NZZ Folio 01/97 - Thema: In der Krise   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Manipuliert, aber wahr

Von Herbert Cerutti

MAN KANN mit Zahlen manipulieren, ohne zu lügen. Eine Operation, bei der 95 Prozent der Patienten überleben, mag für uns akzeptabel sein. Wir schrecken jedoch vor dem gleichen Eingriff zurück, wenn man uns sagt, jede zwanzigste Operation verlaufe tödlich. Und wo die Vereinigung für Atomenergie die Stärke einer radioaktiven Quelle mit einem Tausendstel Curie angibt, wird Greenpeace ziemlich sicher von 37 Millionen Becquerel reden.

Besonders hinterlistig sind jene Statistiken, wo man die versteckte Wahrheit nicht mehr ohne weiteres finden kann. So ergibt eine Umfrage 67 Prozent ablehnende Stimmen, wenn lediglich drei Leute befragt worden sind und zwei davon sich negativ äusserten. Die Manipulation auf die Spitze getrieben hat wohl jene legendäre Meldung der «Prawda», welche nach einem Eishockey-Länderspiel zwischen der Sowjetunion und den USA die Niederlage der eigenen Mannschaft kaschierte, indem von einem Turnier berichtet wurde, «mit unseren Jungens als ehrenvolle Zweite und den Amerikanern als Vorletzte».

Das Ersetzen einer mathematischen Grösse durch eine gleichwertige andere hat schon zum politischen Skandal geführt. 1978 wurde in Holland bekannt, dass 38 Parlamentarier und 8 Regierungsmitglieder rasch noch eine Steuerlücke ausnutzten, bevor das Gesetz sie schloss. Das Volk reagierte sauer. Eine Untersuchungskommission bekam den Auftrag, die Sache abzuklären und die unmoralischen Politiker zu eruieren. Nach etlichem Hin und Her stellte sich heraus, dass es diese 38 und 8 einzelnen Menschen gar nicht gab. Denn jemandem war schliesslich aufgefallen, dass 38 und 8 gerade das gerundete Viertel der insgesamt 150 Parlamentarier und 33 Regierungspersonen waren. Und an der Quelle der Anschuldigung hatte die (möglicherweise begründete) Vermutung gestanden, dass wohl ein Viertel der Palamentarier und der Regierung sich unanständigerweise der Steuerlücke bedienten. Irgendwer hatte dann aus dem «Viertel» konkrete Zahlen gemacht und so eine grobe Schätzung in eine scheinbar präzise Aussage verwandelt. Was mathematisch gleichwertig scheint, wirkt manchmal recht verschieden.


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