NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Klein, schwarz, perfekt

© Patrick Rohner, Zürich
Kleines Schwarzes, reine Schurwolle, Heinrich Brambilla, 1690 Franken (Halbmass). Linktext
Nur gerade sechs Stück von seinem «kleinen Schwarzen» hat der Zürcher Couturier Heiner Wiedemann gefertigt: massgeschneidert aus dem besten Material.

Von Jeroen van Rooijen

«Dieses Kleid ist eher für den späteren Nachmittag oder den Abend gedacht», sagt der in Zürich lebende Modeschöpfer Heiner Wiedemann, der unter dem Label Heinrich Brambilla sogenannte Demi-Couture entwirft, also exklusive Mode auf Halbmass. «Es gibt nicht mehr viele ­Frauen, die sich nach Tageszeit anziehen, aber es gibt sie noch.» Wiedemann gehört zu den Besten einer jungen Garde von Schweizer Couturiers – trotz seinen inzwischen 46 Lebensjahren. Seine Kreationen haben eine für hiesige Verhältnisse untypische Eleganz, um nicht zu sagen französische «Grandeur». Zu seinen Vorbildern zählt er Charles James oder Cris­tóbal Balenciaga.

Doch im Gegensatz zu den französischen Meistern, die in opulenten Stadtpalästen ihrem Handwerk nachgehen, arbeitet Heiner Wiedemann im Souterrain eines schmucklosen Büro- und Ate­lierhauses unweit des Zürcher Kreuzplatzes. Hier drapiert er seine Stoffe direkt auf die Büste oder den Körper eines Modells: «Ich habe ein gutes Gefühl für Stoffe und merke schnell, was mit einem bestimmten Material möglich ist.»

An einem neuen Entwurf arbeitet er oft wochenlang. Die ­Arbeit beginnt mit einem Probestoff und führt über vier bis zwölf Prototypen zum fertigen Schnittmuster, das Wiedemann selber zeichnet. Erst dann gibt er die Idee aus den Händen: an Näherinnen und Schneiderinnen im Raum Zürich oder an Praktikantinnen, die in seinem Atelier arbeiten. Manchmal sitzt der Meister auch selbst an der Maschine.

Das auf dieser Seite zerlegte, etwa knielange «kleine Schwarze» – der Entwurf stammt aus dem Jahr 2008 – ist aus Grain de poudre zugeschnitten, einem reinen Wollstoff, der eine körnige Optik hat und in England gewoben wird.

Für den Zuschnitt des Kleides, das komplett im schrägen Fadenlauf verarbeitet ist, braucht Heiner Wiedemann knapp drei Meter des Stoffes. Der schräge Fadenlauf ist eine klassische Couture-Technik, um auch festeren Stoffen ein gutes Mass an Elastizität zu geben. Ein Stoff, der «schräg» verarbeitet ist, umspielt den Körper geschmeidiger und fällt weich.

Die Schultern des Kleides – sie sind das einzige symmetrische Element an dem Entwurf – sind etwas überzeichnet und zeigen sanft nach oben. Von der Taille an abwärts fällt das Kleid freier und verspielter, der Stoff löst sich zum Saum hin in lose Volumen auf. Am Oberschenkel zeigt ein Teil des Stoffes seine Abseite, der Saum ist hierfür mit einem feinen Satinband verstürzt. Heikelster Punkt während der Verarbeitung: Der Futterstoff muss im Bereich des Oberkörpers die Brustabnäherweite des Oberstoffs in einer nicht sichtbaren Falte im Armloch zurückhalten – und zwar so, dass es nicht zieht und spannt.

Von dem Kleid hat Heiner Wiedemann in den letzten Jahren ein halbes Dutzend Stück gefertigt – alle auf Mass. «Ich produziere nur noch Prototypen, die meine Kundinnen anschauen und bestellen können. So habe ich ein wertvolles, direktes Feedback.»

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.



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