ES GESCHAH vier Monate nach Beginn des Experiments. Bis am 6. Juli 1945 war es nie zu Problemen gekommen, wenn Lester Glick Restaurants besuchte, «um den Leuten beim Essen zuzuschauen». Wie es die sogenannte Buddy-Regel vorschrieb, war er auch an diesem Tag nicht allein unterwegs, sondern mit Jim, einem anderen Versuchsteilnehmer. Zusammen mussten sie zusehen, wie eine gutangezogene Dame ein Schweinskotelett bestellte, ein bisschen damit herumspielte und die Hälfte auf dem Teller zurückliess. Als sie dann auch noch den grössten Teil Kokoscrèmetorte zur Seite schob, platzte den Männern der Kragen.
Nachdem die Frau bezahlt hatte, folgten sie ihr, stoppten sie und hielten ihr einen Vortrag über den Welthunger und wie sie dazu beitrug. Die Frau schrie sie an und rannte davon. Sie konnte nicht wissen, dass Lester und Jim seit dem 12. Februar mit zwei mageren Mahlzeiten pro Tag auskommen mussten, die zur Hauptsache aus Brot, Kartoffeln, Rüben und Kohl bestanden.
Die beiden Kriegsdienstverweigerer hatten sich auf einen Aufruf der Zivildienstbehörde gemeldet. «Wollen Sie hungern, damit andere besser ernährt werden können?» stand auf dem Flugblatt, das der Biologe Ancel Keys Zivildienstlern zukommen liess. Keys hatte das Labor für Körperhygiene an der University of Minnesota in St. Paul gegründet und war während des Kriegs für die Armee tätig: Er testete die Esspakete für die Soldaten, untersuchte, welche Diäten müde machten und ob Vitamine mit dem Schwitzen verloren gingen. Gegen Ende des Krieges beschäftigte ihn eine neue Frage: «Zu dieser Zeit wurde mir bewusst, dass es in Europa Millionen halbverhungerter Leute gab. Ich wollte herausfinden, welche Wirkung Hunger hat, wie lange dieser Zustand anhält und was nötig wäre, um die Leute wieder aufzupäppeln.»
Über 100 Kriegsdienstverweigerer meldeten sich, 36 wurden ausgewählt. Am 19. November 1944 bezogen sie Quartier in der Universität. Während der ersten drei Monate prüfte Keys bei normalem Essen ihren Gesundheitszustand, ihre durchschnittliche Nahrungsaufnahme und andere Details ihres Stoffwechsels. Das eigentliche Experiment begann am 12. Februar 1945. Die Versuchspersonen bekamen nur noch zwei Mahlzeiten pro Tag, eine um 8.30 Uhr, die andere um 17 Uhr. Die drei Menus, die während dieses knappen halben Jahres abwechselnd serviert wurden, entsprachen dem Essen in den Hungergebieten Europas. Sie hatten einen Energiewert von 1500 Kalorien – die Hälfte von dem, was die Männer zuvor zu sich genommen hatten. Die genaue Nahrungsmenge errechnete Keys aus dem jeweiligen Körpergewicht eines Versuchsteilnehmers. Ziel war, dass in diesem halben Jahr jeder einen Viertel seines Gewichts verlor. Der Hungerphase folgte dann eine dreimonatige Rehabilitation: Die Versuchspersonen wurden in Gruppen geteilt und nach unterschiedlichen Speiseplänen wieder aufgebaut.
Vier Jahre nach dem Experiment publizierte Keys die Untersuchung mit allen Daten auf den 1400 Seiten seines wegweisenden Buchs «The Biology of Human Starvation». Im Experiment wurden nicht nur körperliche Vorgänge wie Gewichtsverlust, Haarausfall, Empfindlichkeit auf Kälte, Veränderung der Körperchemie und der inneren Organe untersucht, sondern auch die Wirkung der Mangelernährung auf Intelligenz, Auffassungsgabe und Persönlichkeit.
Die Versuchspersonen mussten pro Woche 15 Stunden im Labor, in der Wäscherei oder im Schlafquartier arbeiten, mindestens 30 Kilometer draussen gehen und eine halbe Stunde auf einem Laufband. Sie durften die regulären Kurse der Universität besuchen, am Wochenende hatten sie frei.
Zu den interessantesten Resultaten von Keys Experiment zählen die psychologischen Veränderungen durch den Hunger. Viele Männer wurden apathisch und depressiv. Der Hunger überdeckte alles andere. Sie vernachlässigten Körperpflege und Tischmanieren, zogen sich sozial zurück und interessierten sich nur noch für Dinge, die mit dem Essen zu tun hatten. Auch sexuelle Bedürfnisse hatten sie keine mehr. Liebesfilme langweilten sie – bis auf die Szenen, in denen gegessen wurde.
Am 10. Mai schrieb Lester Glick in sein Tagebuch: «Mein Hunger hat ungeahnte Dimensionen angenommen. Es scheint, als ob sich meine Knochen, meine Muskeln, mein Magen und mein Verstand in ihrer Sehnsucht nach Nahrung vereinigt haben!» Wie viele andere Männer sprach er immer weniger und las am liebsten Kochrezepte. Die zwanghafte Beschäftigung mit dem Essen zeigte sich in merkwürdigem Verhalten: dem Vergleichen von Lebensmittelpreisen in Zeitungsanzeigen, dem Beobachten anderer Leute beim Essen, dem Sammeln von Kochbüchern, dem Kauf von Kochutensilien wie Herdplatten oder Teekrügen. Drei Versuchspersonen wechselten nach dem Experiment den Beruf: Sie wurden Köche.
Gegen Ende der Hungerphase sassen einige der Männer zwei Stunden lang vor ihren armseligen Mahlzeiten. Sie arrangierten die Speisen immer neu im Teller, damit es nach mehr aussah, als es war. Und nachdem sie den Teller ausgeleckt hatten, begannen sie schon mit der Planung, in welcher Reihenfolge sie die Speisen der nächsten Mahlzeit essen würden.
Zuerst war es den Männern noch erlaubt, so viel Kaffee und Kaugummi zu konsumieren, wie sie wollten. Doch einige tranken 15 und mehr Tassen pro Tag und brachten es auf 40 Päckchen Kaugummi. Also beschränkte Keys die tägliche Ration der Probanten auf maximal 9 Tassen Kaffee und 2 Päckchen Kaugummi.
Nicht alle standen das Experiment durch. Einer verlor im Lebensmittelladen die Kontrolle und ass einige Kekse, eine Tüte Popcorn und zwei überreife Bananen, die er kurz danach wieder erbrach. Ein anderer stahl Kohlrüben und Süssigkeiten. Lester Glick entfernte einmal die Mine aus einem Bleistift und kaute das Holz. «Es schmeckte nicht schlecht», schrieb er in sein Tagebuch und dann: «Ich versuche den Gedanken an Kannibalismus aus meinem Kopf zu verbannen, aber es gelingt mir einfach nicht.»
Die Versuchung, im Geheimen zu essen, wurde so gross, dass Keys nach zwei Monaten das «Buddy System» einführte: Keine Versuchsperson durfte das Labor verlassen, wenn sie nicht mindestens von einer zweiten begleitet wurde.
Während der ganzen 24 Wochen wünschten sich die Männer den letzten Teil des Experiments herbei. Doch die Rehabilitationsphase verlief für sie enttäuschend. Die Portionengrösse wurde nur langsam gesteigert, und das Hungergefühl nahm kaum ab. Am 20. September 1945 schrieb Glick in sein Tagebuch: «Wir sind sieben Wochen in der Rehabilitation, und die Symptome unserer Mangelernährung sind nicht merklich verschwunden. Unser Aussehen, unser Hunger, unsere geringe Gewichtszunahme zeigen, wie klein die Fortschritte sind.»
Am 20. Oktober 1945 um 17 Uhr fand schliesslich das Abschiedsessen der Gruppe statt. Es war die erste Mahlzeit seit 48 Wochen ohne irgendwelche Einschränkungen. «Der dringende Wunsch der Männer nach der Freiheit beim Essen war extrem; ein Aufschub um eine weitere Woche hätte zu emotionalen Krisen und vielleicht sogar zu einem offenen Aufstand geführt», schrieb Keys. Doch das üppige Bankett machte einige der Versuchspersonen schneller satt, als sie es erwartet hatten. «Am Ende der Mahlzeit starrten die Männer ungläubig Speisen an, die sie nicht mehr essen konnten.»
Das Experiment führte zu keinen bleibenden Schäden, doch es dauerte Monate, bis sich die Körperfunktionen wieder normalisiert hatten. Viele Männer gaben nach dem Experiment an, dass sie oft hungrig seien, obwohl sie nicht imstande wären, noch mehr zu essen. Viele assen auch bis zum Erbrechen, um danach gleich wieder zu essen.
Wegen der Ähnlichkeit dieses Verhaltens mit den Symptomen von Ess- und Brechsucht spielt Ancel Keys Arbeit heute bei der Erforschung von Essstörungen eine grosse Rolle. Die zwanghafte Beschäftigung der hungrigen Versuchspersonen mit Nahrung, die Apathie, der soziale Rückzug gleicht dem Benehmen Magersüchtiger. Diese Verhaltensweisen werden heute oft als Ursachen der Essstörung gesehen, doch sie könnten – wie bei den hungrigen Kriegsdienstverweigerern – auch nur die Folgen des Hungers sein.
Für die Männer blieb das Experiment «das bedeutendste Ereignis in ihrem Leben». Sie veranstalteten bis in die neunziger Jahre regelmässig Treffen.