EINE ATTRAKTION der Zuger Seepromenade ist die Voliere. Vom Knirps bis zur Grossmutter stehen die Leute vor dem Gitter und versuchen, den Tieren Worte und Geräusche zu entlocken. Im Kreischen der Vögel und Geplapper der Menschen hat Gracula religiosa aus der Familie der Stare den stärksten Auftritt. Zu viert hocken diese aus Asien stammenden Beos im dürren Geäst und demonstrieren ein beachtliches Repertoire. Da hält einer seinen glänzendschwarzen Kopf schräg und ruft «Hallo»; ein zweiter nennt sich «Beo»; ein anderer ruft laut und deutlich «Papagei». Auch Geräusche werden imitiert, das Schnarren der Enten, das Husten eines Zuschauers. Als schliesslich ein Beo «miaut», fragt eine ältere Frau: «Wo ist das Kätzchen?» Worauf der Schlaumeier gesteht: «Nei, nei.» Eine Glanznummer ist der River-Kwai-Marsch, dessen Anfangstöne man dem Tier durch Vorpfeifen entlocken kann.
Sprechende Vögel sind seit Jahrtausenden Publikumslieblinge. Im alten Rom gehörten die buntgefiederten Vögel aus Indien zum Luxus der Oberschicht. So berichtet Plinius der Ältere, wie der Papagei vorgesagte Worte laut nachspricht, wobei Wein den Vogel besonders munter mache; zum Sprechenlernen schlage man ihm am besten mit einem Eisenstäbchen auf den Kopf. Auch von Elstern, «die sterben, wenn sie der Schwierigkeit eines Wortes nicht gewachsen sind», ist die Rede, von der sprechenden Drossel der Kaiserin Agrippina, von einem jungen Raben, der jeden Morgen zur Rednertribüne auf das Forum flog, um Tiberius und den Cäsaren den Gruss zu entbieten. Im Mittelalter waren es dann die Kreuzritter, die mit dem plaudernden Papagei Exotik nach Europa brachten; die Entdecker Amerikas fanden zahme Papageien in fast jeder Eingeborenenhütte.
Wie unterhaltsam das Geplauder der gefiederten Freunde aber auch sein mochte, in der Frage, ob die Tiere den Sinn der gesprochenen Worte verstehen, war man sich einig: Die Vögel ahmen Lautgebilde rein akustisch nach. Brehm attestiert dem Papagei die Fähigkeit, Gelerntes richtig anzuwenden, nicht aber, es zu verstehen.
Vor dreissig Jahren entdeckte der englische Tierstimmenforscher William Thorpe, dass das Lied des Glokkenwürgers nicht von einem einzigen Vogel stammt, sondern der präzis synchronisierte Wechselgesang eines Pärchens ist. In der Folge zeigte sich solches Verhalten bei zahlreichen weiteren Singvogelarten und auch bei Papageien. Mit dem Duettsingen festigen die Geschlechtspartner ihre Bindung und treten als kooperierende Besitzer ihres Reviers auf. Ähnlich sensibel auf die «Sprache» anderer reagieren die Spottvögel, etwa das Braunkehlchen, der Gelbspötter und wiederum Papageien. Sie wiederholen oder ergänzen Melodien von Artgenossen, flechten aber auch Lautäusserungen artfremder Vorsänger in ihr Repertoire ein. So integriert der Sumpfrohrsänger häufig Abschnitte von Liedern benachbarter brütender Vogelarten in den eigenen Gesang. Und Wellensittiche streuen in ihr Gezwitscher derart übergangslos einzelne Worte ihrer Menschenfreunde, dass dies nur merkt, wer speziell darauf achtet.
Soziales Nachahmen und Antworten ist auch die Basis der «sprechenden Vögel». Eine Berühmtheit unter den sprechenden Papageien war in den siebziger Jahren Lora Eston. Vom Ehepaar Eston trainiert, war das ulkige Viech bald der Star von Zirkus, Variété und Fernsehshows. Die Estons hatten erkannt, dass ihr Papagei am besten lernt, wenn er sich in einem sozialen Spannungsfeld befindet. So spielte Frau Eston für das Tier den Partner, während Herr Eston gegenüber dem Vogel als Konkurrent agierte. Sprachen die Estons nun dem Vogel einen Dialog vor, übernahm das Tier sehr schnell den Part des Nebenbuhlers und versuchte seinerseits, damit dem Frauchen zu imponieren. In der Zirkusvorstellung trat dann Herr Eston gar nicht mehr auf. Der Papagei sprach mit Eifer und mit dem Tonfall des Herrn Eston jeweils den zweiten Teil des Satzes oder Dialogs: «Du bist mein - kleiner Papagei.» «Du bist - frech.» «Wie heisst du? - Lora Eston.» Für das Gastspiel in Paris lernte Lora einige französische Worte; in Kopenhagen kam Dänisch zum Zug. Der internationale Erfolg war garantiert.
Es wäre wohl bei der Erkenntnis geblieben, sprechende Vögel benützten im Zusammensein mit Menschen lediglich ihr angeborenes Talent zum «Spotten» und Duettsingen, wäre nicht Irene Pepperberg gewesen. Die junge Amerikanerin hatte Chemie studiert, begann sich aber in den siebziger Jahren für die Intelligenz von Tieren zu interessieren. Als Studienobjekt wählte sie den Papagei. 1977 nahm Irene Pepperberg den Graupapagei Alex in Obhut und begann mit dem 13 Monate alten Tier ein intensives Training. Grundprinzip der «Sprachschulung» war, dass jeder Begriff, den sie Alex lehren wollte, immer einen sinnvollen Bezug zur Realität des Tieres haben musste. So liess sie Alex erst aus einer Reihe von Gegenständen diejenigen herauspicken, die ihn als Nahrung oder Spielzeug interessierten, etwa eine Nuss, einen Schlüssel oder ein Blatt Papier. Dann setzte sich die Forscherin in die Nähe des Vogels und redete mit einer Kollegin über einen der Gegenstände: «What's here?» «What color?» «What shape?» Die Antwort der Kollegin (Papier, gelb, viereckig) wurde von der Versuchsleiterin freudig gelobt, und sie überreichte ihr den Gegenstand als Belohnung.
Der neugierige Alex mischte sich bald schon ins Gespräch. Er wetteiferte um die begehrte Sache - und wurde selber stolzer Besitzer, sobald er die richtige Antwort gab. Dabei mussten aber sowohl das Wort wie die englische Aussprache richtig sein, ansonsten die Versuchsleiterin den Gegenstand unter Bedauern verschwinden liess.
Vor kurzem konnte Alex seinen 19. Geburtstag feiern. Was er in achtzehn Jahren Schule lernte, ist sensationell: Alex kann heute fünfzig Gegenstände richtig benennen. Er kennt ausserdem sieben Farben, fünf Formen, sechs Zahlen und einige Sätze (etwa «I'm sorry», wenn die Versuchsleiterin das Zimmer verlässt, weil Alex nicht mitmachen will). Das Entscheidende ist aber nicht sein grosser Wortschatz, sondern der Umstand, dass er offensichtlich die Begriffe versteht. Zeigt man Alex beispielsweise einen anderen Schlüssel als den im Training verwendeten, antwortet er immer noch «key». Und die Frage «What color?» beantwortet er für den grünen Radiergummi mit «green», selbst wenn er vorher überhaupt noch nie einen Radiergummi gesehen hat. Der Vogel hat auch gelernt, selber nach Dingen zu bitten. Sagt er «I want nut» und erhält eine Kirsche, reklamiert er mit «no» und wiederholt seinen Wunsch.
Alex erkennt sogar die einzelnen Farben, Materialien und Formen als eigentliche Kategorien. Zeigt man ihm ein blaues, viereckiges Papier zusammen mit einem blauen, dreieckigen Stück Leder, beantwortet er die Frage «What's same?» korrekt mit «color» (nicht etwa mit «blue»). Gesellt man jedoch zum gleichen Papier ein blaues und diesmal viereckiges Stück Leder, findet er für die Frage «What's different?» nun die Antwort «mah-mah» (seine Aussprache für «matter»). Und will man Alex mit Gegenständen tricksen, bei denen weder etwas gleich noch etwas verschieden ist, antwortet er prompt «none».
Irene Pepperberg brachte ihrem Alex auch die Begriffe «grösser» und «kleiner» bei. Der Vogel zeigte sich wiederum sehr gelehrig und antwortete bald schon bei einem kürzeren gelben Holzstäbchen und einem längeren roten auf die Frage «What color bigger?» korrekt mit «red». Er gibt auch die richtige Antwort, wenn die Dimensionen der Gegenstände viel grösser oder viel kleiner als gewohnt sind oder wenn er plötzlich ganz neuartige Dinge und Formen vor sich hat (etwa einen kleinen grünen und einen grossen orangen Stern aus Plastic).
Die wohl grossartigste Fähigkeit beherrscht Alex seit etwa fünf Jahren: Aus einem Vorrat von hundert Objekten mit den verschiedensten Kombinationen an Formen, Farben und Materialien präsentiert man Alex eine Auswahl von sieben. Die Fragen lauten jetzt «Welche Form hat blauer Stein?» oder «Welcher Gegenstand ist sechseckig gelb?» Da in der betreffenden Auswahl mehrere Gegenstände sechseckig und mehrere gelb sind, die Kombination von beidem aber nur auf ein einziges Objekt zutrifft, kann das Tier die richtige Antwort nur finden, falls es ihm gelingt, die beiden Kriterien gleichzeitig zu erfassen. Alex antwortete bald schon bei über 80 Prozent der Versuche richtig. Und da soll der Papagei bloss ein simpler Nachplapperer sein?