NZZ Folio 03/06 - Thema: Zucker   Inhaltsverzeichnis

Trumpf Bauer sticht nicht mehr

© Martin Ruetschi/Keystone
Das Ende der Schonzeit für die Schweizer Rübenbauern naht. Linktext
Noch ist der Anbau von Zuckerrüben für die Schweizer Bauern ein einträgliches Geschäft. Die neue Zuckermarktordnung der EU wird das ändern. Soll man es beklagen?

Von Andreas Heller

Kaum hatte die Vollerntemaschine die letzten Zuckerrüben ausgegraben, zurechtgestutzt und eingesammelt, verliess er Heim und Scholle. Werner Schwendimann, Zuckerrübenbauer in Oberstammheim ZH und Präsident des Verbands der Schweizer Zuckerrübenbauern, reiste nach Paris, um sich an der Zusammenkunft seiner europäischen Branchenkollegen aus erster Hand über die Folgen der neuen Zuckermarktordnung der EU zu informieren. Es war die erste Sitzung des Europäischen Zuckerrübenanbauverbands nach dem Beschluss der EU, den Zuckerpreis bis ins Jahr 2009 um über einen Drittel zu senken. Entsprechend gedrückt war die Stimmung. «Vor allem für die Produzentenländer mit tiefen Erträgen ist die Marktordnung bitter», sagt Schwendimann. «Die werden wohl alle ihre Betriebe dichtmachen müssen.»

Dass sich ein Schweizer Bauer so genau für die EU-Agrarpolitik interessiert, hat gute Gründe. Seit rund einem halben Jahr nämlich ist der Schweizer Zuckerpreis an jenen der EU gekoppelt. Es ist nicht mehr so wie früher, als die EU ihre Zuckerüberschüsse mit Exportsubventionen verbilligte und zum wesentlich tieferen Weltmarktpreis in die Schweiz verkaufte, die im Gegenzug den importierten Zucker mit ebenso hohen Zöllen auf das Preisniveau ihres inländischen Zuckers verteuerte. Abgeschafft sind auch die Exportsubventionen, die die Schweiz für zuckerhaltige Produkte an ihre Nahrungsmittelindustrie ausrichtete. Früher hat ein Schokoladenhersteller beim Kauf von Importzucker einen hohen Zoll bezahlt, den er beim Export der Schokolade vom Staat wieder zurückerhielt.

Im zweiten Paket der bilateralen Abkommen haben die Schweiz und die EU vereinbart, dass für Zucker in verarbeiteten Produkten – wo 80 Prozent des Zuckers schliesslich landen – der Freihandel gilt. Das bedeutet: keine Subventionen und keine Zölle mehr für Zucker in Schokolade, Guetsli und anderen Süsswaren. Verarbeiteter Zucker kann aus der EU frei in die Schweiz exportiert werden – und das Gleiche gilt umgekehrt. In der Praxis heisst dies, dass der Schweizer Zucker nicht mehr kosten sollte als der EU-Zucker, will die Schweizer Nahrungsmittelindustrie, der nichts mehr zurückerstattet wird, konkurrenzfähig bleiben.

Senkt die Europäische Union also den Zuckerpreis, kommt automatisch auch der Preis des Schweizer Zuckers ins Rutschen – zum Leidwesen der 7100 Schweizer Bauern, die Zuckerrüben anbauen.

Um die 1,4 Millionen Tonnen Zuckerrüben ernten die hiesigen Landwirte im Jahr. Ihre Ware liefern sie an die beiden Zuckerfabriken in Frauenfeld und Aarberg, die daraus je nach Zuckergehalt der Rüben 185 000 bis 220 000 Tonnen Zucker produzieren. Auch in guten Jahren reicht diese Menge freilich nicht ganz, um den Zuckerkonsum der Schweizerinnen und Schweizer zu decken – und sie genügt schon gar nicht, um die exportstarke Schweizer Schokoladen-, Guetsli-, Konfitüren- und Getränkeindustrie ausreichend mit Zucker zu versorgen. So werden zusätzlich 280 000 Tonnen aus der EU importiert.

Werner Schwendimann versenkt einen Würfelzucker (2,5 Gramm) in seinem Kaffee. «Der Konsument», analysiert er nüchtern, «wird kaum von der Preissenkung profitieren.» Was ist das schon, das bisschen Zucker, das man im Haushalt verbraucht? «Gewinner sind die Grossabnehmer, die Lebensmittelindustrie, die günstiger produzieren kann. Und die Zeche», das ist für Schwendimann ebenfalls klar, «zahlen einmal mehr die Bauern.»

Dieses Jahr erhielt Schwendimann für jede Tonne, die er an die Zuckerfabrik in Frauenfeld ablieferte, 98 Franken sowie Zuschläge je nach Ausbeute, Liefertermin und Qualität der Rüben. Im letzten Jahr – die Ernte war gut, der Zuckergehalt mit 17,5 Prozent relativ hoch – betrug die Entschädigung 107 Franken. Damit lässt sich recht gut leben, zumal die Ackerbauern auch noch Direktzahlungen erhalten, Flächenbeiträge von 1600 Franken je Hektare. Auch wenn einstige Spitzenpreise von bis zu 155 Franken pro Tonne längst nicht mehr erreicht werden, ist der Rübenanbau immer noch ein interessanter Erwerbszweig, lukrativer jedenfalls als der Anbau von Getreide, Soja oder Raps. Das zeigt sich auch an der Grösse der Anbaufläche, die in den letzten zwanzig Jahren trotz Kontingentierung auf wundersame Weise von 13 000 Hektaren auf 1800 Hektaren zugenommen hat.

Es ist den Zuckerrübenbauern bis jetzt nicht schlecht gegangen – Schwendimann will das auch gar nicht bestreiten. Und natürlich, ein bisschen Spielraum sei immer vorhanden. Doch eine Preissenkung, wie sie jetzt anstehe, sei einfach nicht verkraftbar. Für 60 oder auch 70 Franken pro Tonne werde kaum mehr einer Rüben anbauen wollen, meint der Vertreter der Rübenpflanzer und fordert vom Bund, dass er wie die EU diese Einkommensausfälle kompensiere.

Die EU wird an ihre Bauern die Preisausfälle zu über 60 Prozent mit Direktzahlungen ausgleichen; jene Länder, die ganz aus der Zuckerproduktion aussteigen, sollen ausserdem Stilllegungsprämien erhalten. In der Schweiz ist in dieser Sache noch nichts entschieden, das Bundesamt für Landwirtschaft hat lediglich signalisiert, dass etwa 30 Prozent der Einnahmenausfälle entschädigt werden könnten. Viel zu wenig, monieren die verwöhnten Zuckerrübenbauern. Unklar ist nicht nur die Höhe der Kompensationen, sondern auch ihre Modalitäten. Denn im Umbruch befindet sich auch die Schweizer Zuckermarktordnung. Derzeit subventioniert der Bund die Zuckerfabriken im Rahmen eines sogenannten Leistungsauftrags, das heisst, er zahlt der Zuckerfabrik eine pauschale Summe. Bis ins Jahr 2002 waren das über 40 Millionen Franken im Jahr, derzeit sind es noch 26,5 Millionen. 2008 soll der Leistungsauftrag dann ganz gestrichen und im Rahmen der neuen Agrarpolitik 2011 durch Direktzahlungen an die Bauern ersetzt werden. Die Zuckerwirtschaft steht somit unter doppeltem Druck: erodierende Preise und gleichzeitig sinkende Subventionen.

«Die Situation ist agrarpolitisch höchst brisant», sagt Josef Arnold, Direktor der Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld. «Es geht darum, ob in der Schweiz Anbau und Verarbeitung von Zuckerrüben überhaupt noch eine Zukunft haben.» Natürlich, räumt auch Arnold ein, könne man mit Rationalisierungen noch etwas effizienter produzieren, trotzdem müssten sich die Bauern darauf einstellen, dass sie in Zukunft von der Zuckerfabrik sehr viel weniger Geld für ihre Ware bekommen würden. Auch sie werden nicht darum herumkommen zu restrukturieren. «Aber wir brauchen auch einen Preis, der die Kosten deckt. Nur dann werden in der Schweiz noch ausreichend Rüben angebaut.»

Ausreichend heisst in diesem Fall um die 1,4 Millionen Tonnen, ziemlich genau die heutige Menge. Werde die Menge klar unterschritten, sagt Arnold, seien die beiden Zuckerfabriken kaum mehr wirtschaftlich zu betreiben, und man müsste sich überlegen, ob sich die Verarbeitung in zwei Fabriken noch lohne. Ausserdem weist er darauf hin, dass sich der Markt schon bald wieder ganz anders präsentieren könnte. Dann nämlich, wenn die EU, wie von der Welthandelsorganisation vorgesehen, ihre Exporte von Zuckerüberschüssen reduzieren müsse. «Wir müssen aufpassen», warnt der Direktor, «dass es der Schweiz und der Schweizer Nahrungsmittelindustrie nicht plötzlich an hochwertigem Zucker fehlt.»

Gar so schlimm dürfte es nicht kommen. «Ich hoffe, dass wir eine Lösung finden werden, die für alle tragbar ist», sagt Werner Schwendimann. Die Angelegenheit sei zwar sehr komplex, selbst Insider hätten nicht immer den vollen Durchblick. Aber auch Politikern, die mit der Landwirtschaft nichts am Hut haben, sollte doch einleuchten, dass der Anbau von Zuckerrüben in der Schweiz durchaus sinnvoll sei: Die Zuckerrübe sei eine Kulturpflanze, die das regnerische und kühle Klima in der Schweiz durchaus schätze und dies mit einem relativ hohen Zuckergehalt zum Ausdruck bringe. Sie eigne sich sehr gut für den Fruchtwechsel, brauche relativ wenig Dünger und sei nicht besonders anfällig für Schädlinge, viel weniger jedenfalls als die Kartoffel. Und schliesslich, was wäre die herbstliche Landschaft im Schweizer Mittelland ohne Berge von Zuckerrüben? «Das muss uns doch auch etwas wert sein.»

Fragt sich bloss: Wie viel?

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.