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NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Der Vorstoss der Mafia nach Mailand

Von Thomas Kreyenbühl

Die norditalienischen Städte sind wegen des Bedarfes an leistungsfähigen Finanzdienstleistungen in letzter Zeit zum wichtigsten Expansionsraum der Mafia geworden. Politik, Wirtschaft und auch die Unterwelt sind durch die Berührung mit der Mafia tiefgreifend verändert worden. Weite Peripheriequartiere Mailands werden bereits nicht mehr durch die offiziellen Ordnungskräfte, sondern durch kriminelle Banden kontrolliert. Delikte, Racheakte und Bandenkämpfe sind dort an der Tagesordnung, die Mafiavorherrschaft verbreitet eine Stimmung des Schreckens und des Terrors; ein geordnetes Zusammenleben ist nicht mehr möglich.

Mailand nimmt in der italienischen Mordstatistik heute den dritten Platz ein, direkt hinter Reggio Calabria und Neapel, aber vor den beiden grossen sizilianischen Städten Palermo und Catania, in denen klarere vertikale und daher weniger konfliktanfällige Mafiaführungsstrukturen bestehen.

Auch die wirtschaftlich-politische Vernetzung und die unternehmerische Konzentrationstendenz - beides sind typische Mafiaphänomene - sind in Mailand weit fortgeschritten. Die aus Palermo stammende Familie Carollo, die laut Antimafia-Kommission eng mit den Corleonesi verbunden ist, beherrscht die «Duomo Connection», die nicht nur Mailands Drogenhandel, sondern mindestens dreissig normal registrierte (und in zahlreiche Korruptionsmanöver verstrickte) Unternehmen im Bau-, im Handels- und im Finanzsektor kontrolliert. Und in einigen peripheren Gemeinden, wo sich sehr viele Einwanderer niedergelassen haben, geht das öffentliche Auftragsvolumen gemäss dem kürzlich veröffentlichten Mailand-Report der Antimafia-Kommission an die Unternehmen der gleichen calabresischen Familien, deren Vertreter auch in den zuständigen Behörden sitzen.

Ebenfalls beobachten lassen sich die für die Mafia typischen wirtschaftlichen Konzentrationsprozesse: Im Vorort Segrate geht das gesamte, früher breitgestreute öffentliche Auftragsvolumen an ein einziges Unternehmen; in Monza profitieren immer die gleichen zwei Firmen, durch interne Absprachen eines gut organisierten Klüngels.

Trotz der fortgeschrittenen Unterwanderung der Behörden und den alarmierenden Anzeichen für die um sich greifende Kriminalität kann die Metropole Mailand aber nicht als Mafiastadt bezeichnet werden; noch ist es im Gegensatz zu den südlichen Hochburgen nicht gelungen, ein Klima des Konsenses, der offenen Anerkennung der Mafiaautorität durch die Bevölkerung zu schaffen.


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