss man monatelang warten. «Ein Sexualtherapeut braucht vor allem eines: Humor», sagt Buddeberg.


Claus Buddeberg, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Wie ich zur Sexualwissenschaft kam? Während meines Studiums in Hamburg konnte ich beim Erstellen von forensischen Gutachten bei Sexualstraftätern dabei sein. Ich bekam einen Eindruck, wie stark die Sexualität mit anderen Lebensbereichen gekoppelt ist. Da war zum Beispiel dieser Mann, der in kurzer Zeit fünf Kinder umgebracht hatte. Auf dem Hintergrund seiner Biographie, die grauenhaft war, wurde seine Tat zumindest verstehbar. In den Medien wurde er als Sexbestie vermarktet.

Seither sind Sie ein Medienkritiker?

«Sex sells» gilt offenbar immer noch und verführt zu sensationslüsterner, undifferenzierter Berichterstattung. Die will ich nicht unterstützen. So mache ich immer mal Medienpause.

Da haben wir ja Glück gehabt. Aber wie ist ein Vergewaltiger «verstehbar»?

Sexuelle Strafhandlungen sind meist Formen von Hass. Aus erlebtem Hass und erlebter Gewalt entstehen Hass und Gewalt. Mit Trieb oder Sexualität hat das wenig zu tun.

Frauen reagieren auf Gewalt oft anders als mit Gewalt.

Sie wenden die Gewalt tendenziell gegen innen, sie bestrafen sich selber für das, was ihnen angetan wurde. Aber es gibt auch Männer, die das tun. Nicht alle geschädigten Männer werden zu Sexualstraftätern.

Seit 1984 steht die Sexualmedizinische Sprechstunde in Zürich unter Ihrer Leitung. Was plagt Ihre Patienten?

Bei den Männern sind Erektionsstörungen häufig, bei den Frauen Lustlosigkeit. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass von den Frauen, die über Lustlosigkeit klagen, überdurchschnittlich viele Hausfrauen sind.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Zwischen Selbstwertgefühl und Sexualität gibt es einen Zusammenhang. Es mag sein, dass Frauen, die wirtschaftlich von ihrem Mann abhängig sind, sich unwert und schlecht fühlen.

Und die Erektionsstörungen beim Mann, worauf führen Sie die zurück?

Stress ist ein wichtiger Faktor. Er kann sexuelle Phantasien hemmen und dadurch auch die Lust. Dann gibt es vaskuläre und hormonelle Störungen, die man mit Medikamenten behandelt. Ein anderes Problem ist, dass Männer von heute ihr Idealbild nicht ihrem Alter anpassen. Ein 60-Jähriger hat nun mal einen anderen Körper als ein 20-Jähriger. Männer haben Mühe, diese biologische Tatsache zu akzeptieren.

Sie blicken auf mehr als ein Vierteljahrhundert Sexualtherapie zurück. Was hat sich verändert?

Als ich anfing, war es für viele unglaublich schwierig, über ihre Sexualität zu reden. Allein die Tatsache des Darüberredens war eine grosse Befreiung. Auch öffentlich begann man über Sex zu reden, Liberalisierung überall. Zugleich fand aber auch eine Genitalisierung der Sexualität statt. Schaut man sich Sexjournale aus den Sechzigern an, sind da meistens ganze Menschen abgebildet, in den Siebzigern und Achtzigern konzentrierte man sich dann auf die Darstellung erigierter Sexualorgane. Diese Abkoppelung des Sex von der Person ging einher mit einer zunehmenden Brutalisierung, Frauen werden Opfer von immer erniedrigenderen Praktiken. In den Neunzigern dann die Pluralität sexueller Normen. Was man tut, was nicht, ist verhandelbar geworden.

Hat das Internet den Umgang mit der Sexualität verändert?

Es hat zu einer Virtualisierung des Sex geführt. Verbotene Wünsche werden ganz einfach per Mausklick realisierbar, der Mann, meistens ist es ja ein Mann, braucht keinen Partner mehr. Das Internet führt wohl allgemein zu einer grösseren Inszenierung der Sexualität. Was fühle ich? Was inszeniere ich zu fühlen? Antworten auf diese Frage dürften zunehmend schwerer fallen.

Wie war es bei Ihnen, Herr Buddeberg, das erste Mal?

Keine Homestory, bitte.

Sind beim Reden über Sex rote Ohren noch zeitgemäss?

Etwas Verlegenheit kann in solchen Dingen nie schaden.

Intellektuelle und Sex - ergibt das ein gutes Paar?

Intellektuelle sind vielleicht liberaler. Bildung schafft im guten Fall immer Aufgeschlossenheit.

Haben Sie für unsere Leser und Leserinnen, die laut Erhebungen überdurchschnittlich gebildet sind, ein paar Lektürevorschläge?

Männern empfehle ich «Männliche Sexualität» von Bernie Zilbergeld, Frauen «Lebenslust» von Kirsten von Sydow.

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