NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Marilyn Monroe, die laszive Naive

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
Einerseits war sie ja nur ein nettes Mädchen mit stattlichem Busen und eher kurzen Beinen. Sie half ein bisschen nach: Das rötlich braune Haar färbte sie blond, die Zähne und die Nase liess sie begradigen. Nun konnte sie als hübsche Frau passieren, und da sie den Busen wie ein Schlachtschiff einsetzte, hatte sie sich bald das Gütesiegel «Sexbombe» verdient. Doch davon gab es ja etliche – warum wurde gerade Marilyn Monroe zum Jahrhundertstar? Weil sie eine naive, eine hilflos wirkende Sexbombe war und so zusammen mit dem Begehren der Männer deren Beschützerinstinkte auf sich zog – eine nie zuvor erlebte Mischung.

Die Erbmasse labil: Ihre Grossmutter wie ihre Mutter endeten in der Nervenheilanstalt. Die Kindheit unglücklich: den Vater nie gesehen, aufgewachsen bei wechselnden Pflegeeltern und im Waisenhaus; mit 16 ein Selbstmordversuch und Flucht in die erste Ehe.

Berühmt wollte sie werden, berühmt um jeden Preis. Bis zu sechs Stunden investierte sie in ihr Make-up; in manches Kleid liess sie sich einnähen, damit Busen und Gesäss zur Geltung kamen. Bei der Truppenbetreuung in Korea hängte sie sich im Tiefflug aus dem Hubschrauber, indem sie sich von zwei Soldaten an den Füssen halten liess.

Ihre zweite wie ihre dritte Ehe waren perfekte PR-Aktionen – gewiss von der Wirkung, wahrscheinlich auch von der Absicht her: Erst heiratete sie Amerikas populärsten Sportler, den Baseballstar Joe DiMaggio, dann den Dramatiker Arthur Miller; wozu die Presse jubelte: «Das grosse amerikanische Hirn heiratet den grossen amerikanischen Körper!» Kurz: Sie war, mit Norman Mailer, «das mörderischste Publicity-Ungeheuer der Welt».

Gleichzeitig sprach sich herum, dass sie Schlaf- und Aufputschmittel nahm, dass sie in ihren Wohnungen eine schlimme Schlampe war, dass sie notorisch zu spät kam zu den Dreharbeiten und dann oft dem Text nicht gewachsen, weil sie noch unter der Wirkung ihrer Pillen stand. Mitleid also zog sie auf sich, die Königin; die Leute spürten, dass sie, wie Norman Mailer schrieb, «ein scheues, heimatloses Wesen» war, ein bestürztes, beschwipstes Engelein. Arthur Miller beschützte seine Frau, bediente sie, ertrug und verteidigte ihre Marotten – und schrieb nicht mehr.

Sie hatte mehrere Fehlgeburten, die vielleicht auch Scheinschwangerschaften waren; das verstärkte ihre Depressionen und ihren Tablettenkonsum. 1960 wurde sie von Miller geschieden. 1961 drehte sie noch den Film «The Misfits» («Nicht gesellschaftsfähig») mit Clark Gable, ihrem Schwarm. Anfang Juni 1962, zwei Monate vor ihrem Tod, erschien sie drei Tage lang nicht zu den Dreharbeiten für «Something’s Got to Give» und wurde von der 20th Century Fox hinausgeworfen.

Da flog sie nach New York und betrat, mit der üblichen Verspätung, den Madison Square Garden zu einer nachträglichen Geburtstagsparty für John F. Kennedy, und die schlichten Worte «Happy Birthday, Mr. President» sang sie mit einer obszönen Inbrunst, die den zwanzigtausend den Atem verschlug und aus dem Augenzwinkern der Eingeweihten ein Gerücht für Millionen machte.

Nun konnte nur noch eines ihren Ruhm bedrohen: das Verwelken, «der furchtbare dritte Akt», wie Billy Wilder sagte, einer ihrer Regisseure – der zähe Niedergang, vor dem Greta Garbo frühzeitig in die Unsichtbarkeit geflüchtet war. Aber sich und uns hat die Monroe den dritten Akt erspart.

Am 5. August 1962 wurde sie tot aufgefunden, 36 Jahre alt, nackt auf dem Bauch quer über ihrem Bett. Nach dem Barbituratgehalt des Blutes zu schliessen, musste sie 40 Kapseln ihres Schlafmittels eingenommen haben – aber im Magen fanden sich keine Rückstände und in ihrem Körper kein Einstich. Das Gerücht, sie habe am Abend zuvor mit Robert Kennedy gespeist, blieb unwiderlegt, und verschwunden blieben die Lochstreifen der Telefongesellschaft, aus der sich die Partner ihrer letzten Gespräche hätten rekonstruieren lassen. Bis heute fehlt die Antwort auf die Frage, ob Marilyn Monroe sich mit klarem Willen tötete, ob sie in einen tödlichen Schlafmittelmissbrauch taumelte oder ob sie ermordet wurde.

Wenn es Selbstmord war oder eine Tat irgendwo zwischen Verzweiflung und Schusseligkeit, so war sie zum Gegenstand überwältigenden Mitgefühls geworden: das ungeliebte Kind, das an der Grausamkeit der Glitzerwelt zerbrach. «Eine Karriere ist wunderbar», hatte sie gesagt, «aber nichts, woran man sich wärmen kann in einer kalten Nacht.» Wäre sie einem Mordkomplott zum Opfer gefallen, so stiege noch das Mitgefühl, und die ungeklärte Rolle der Kennedy-Brüder trüge bei zum schauerlichen Reiz des Mysteriums. Von keinem Menschen auf Erden gibt es mehr Fotografien und nur über den Tod John F. Kennedys noch mehr Theorien. Jetzt wäre sie 80, und aus dem Rauschgoldengel mit dem männermordenden Knubbelgesicht wäre vielleicht eine niedliche Greisin mit lila getöntem Silberhaar geworden oder ein grell überschminktes Wrack in einem Pflegeheim.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).




Leserbriefe:

Zu Schlagschatten -- Marilyn Monroe, die laszive Naive - NZZ-Folio Radio (03/07)

Er ist ein älterer Herr mit einer beachtlichen Denkerstirn und einer Kolumne bei NZZ Folio. Wohl schwierig, gegen so einen anzuschreiben, der mit dem Rotstift so geübt zu sein scheint. So anzuschreiben, meine ich, wie Wolf Schneider es mit seiner Kolumne gegen Marilyn Monroe getan hat. Nicht ganz so schwierig, wenn man dabei nichts anderes im Sinn hat, als einmal fröhlich an ein Denkmal zu pissen. Das ist allerdings nicht meine Absicht. Ich will auch dem Herrn Schneider dies nicht unterstellen. Was dann? – Dass sich seine Kolumne über Marilyn Monroe genauso liest, als ob er nichts anderes im Sinn gehabt hätte. Dass ich ihm herzlich empfehle, Truman Capotes Hommage an M.M., „A Beautiful Child“, zu lesen. Der ansonsten gnadenlos zynische Kritiker der New Yorker Gesellschaft hat dieser Frau ein Denkmal gesetzt, an das wohl nur sehr boshafte ältere Buben pissen möchten. Was wundern wir uns da über die jungen Vandalen? Wenn die älteren Herren es ihnen so schamlos vormachen.
Markus Seger, Bern



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