NZZ Folio 11/96 - Thema: Feuer, bitte!   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Ohne Doktor Bircher kein gesundes Müesli

Von Joni Müller

ES GIBT FRAGEN, auf die nicht einmal die Religion eine Antwort hat, geschweige denn die Wissenschaft. Beispielsweise jene, warum geraffelter Rettich ungeniessbar ist, eine widerlich säuerlich-scharfe Pampe, fein gehobelter Rettich dagegen völlig anders und ganz vorzüglich schmeckt. Keine weltbewegende Frage zwar, aber zumindest eine kulinarisch relevante. Möglicherweise hat dieses Phänomen mit Physik zu tun oder mit Chemie, vielleicht aber auch mit Doktor Bircher-Benner, dem berühmten Erfinder der nach ihm benannten Raffel.

Ob Bircher zuerst das Birchermüesli erfunden hat, dessen Grundidee bekanntlich aus geriebenen Äpfeln besteht, oder die Raffel, ist schwer zu sagen. Für beide Versionen gibt es gute Gründe, gegen beide freilich auch. Wie hätte er ohne das spezielle Reibeisen das Urbirchermüesli schaffen können und wie dessen segensreiche Wirkung vorausahnen? Andererseits: Warum sollte ein seriöser Ernährungswissenschafter ohne zweites Standbein im Haushalt und Eisenwarenhandel ein Gerät erfinden, ohne bereits zu wissen, wofür es zu gebrauchen wäre?

Wahrscheinlich hat Bircher wie Eva beim Apfel als solchem und ganzem begonnen. Verführerisch rot, rund und gesund, wie Gott ihn schuf. Und hat ihn dann je länger, je kleiner und feiner gehackt und dabei festgestellt, dass er mit fortschreitender Häckselung immer gesünder wurde. Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb, musste er schliesslich die Bircherraffel entwickeln, um in bisher ungeahnte Dimensionen der Apfelzerkleinerung vorstossen zu können.

Ob er seiner Freude über die getane Erfindung mit einem intellektuellen «Heureka!» oder mit einem volkstümlichen «Bingo!» Ausdruck verlieh, ist nicht überliefert. Sehr wohl jedoch, dass er die gewonnene Erkenntnis (raffeln ist gesund) epagogisch und induktiv auf alle Früchte und Gemüse mit hinreichendem Härtegrad übertrug. Wobei er es leider versäumte, dem Sonderfall Rettich die gebührende Beachtung zu schenken.


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