EIN SOMMERFERIENTAG im Tessin. Weitab vom Lärm der Talstrasse im Maggiatal steht in einer Waldlichtung der Rustico. Das kleine Steinhaus im Kastanienhain, ursprünglich ein Stall, hat man irgendwann zum Ferienhaus umgebaut. Aber vermutlich schon lange bevor die Familien aus der Deutschschweiz anrückten, hatten es sich andere Gäste in den vier Wänden wohnlich gemacht. Die laue Julinacht ist noch nicht zu Ende, als uns ein Heidenlärm aus dem Schlummer reisst. Direkt am Kopfende des Bettes geht hinter der dünnen Bretterwand die Polonaise durchs Haus. Es rumpelt und quietscht, faucht und zischt. Erst als die Baumwipfel im frühen Sonnenlicht stehen, wird es still.
«Ghiro», erklärt uns lachend ein Einheimischer den Grund des nächtlichen Spektakels; das Wörterbuch liefert die Übersetzung «Siebenschläfer». Das ist aber auch alles, was wir über die Doppelbelegung der Ferienunterkunft erfahren. Bis zu jenem fulminanten Auftritt ein Jahr später in der Gewitternacht.
Wir hatten es uns am Ende eines unfreundlichen Tages am offenen Kamin gemütlich gemacht, wo zwar nicht ein Feuer, aber eine dicke Kerze brannte. Das Licht war bereits aus dem Fensterviereck geschwunden; wir plauderten im Flackerschein. Urplötzlich ein spitzer Schrei und im Kamin ein Schatten. Dann wurde es stockfinster. Etwas musste aus dem Kamin direkt auf die Kerze gefallen sein. Nach dem ersten Schrecken und nachdem wir den Lichtschalter betätigt hatten, fanden wir die Ursache des seltsamen Geschehens auf dem Türbalken hocken: ein pelziges Wesen, nicht unähnlich einem Eichhörnchen. Mit Kulleraugen starrte es uns an, die fast kreisrunden, kleinen Ohren schräg nach vorne gerichtet. Das Fell schimmerte am Rücken braungrau, wechselte gegen den Bauch zum hellen Silber, und um die Augen trug das Tier wie Nofretete schmale schwarze Ringe. Am langen, buschigen Schwanz aber klebte Kerzenwachs. Eigentlich ein ganz hübscher Kerl, der jetzt nach der verunglückten Klettertour im Kamin wie festgenagelt auf dem schmalen Podest sass. Den Ausweg brachte schliesslich ein Paddel, das wir sachte vom Türbalken zum Kaminsims legten. Nach etlichem Zögern tippelte der Kobold zirkusreif über den schmalen Steg zum Kamin zurück, wo er rasch wieder im dunklen Schlund verschwand.
Allen Leuten ist der Name Siebenschläfer geläufig, nur wenige haben das Tier selber gesehen. Die ausschliesslich nächtliche Aktivität in den Laub- und Mischwäldern, in Parkanlagen, Obst- und Weingärten sowie der Rückzug in ein sicheres Tagesversteck macht das Tier zum heimlichen Wesen. Dabei ist Glis glis als grösste und bekannteste Art der Familie der Schlafmäuse (oder Bilche) in fast ganz Europa verbreitet, wo die Tiere vorwiegend in tieferen und mittleren Lagen bis auf 1500 Meter über Meer leben. Im unlängst erschienenen Atlas der Säugetiere der Schweiz findet man als potentielles Verbreitungsgebiet das ganze Mittelland, das Tessin sowie die tieferen Lagen Graubündens und des Wallis. Tatsächlich beobachtet wurde Glis glis jedoch überwiegend im Tessin.
Auf seinen nächtlichen Streifzügen konsumiert der Siebenschläfer vor allem Samen, Nüsse, Pilze, Beeren und andere Früchte, wobei er Äpfel und Kirschen ganz besonders schätzt. Man hat schon Tiere beobachtet, die ganze Äpfel packten und als Vorrat in das Schlafnest schleppten. Auch holt sich die Schlafmaus gelegentlich Käfer, Schnecken, Vogeleier und sogar Jungvögel. Brehm qualifiziert den Siebenschläfer als ausgesprochenen Vielfrass: «Wenige Nager dürften es dem Bilche an Gefrässigkeit zuvortun. Dieser frisst, solange er fressen kann. Er überfällt, mordet und verzehrt jedes kleinere Tier, das er erlangen kann.» Auch schildert Brehm, wie der Siebenschläfer, etwa in der südlichen Krain (im heutigen Slowenien), die Naturverjüngung des Buchenwaldes durch den Verzehr der Buchenmast arg behindere.
Werden die Tage kürzer, muss sich der Siebenschläfer zusätzliches Fett anfressen, denn er verbringt die kalte Jahreszeit im Winterschlaf. «Winter, dich schlafen wir durch; wir strotzen von blühendem Fette, just in den Monden, wo uns nichts als der Schlummer ernährt», wusste schon der römische Dichter Martial die Überlebenstaktik der Schlafmaus zu würdigen. Das Winterquartier, meist eine selbstgegrabene, frostgeschützte Erdhöhle, bezieht das Tier um den Oktober herum und erwacht nach sieben Monaten (daher der Name Siebenschläfer) wieder zu neuen Taten. Der lange Schlaf kostet ihn einen Drittel bis zur Hälfte des Herbstgewichtes von etwa 120 Gramm. Das Tier kommt auch nur über die Runden, indem es seinen Energieumsatz im Winternest drastisch reduziert: Die Körpertemperatur wird von 36 Grad Celsius bis auf wenige Grad gesenkt; das Herz schlägt statt 450mal pro Minute noch knapp 40mal; die Pausen zwischen zwei Atemzügen können bis auf 50 Minuten ausgedehnt werden. Nähme man das Tier in diesem Zustand in die Hand, fühlte es sich kalt, starr und leblos an. Kaum wieder munter, widmet sich der Siebenschläfer im Frühling der Fortpflanzung. Nach einer Tragzeit von 31 Tagen kommen vier bis sieben Junge zur Welt, deren Augen sich im Alter von 21 Tagen öffnen. Selbständig werden die Kleinen mit etwa 6 bis 7 Wochen.
Als Feinde kennt der Siebenschläfer Baummarder, Iltis, Wiesel, Waldkauz, Uhu und Katze. Man fand aber auch schon einen Siebenschläfer im Magen einer erlegten Wildsau, die den Bilch vermutlich während seines Winterschlafs aus dem Boden gebuddelt hatte. Im «Thierleben der Alpenwelt» schreibt Friedrich von Tschudi 1858 über die Siebenschläfer: «Gegen ihre Feinde vertheidigen sich diese Thiere mit hartnäckiger Tapferkeit und brauchen ihr scharfes Gebiss und ihre Krallen fertig genug, wenn auch selten mit Erfolg.» Weit gefährlicher als räuberische Tiere sind für den Siebenschläfer jedoch kühle, regnerische Sommer, die nur wenige Jungtiere überstehen. Und in Jahren mit spärlichen Früchten an den Buchen und Eichen kann der Siebenschläfer im Herbst oft nicht genügend Fettreserven anlegen, was zu hoher Wintersterblichkeit führt. In guten Zeiten aber kann der Bilch bis zu neun Jahre alt werden.
Den Tieren wird eine ausgeprägte Ortstreue attestiert. So nistet Generation um Generation in der gleichen Baumhöhle, im Vogelnistkasten oder an ruhigen, dunklen Orten in Gebäuden. Haben sich Siebenschläfer in bewohnten Häusern eingerichtet, fallen sie manchen Menschen durch ihren Lärm oder wegen Schäden an Vorräten, Kleidern oder Möbeln lästig. Als Massnahme gegen Störefriede empfiehlt das Bündner Natur-Museum das Einfangen mit Drahtgitter-Klappfallen und ein Wiederfreilassen etliche Kilometer vom Haus entfernt.
Trotz ihrem schädlichen Verhalten ausgesprochen Gefallen an den Bilchen fanden die alten Römer. «Eichen- und Buchenhaine umgab man mit glatten Mauern, an denen die Siebenschläfer nicht emporklettern konnten; innerhalb der Umgebung legte man verschiedene Höhlen an zum Nisten und Schlafen; mit Eicheln und Kastanien fütterte man hier die Bilche an, um sie zuletzt in irdenen Gefässen, Glirarien genannt, noch besonders zu mästen», beschreibt Brehm die Betreuung in der Antike. Kennt man die römischen Bräuche, kann man sich den Rest vorstellen: «Nach vollendeter Mästung kamen die Braten als eines der leckersten Gerichte auf die Tafeln reicher Schlemmer.» Die Siebenschläfer galten auch im Tessin als Delikatesse; in Südosteuropa und in Frankreich soll das zarte, weisse Fleisch noch heute seine Liebhaber haben.
Das Wiedersehen mit unserm Tessiner Siebenschläfer etliche Jahre später ist ähnlich überraschend wie die Erstbegegnung. Wir sitzen am Abend auf der Steinbank vor dem Rustico; im Dämmerlicht kurven die Fledermäuse nervös um den Giebel. Plötzlich löst sich ein Schatten von der Dachrinne, schwebt wie Batman einige Sekunden durch den Himmel und landet schliesslich schwungvoll im ausladenden Geäst einer etliche Meter vom Haus entfernten Linde. Der Siebenschläfer! Man hört das Tier noch lange im dunklen Blätterwald rascheln. Am folgenden Abend beobachten wir die Dachkante gegenüber dem Lindenbaum. Fast auf die Minute genau zeigt sich eine Silhouette mit zwei runden Ohren in einer der Lücken zwischen Ziegeldach und Rinne. Der Siebenschläfer nimmt Mass und macht sich einmal mehr auf seine Luftreise.