NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Der Psychonaut

John Lillys Isolationsversuche aus den fünfziger Jahren waren Vorbild für Science-Fiction-Filme.

Von Reto U. Schneider

WER SICH IM JAHR 1980 den Film «Altered States» bis zum Ende ansah, musste den Hinweis im Abspann für ziemlich überflüssig gehalten haben: «Die Geschichte, alle Namen, Personen und Ereignisse dieser Produktion sind erfunden. Keine Ähnlichkeit mit wirklichen Personen, Orten, Gebäuden oder Produkten ist beabsichtigt oder sollte angenommen werden.»

Als ob jemand auf die Idee gekommen wäre, diesen wirren Plot für wahr zu halten: Der Wissenschafter Eddie Jessup (John Hurt) erforscht in einem Isolationstank andere Bewusstseinszustände. Die Situation gerät ausser Kontrolle. Seine Frau kann gerade noch verhindern, dass er sich in kosmische Energie auflöst. Später macht er eine Reise in seine evolutionäre Vergangenheit und verwandelt sich in einen Urmenschen.

So bizarr die Handlung klingt, der Abspann lügt. «Altered States» basiert auf den Experimenten des Mediziners John Lilly, der dem Regisseur Ken Russell «gute Arbeit» attestierte. Der Autor der Romanvorlage, Paddy Chayefsky, hat darin Teile von Lillys Biographie «Dyadic Cyclone» verarbeitet. Zum Beispiel die Szene, in der Jessup von seiner Frau gerettet wird. Und auch die Sache mit dem Urmenschen sei tatsächlich passiert, allerdings nicht Lilly selbst, sondern einem Kollegen bei Versuchen mit Drogen im Tank. «Craig Enright wurde plötzlich ein Affe, hüpfte und schrie für fünfundzwanzig Minuten. Später fragte ich ihn: ‹Wo warst du?› Er sagte: ‹Ich wurde ein Urmensch auf einem Baum. Ein Leopard griff mich an. Ich versuchte, ihn zu verscheuchen.›»

Lange Zeit deutete nichts darauf hin, dass John Lilly dereinst mit Delphinen sprechen, Ausserirdische treffen und das Erd-Koinzidenz-Kontrollbüro entdecken würde. Lilly war ein brillanter Wissenschafter mit Abschlüssen in Biologie, Physik und Medizin, als er 1954 begann, sich mit einem alten Problem der Hirnforschung zu beschäftigen: Was würde passieren, wenn man das Hirn von allen äusseren Reizen abschnitte? Wenn weder Augen noch Ohren, weder Haut noch Nase etwas zu melden hätten? Dazu gab es zwei Meinungen: Das Gehirn schläft ein und fällt ins Koma. Oder das Gehirn ist selbstaktiv, es verfügt über einen internen Schrittmacher, der es wachhält, auch wenn nichts von aussen kommt.

Um diese Hypothesen zu testen, baute Lilly in einem abgelegenen Gebäude auf dem Gelände der National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, seinen ersten Isolationstank: eine überdimensionierte Badewanne mit exakt 34,5 Grad warmem Wasser in einem schallisolierten Raum, der sich völlig verdunkeln liess. Darin waren äussere Störungen, auch jene der Schwerkraft, gering.

Fast ein Jahr dauerte es, bis er der Kinderkrankheiten des Tanks Herr geworden war. Vor allem die Konstruktion einer bequemen Atemmaske zog sich hin. Der Kopf der Versuchsperson war unter Wasser, wenn sie auf dem Rücken im Tank lag. Die Atemmaske aus Gummi deckte Mund, Nase und Ohren ab und hatte zwei kurze Schnorchel in der Mundregion. Wer sie anzog, sah aus wie ein Monster. Weil die Beine nicht genug Auftrieb hatten, ruhten die Füsse auf einem Gummiband – der einzige Kontakt mit etwas anderem als Wasser.

Gegen Ende 1954 funktionierte alles perfekt. Einzig der Einstieg war noch etwas kompliziert. Lilly arbeitete oft allein: Er musste die geschlossene Maske aufsetzen, blind die Leiter hochsteigen, das Licht ausmachen und dann seinen Körper ins Wasser gleiten lassen, im Vertrauen darauf, dabei nicht zu ertrinken. Aber wenn er mal drin war, wurde die Dauer seines Aufenthalts nur durch die Notwendigkeit beschränkt, Nahrung aufzunehmen, und durch Termine in der «anderen Welt», wie er nannte, was sich ausserhalb des Tanks abspielte. Urinieren konnte er ins Wasser. Es wurde ständig erneuert.

Ein Jahr später veröffentlichte Lilly den ersten Fachartikel über den Tank. Er beschrieb die Erfahrungen von Schiffbrüchigen und Polarforschern, die in völliger Isolation lebten, und verglich sie mit den verschiedenen Phasen seiner Erlebnisse. Während der ersten drei Viertelstunden dominierte der Alltag. Lilly war sich bewusst, wo er war, und dachte über Dinge der vergangenen Tage nach. Dann entspannte er sich und genoss es, nichts tun zu müssen. Doch während der nächsten Stunde wuchs der Hunger nach Reizen von aussen. Er machte langsame Schwimmbewegungen, um das Wasser zu spüren, zuckte mit seinen Muskeln. Seine ganze Aufmerksamkeit floss den wenigen Dingen zu, die er noch spürte: der Gesichtsmaske und dem Gummiband an seinen Füssen.

Wenn er diese Phase durchstand, ohne den Tank zu verlassen, traten intensive Phantasien ein. «Diese sind zu persönlich, als dass man sie publik machen könnte.» Danach erreichte er die letzten Phase: die Projektion von Bildern. Einmal öffnete sich der schwarze Vorhang vor den Augen nach zweieinhalb Stunden. Eigenartige Objekte mit leuchtenden Rändern tauchten auf und ein blau schimmernder Tunnel. Lilly hätte noch lange zugeschaut, wenn seine Maske nicht leck geworden wäre, worauf er das Experiment abbrechen musste. Er war zum Psychonauten geworden, auf Entdeckungsreise ins Ich.

Das Gehirn fällt also nicht ins Koma, wenn es ihm an Input fehlt, ganz im Gegenteil, es kann sich offenbar prima selbst unterhalten. Doch die Klärung dieser Frage stand längst nicht mehr im Zentrum von Lillys Interesse. Er hielt seine Vorträge an Symposien weit entfernter Fachgebiete: einen am Treffen der American Psychiatric Association zum Thema «Forschungsmethoden in der Schizophrenie», einen anderen am Symposium «Psychosoziale Aspekte der Raumfahrt». Auch das Militär hatte Interesse: Es war bekannt, dass China und Korea im Krieg mit der Isolation von Gefangenen Gehirnwäsche betrieben.

Die Erlebnisse im Tank schienen Lilly tief beeindruckt zu haben. «Ich habe vieles herausgefunden, worüber ich damals nicht zu schreiben wagte, weil ich als Forscher am National Institute of Mental Health (NIMH) war und nicht als Patient.» Später brachte er seine Erfahrungen im Tank mit Gedankenübertragung in Verbindung, entwickelte eine Theorie des menschlichen Geistes, die nach seiner eigenen Einschätzung «am Fundament der Psychiatrie rüttelte», und verglich seine Situation mit jener Einsteins, als der die Möglichkeiten der Atomspaltung erkannte.

Das waren nicht Dinge, die wissenschaftliche Fachzeitschriften druckten. Lilly verliess das NIMH und zog auf die Virgin Islands, um die Kommunikation mit Delphinen zu studieren. Später nach Miami, Baltimore, Malibu, Chile. Seine Forschung im Tank betrieb er weiter. Auf den Virgin Islands füllte er ihn mit aufgeheiztem Meerwasser und stellte fest, dass er darin fast von selber schwamm, das stabilisierende Gummiband und die umständliche Atemmaske nicht mehr brauchte. Er machte Versuche mit Kochsalz im Wasser. Weil dabei die kleinste Verletzung der Haut brannte, trug Lilly auf dem ganzen Körper Silikon-Gel auf, bevor er ins Wasser ging. Bei späteren Experimenten kippte er sackweise weniger aggressives Magnesiumsulfat in einen zwei Meter langen, einen Meter breiten und 25 Zentimeter tiefen Tank. Darin schwamm sogar die drahtigste Person.

Nach den Vorgaben von Lilly baute die 1972 gegründete Firma Samadhi Tank die ersten Tanks für den Heimgebrauch, die in Esoterikkreisen rasch populär wurden. Samadhi bedeutet in Sanskrit einen Zustand tiefer innerer Ruhe.

In den achtziger Jahren trieben Manager über Mittag für sechzig Franken pro Stunde im Salzwasser und stärkten ihr Urvertrauen, steigerten ihre Kreativität, unternahmen Zeitreisen oder produzierten Glückshormone. Das alles und noch viel mehr versprechen Samadhi Center bis heute. Der Boom hat allerdings nachgelassen, denn nicht bei allen öffnete sich der schwarze Vorhang, und viele warteten vergeblich auf Phantasien, die sie nicht hätten publik machen können.

Die Erlebnisse im Tank waren höchst individuell, das machte sie wissenschaftlich schwer fassbar. Lilly interessierte vor allem seine eigene Reaktion. Es kam ihm gerade recht, dass der Tank wegen seiner vagen Verbindung zur Gehirnwäsche keinen guten Ruf hatte und es deshalb schwierig war, Versuchspersonen zu finden.

Sein Mitarbeiter Jay Shurley, der an der University of Oklahoma ein eigenes Forschungsprogramm initiierte, versuchte, die Wirkung des Isolationstanks in den sechziger Jahren systematisch zu erforschen. Doch die wissenschaftliche Einteilung der visuellen Phantasien seiner Versuchspersonen liess ihn ratlos. «Wie zum Beispiel soll man diese Aussage klassifizieren: ‹Ich hatte das Gefühl, dass ich mit meinem rechten Bein rührte, es war ein Löffel in einem Glas kalten Tees und ging einfach immer im Kreis herum.›»

Lilly wurde zu einem Guru der Esoterikbewegung, schrieb mehrere wirre Autobiographien und kombinierte seine Aufenthalte im Tank mit LSD-Trips. Eine Journalistin, die frühere Kollegen von Lilly in den achtziger Jahren fragte, wo er zu finden sei, bekam zur Antwort: «Meinen Sie, in welcher Dimension?»

Lilly starb am 30. September 2001 an einem Herzversagen. Er wurde 86 Jahre alt.




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