NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Zwei Männer im Park

Von Gunhild Kübler

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?

Zwei Männer kommen in einer herbstlichen Parkallee miteinander ins Gespräch. A ist jung, blond und auffallend hübsch. B ist beinahe sechzig Jahre alt, bleich und mager. In der Hand trägt er eine verschnürte Pappschachtel.

A:    (auf die Pappschachtel tippend) Soll ich Ihnen behilflich sein?

B:     Nee, danke, lassense man.

A:    Wo wollen Sie denn hin?

B:    Jarnirgends. Bin im Dienst.

A:    Im Dienst? Sind Sie Träger?

B:    Allerdings! Tragen - det bin ick jewohnt. Ich hab 'n breiten Puckel, da jeht 'n Packen ruff. Aber - wohin soll ick's tragen. Det ist de Frage! Ich hab ja keen Aufenthalt, für mir gibt's ja keen Platz uff de Erde (legt die Schachtel auf einer Bank ab, dabei öffnet sie sich, eine Offiziersmütze und ein Säbel fallen heraus).

A:    Sind Sie Offizier?

B:    So ähnlich, mein Herr, so ähnlich. Vielleicht brauch ich's auch für 'n Maskenball.

A:    Wie schön ist so ein Waffenrock! Vortrefflich, natürlich und überzeugend hätte mir so etwas gestanden, das hat man mir schon bei der Aushebung gesagt.

B:    Haben Sie nicht gedient?

A:    Ich bin ausgemustert, und das ist auch besser so. Denn mein Eintritt in die militärische Welt hätte einen groben Fehler und Irrtum bedeutet. Mein Leben beruht in erster Linie auf der Vor- und Grundbedingung der Freiheit - einer Bedingung also, welche mit irgendeiner Einspannung in ein plump tatsächliches Verhältnis schlechterdings unvereinbar gewesen wäre.

B:    Ick mechte ooch nur meine Ruhe und meine Freiheit. Aber wat hab ick immer jesagt? - wie der Mensch aussieht, so wird er anjesehn.

A:    Da haben Sie recht. «Armut», heisst es wohl, «ist keine Schande», aber es heisst nur so. Denn sie ist den Besitzenden höchst unheimlich, ein Makel halb, und halb ein unbestimmter Vorwurf, im ganzen also sehr widerwärtig, und zu unangenehmen Weiterungen mag es führen, sich mit ihr einzulassen.

B:    Am besten is, wenn eener mit 'n bunten Fell und blanke Kneppe kommt. So 'ne Uniform, det ist keen Rock mehr, det is 'n Stück vom Menschen. Det is de bessere Haut sozusagen.

A:    Auch ich habe vor einigen Jahren einmal in einer Uniform gesteckt - sandfarbenes Tuch, rot garniert. Und da ich mir selbst und auch der schönen Welt nicht wenig in meiner schmucken Livree gefiel, so machte der Dienst mir entschiedene Freude. Ich war Liftboy in einem Hotel, müssen Sie wissen, eine Arbeit, die mich auch in der Gesellschaft weit nach oben befördert hat.

B:    Jedem dat Seine. Mir hamse ooch befördert, hinaus aus meiner Heimat nämlich. Dat Recht - so heisst es - jeht über alles. Aber et jeht auch übern Menschen, mit Leib und mit Seele! Da jeht et rüber, und denn steht er nich mehr uff.

A:    Sie haben düstere Ansichten. Ich habe immer geglaubt, dass ich ein Vorzugskind des Himmels sei, und ich kann sagen, dieser Glaube ist im ganzen nicht Lügen gestraft worden.

B:    Amen. Sie reden wie der Pastor aufn Friedhof. Nee, mir hamse zu lang jepufft, mir hamse nu wachjekriegt, da jibts keen Pennen mehr, ick will det nu janz jenau wissen.

A:    Was haben Sie vor?

B:    Haltense mich nich auf. Ick zieh mir nur um . . .

B steht auf, strafft sich und legt militärisch grüssend die Hand an die Schläfe; dann nimmt er seine Pappschachtel von der Bank und verschwindet.

Auflösung Rätsel Folio Nr. 12: A ist der Titelheld aus Thomas Manns «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull» (1954); B ist der Hauptmann von Köpenick aus dem Stück gleichen Titels von Carl Zuckmayer (1930).


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