DAS ZERRBILD des Magiers ist der Gaukler, der Schatten des Künstlers der Kunsthandwerker, die Parodie des Handwerkers der Blender. Die Satire des Weindegustators ist der Weinpoet. Es gibt Fälle, bei denen beide sich in ein und derselben Person finden, wie ein Schauspieler in den Rollen des Merkur und des Sosias. Denn Weinschmecken ist, Bacchus sei’s gelobt, Dionysos geklagt, ein hoch diffiziles Metier, aber keine Wissenschaft, und wo Begriffe fehlen, da stellt sich zur rechten Zeit ein Wort ein. Wie auch sonst soll der Mensch dem Menschen sensitive Sensationen mitteilen, wenn nicht über Assoziationen?
Jean Solis, 52, hat eine begnadete Weinnase, und die trägt er im Gesicht. 1990 und 1993, als er noch als Bauzeichner arbeitete, gewann er zweimal die von der Zeitschrift «Vinum» veranstaltete Schweizer Meisterschaft im Weindegustieren. Über solche Kompetitionen mögen manche die Nase rümpfen (vor allem jene, die sie und das anschliessende Organ, nämlich das sich erinnernde, vergleichende, ordnende Hirn, nicht haben). Den Concours zweimal als Sieger zu beenden, ist jedenfalls kein Pappenstiel.
1994 wurde Solis professioneller Degustator für DIVO, den Club international du vrai vin zur «Défense et Illustration des Vins d’Origine»: ein Unternehmen, das von seinen philanthropischen Zielsetzungen abgesehen auch ein Geschäft mit Sitz am prosaischen Bahnhof Cossonay ist. Solis, ebenso begeisterungsfähig wie nüchtern (in seinem Beruf gleichermassen unabdingbare Qualitäten), ist das Gegenteil eines blumigen Öno-Schwadroneurs. Er hat seine eigene Relativitätstheorie entwickelt («der Wein ist stets in Bewegung, aber der Degustator auch, und so beurteilt einer, der sich bewegt, eine sich verändernde Materie»). Die Qualifikation «begnadet» würde er sich verbitten.
Sein Vater, ein nach Frankreich gezogener Spanier, war als Monteur von Überlandhochspannungsleitungen oft abwesend und interessierte sich überhaupt nicht für Wein, und auch in seiner burgundischen Mutter vermutet er keine genetische Prädestination. Er sei einfach zur rechten Zeit an den richtigen Ort gekommen. Das kann man wohl sagen: Mit sechzehn zog die Familie zufällig nach Marsannay, den ersten Ort der Côte d’Or südlich von Dijon. Da hat Solis mit seinen Copains, fast ausnahmslos Söhne von Winzern, Sport getrieben, vor allem aber mit der Pipette von Fass zu Fass Weine probiert. Gevrey-Chambertin liegt keine sechs Kilometer von Marsannay.
Seit da – nichts haftet fester als die Leidenschaften der frühen Jahre – liebt er die grossen Pinots. Solis besuchte keine Weinschule und keine technischen Kurse, lernte aber bald viele und kompetente Winzer kennen. Mit ihnen verbrachte er lange Stunden in den Kellern, «und meist sind die, die grosse Weine machen, auch grosse Degustatoren».
In die Schweiz kam der gelernte Bauzeichner ebenfalls eher zufällig. Im leichten Gepäck hatte er seine Leidenschaft für den Wein und eine Neugier für alles. Also auch für den Chasselas, den Wein der Westschweiz, den zu verachten heute schon fast als Zeichen von Weinkennerschaft gilt. Unsinn, sagt der exilierte Burgunder, den Chasselas liebt er gerade deswegen, weil er viel Aufmerksamkeit verlangt, Sinn für Subtilitäten, für mineralische Noten, die einem nicht ins Gesicht beziehungsweise in die Nase springen.
Dass das auch mit seiner Integration in der waadtländischen Wahlheimat zusammenhängen könnte, will er nicht ausschliessen. Indes, zufällig ist seine Vorliebe für diesen «vin de la convivialité» auch nicht. «Terroir» ist überhaupt eines von Solis’ Schlüsselworten. Wie Finesse, Klasse, Ausgeglichenheit. Ein grosser Produzent sei, wer die Hamonie finde zwischen Frucht, Boden, Klima. Seine Bewunderung gilt nicht der Wucht der Schwergewichtsklasse, sondern der Eleganz des Mittelgewichts. Sugar Ray Robinson, nicht George Foreman. So gesehen, sagt Solis, ist ein guter Degustator von Chasselas ein guter Degustator überhaupt. Und nebenbei: Welcher Weisse eignet sich besser als Apéritif?
Wir sitzen in Carlo Criscis «Auberge du Cerf» in Cossonay, in der kleinen Brasserie, wo ein Tagesteller 17 Franken kostet und das Schweinskotelett nur wenig mehr. Das passt zu Solis’ Rioja La Granja de Remelluri 1999 wie die Hand in den Handschuh: nicht unbedingt ein typischer Rioja aus dem Norden der Appellation, nicht zu alkoholisch, «leicht zu trinken, schöne Frucht, ausgeglichen, eine gewisse Finesse, elegant würzig, konzentriert, fruchtig, fein und rassig zugleich». Kurz, nach Ausschaltung einer ersten Flasche, in der der Gaumen des Profis ganz im Gegensatz zu meinem eine vom Zapfen verursachte leichte Bitterkeit im Abgang ausmachte, Solis’ «Vision» von einem Wein – nach all den Bordeaux, durch die er sich soeben zwei Wochen lang degustiert hat.
Eines hat der Remelluri 1999 den Bordeaux von 2002 in jedem Fall voraus: er ist nicht nur leicht zu trinken, sondern, mit weniger als 25 Franken, auch relativ leicht zu zahlen.