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E-Mail aus dem Cyberspace -- Comeback der Aura
© Katrin Laskowski
Von Franz Zauner
JEDER MENSCH kopiert. Auch und gerade dann, wenn er nicht einmal daran denkt. Es genügt, einen Zeitungsartikel oder eine Gutenachtgeschichte laut vorzulesen. Was heisst das, laut vorlesen? Es heisst, eine mündliche Kopie des Originals anzufertigen.
Ähnlich unschuldig geht das Vervielfältigen von Dateien aller Art vonstatten, denn Kopieren ist ein schlaraffischer, Überschuss erzeugender Vorgang, hinter dem die uralte menschliche Sehnsucht nach grossen Zahlen steckt: viel ist besser als zwei, zwei ist besser als eins. Deshalb gilt Kopieren als etwas völlig Natürliches.
Nun wissen wir aus der Hochglanzpublizistik notleidender Konzerne, dass Kopieren auch Sünde sein kann, und manche wollen es so dringlich bekämpft sehen wie das Welthungerproblem. Rechte werden verletzt, Einnahmen bleiben aus. Die Rettung heisst Kopierschutz - aber mit ihm kommt der böse Wolf in die Kopiergeschichte.
Am Beginn des letzten Jahrhunderts begrüsste der Philosoph Walter Benjamin die «technische Reproduzierbarkeit» der Werke noch als Segen. Das Kopieren löste sie aus Ritual und Kult, ihre Aura verschwand, sie wurden zugänglich.
Der Kopierschutz gibt dem Kopiergut die Aura wieder zurück. Die CD gleicht einer Reliquie, die Nutzung ist so genau festgelegt, dass sie einer kultischen Handlung gleichkommt.
Weil das kopiergeschützte Produkt aus der Schachtel darauf besteht, ein Original zu sein, rauscht die ehrenhaft kopierte Zweit-CD, und selbst das Sicherheits-Backup ist Makulatur.
Was als Bereinigung von Schlamperei vorgestellt wird, erlebt der Nutzer als lästige Attacke auf Selbstverständlichkeiten: Der Rechte-Inhaber schreibt vor, wann, wo und wie Musik gehört oder Spiele gespielt werden dürfen.
Die kleinen Freuden des User-Lebens stehen ebenso zur Disposition wie das Recht auf freien Zugang zur Information in Bibliotheken und Archiven. Vielleicht werden wir eines Tages Lizenzen zum Vorlesen brauchen, weil die E-Books mithören. Lesen wir illegal vor, poppt ein Vertragsentwurf auf und stellt sich zwischen uns und die Geschichte.
Man soll die Bereitschaft zur Empörung nie unterschätzen: Der Sinn des Lebens besteht darin, dafür zu sorgen, dass man im Altersheim etwas zu erzählen hat. Noch ein paar «I accept»-Buttons mehr, und Cracken wird zum Volkssport.
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Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
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