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Gott in Weiss ist tot
© Suzanne Schwiertz, Zürich
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| Brida von Castelberg, 58, ist Fachärztin für allgemeine Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe. 1993 übernahm sie die Leitung der Frauenklinik des Zürcher Triemlispitals. |
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Die Chefärztin der Frauenklinik Triemli in Zürich, Brida von Castelberg, über Frauen in der Medizin, schöne Därme und prozessierende Patienten.
Von Andreas Heller und Gudrun Sachse
Frau Doktor von Castelberg, was ist ein guter Arzt?
Einer, der Freude an der Medizin und am Menschen hat. Er muss spüren, was der andere braucht. Ein guter Arzt fühlt mit.
Spüren, fühlen. Sind Frauen die besseren Ärzte?
Nein, aber ich glaube, dass Frauen eher begriffen haben, wie wichtig dies ist.
Liefen Sie als Patientin schon mal bei einem Kollegen hinaus?
Ich muss gestehen, ich gehe nicht so oft zum Arzt.
Sie sagten in einem Gespräch, dass der Gott in Weiss – der Mann – glücklicherweise aussterbe. Was freut Sie daran?
Es gibt ganz wenige Patientinnen, denen Ärzte guttun, die apodiktisch sagen: So ist es, so machen wir es. In manchen Fällen sicher, da brauchte es ihn. Ich aber will der Patientin nicht meinen Willen aufdrängen.
Wann starb dieser Gott in Weiss?
Mit dem Einzug der Frauen in die Medizin. Sie haben das Berufsbild total verändert. Als in Amerika Frauen und Schwarze in die Medizin kamen, sank das Prestige des Berufs so sehr, dass kaum noch weisse Männer Arzt werden wollten. Dasselbe spielt sich derzeit in der Schweiz ab. Die Mehrheit der Studenten und der Assistenzärzte sind heute Frauen. Früher war ein Arzt noch jemand. Heute heisst es: Dem seine Frau ist, glaub’ ich, Ärztin.
Ändert sich deshalb auch die Medizin? Tritt an die Stelle der eher männlichen, rationalen, spezialisierten Schulmedizin eine ganzheitlichere, weibliche Medizin?
Wir unterscheiden immer zwischen «curing» und «caring», heilen und pflegen. Männer haben die Tendenz, eine Diagnose zu stellen, eine Therapie anzuordnen und dann auf den Erfolg zu vertrauen. Frauen sind fürsorglicher, betrachten zusätzlich das Umfeld der Patienten. Ich denke, dass nicht nur das Körperliche, sondern auch das Psychologische und Soziale sehr wichtig ist. Bei uns in der Frauenklinik kommt immer eine Psychologin mit auf die Visite. Wir mischen uns ein, damit die Frauen nicht drei Tage nach der Entlassung wieder bei uns sind. Unser Auftrag ist es, die Gesundheit in all ihren Aspekten zu fördern, und dazu gehört nicht nur das Körperlich-Medizinische. Als ich unser Projekt im Ethikforum vorstellte, schüttelten alle die Köpfe und sagten: Das geht doch nicht. Aber es geht.
Sie stellen aber noch immer Männer ein?
Ich suche aktiv nach Männern, im Moment haben wir 4 männliche Oberärzte und Assistenzärzte und 24 weibliche, viele in Teilzeit. Aber ein Machoarzt hätte bei uns sicher keine Chance, obwohl der Arbeitsmarkt ziemlich ausgetrocknet ist.
Der Ärztemangel ist ein ernsthaftes Problem.
Seit Jahren werden an unseren Universitäten zu wenig Ärzte ausgebildet. Eine Zeitlang konnten die Spitäler die Lücke mit Deutschen schliessen, doch das funktioniert immer weniger. Heute kommen bereits Ärzte aus Polen und Rumänien. In der Psychiatrie, wo die Kommunikation so wichtig ist, kann sich dies katastrophal auswirken.
Wie liesse sich dem Ärztemangel begegnen?
Zum einen gehen die Leute zu häufig zum Arzt. Dabei leiden sie nicht unter einer speziellen Krankheit, sondern es geht ihnen generell nicht gut. Häufig suchen sie den Arzt auch mit kleinen Beschwerden auf, weil sie für ihre Prämien etwas erhalten möchten – also Konsumverhalten. Patienten kommen auch mit banalen Beschwerden oft direkt in die Notaufnahme. Im Spital müssen wir einen Patienten mit Kopfschmerzen ganz anders abklären, als dies ein Hausarzt tun muss, der den Patienten kennt. Hier muss man eine Computertomographie durchführen, um etwas Ernsthaftes auszuschliessen und auch um sich juristisch abzusichern. Eine CT kostet 700 Franken, dazu kommen Laborkosten und Überwachung. Bei weiterem Ärztemangel können auch Krankenschwestern in eigenen Praxen sogenannt banale Krankheiten wie Erkältungen behandeln oder Blutzucker kontrollieren.
Die Kritik am Numerus clausus wächst. Ist es nicht widersinnig, die Zahl der Studienplätze zu beschränken, wenn offensichtlich ein Mangel an Ärzten herrscht?
Die Aufhebung des Numerus clausus ist längst fällig. Aber bis das greift, vergehen zwanzig Jahre, da die Ausbildung sehr lange dauert. Es braucht auch andere Massnahmen: Ärzte machen viel zu viel Sekretariatsarbeit und administrative Arbeit – Zeit, die ihnen bei den Patienten abgeht.
Viele Ärzte klagen über die überbordende Administration. Wie zeigt sich das in Ihrem Alltag?
Ich bin in der Spitalleitung, daher vielleicht nicht repräsentativ: Ich habe einen Drittel Patientenkontakte, zwei Drittel administrative Tätigkeiten. Die ganze Administration, die absolut in einem Missverhältnis steht zur eigentlichen ärztlichen Tätigkeit, war sicher nie mein Berufsziel. Hätte ich davon gewusst, hätte ich mich in zweiter Position gehalten und wäre nicht Chefärztin geworden.
Ist Ihr Frauenarzt eigentlich eine Frau?
Ich war bei einem Mann. Jetzt habe ich keinen Gynäkologen mehr. Ich habe in meinem Sprechzimmer einen eigenen Ultraschall. Ich kann zu einer Kollegin sagen, schau doch mal nach.
Gehen Frauen lieber zu Frauen?
Es gibt sehr viele Frauen, die gerne zu Gynäkologen gehen. Es gibt aber immer noch alte Machos, die während der Untersuchung fragen: Wie ist das Liebesleben? Das ist einer Freundin von mir passiert. Da sollte man vom Stuhl hinuntersteigen und die Praxis verlassen.
Was halten Sie von Selbstdiagnosen aus dem Internet?
Für mich waren vorinformierte Patientinnen nie ein Problem. Am schlimmsten sind die medizinisch nicht gebildeten Freundinnen der Patientinnen mit ihren Ratschlägen – das ist ganz übel und verunsichert die Frauen.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf? Das Operieren?
Ja, auch das Operieren.
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schnitt?
Als ich im Studium im Fernsehen eine Lungenoperation sah, dachte ich: Wie schrecklich, so etwas kann ich niemals. Der erste Hautschnitt war fürchterlich, beim zweiten hat man sich schon gewöhnt, und es überwiegt die Faszination. Der Darm zum Beispiel ist irrsinnig schön, glänzend und lebendig, und mit Freude macht man zum Schluss noch eine schöne Narbe.
Gibt es die perfekten Chirurgenhände?
Ja, sie sehen nicht anders aus als andere Hände, aber bei Assistenzärzten merke ich sofort, ob sie das Gefühl für das menschliche Gewebe haben. Das einfache Entfernen eines Knotens aus der Brust kann sehr schwierig sein. Da muss man sich einen dreidimensionalen Raum gut vorstellen können. Es gibt Ärzte, die begreifen das nie, andere sofort, wenn man ihnen sagt: Jetzt nimmst du eine Kirsche aus einem Kuchen, ohne dass der Kuchen kaputtgeht. Bei der Knochenchirurgie ist das noch extremer.
Braucht es dazu nicht vor allem Kraft?
Als ich den Facharzt in Chirurgie machte, schob man mir anfänglich die ganz strengen Sachen zu. Etwa das Hinaushauen eines Nagels aus dem Oberschenkel. Dann haben sie mir noch eine Assistentin geschickt, die auch keine Kraft hatte, versteckten sich hinter der Tür und lachten. Aber es gibt wenige Eingriffe, die so viel Kraft erfordern.
Steht man bei einer Operation unter Adrenalin?
Ja, bei schweren Blutungen oder bei einem Kaiserschnitt, wenn man das Kind nicht herausbringt.
Wie lange kann man am Stück operieren?
Kollegen, die 24 Stunden operieren – zwischendurch nur einen Kaffee trinken, und weiter geht’s –, sind selten.
Kaffee trinken und rauchen. Leben Ärzte ungesund?
Früher haben fast alle geraucht. Heute haben wir hier in der Frauenklinik noch zwei rauchende Ärzte. Stattdessen gehen sie Velofahren oder joggen.
Welche Musik hören Sie beim Operieren?
Keine, weil wir im Operationssaal keine Anlage haben. Früher aber, auf der Chirurgie, gab es nachts Musik zum Träumen. Überhaupt herrscht bei Nachtoperationen eine ganz besondere Atmosphäre. Nachts ist man ungestört. Da lernt man das Team näher kennen.
Sie sind die erste Chefärztin, die Jobsharing macht. Ist das die Zukunft?
Wenn man möchte, dass auch Frauen in leitenden Positionen sind, dann ja. Meine Kollegin und ich arbeiten 70 und 80 Prozent. Wir müssen gemeinsame Tage haben. Sie ist 15 Jahre jünger. Ich gebe gerne Sachen ab. Ohne Konkurrenzangst.
Würden Sie sich heute noch für Frauenheilkunde entscheiden?
Nein. Es ist zu streng, mit den Nächten, dem hohen Risiko bei Geburten, den drohenden Prozessen. Ich würde wieder Kinderchirurgie oder Allgemeinmedizin wählen.
Drohende Prozesse?
Ja, gerade wir haben damit oft zu tun, und das ist unangenehm. In der Geburtshilfe ist es bedrückend, weil man keiner Frau die Garantie für ein gesundes Kind geben kann. Dass während einer Geburt etwas geschehen kann, wird nicht mehr akzeptiert, es wird immer ein Schuldiger gesucht. Dieses Hochsicherheitsdenken macht den Beruf belastend.
Wie gehen Sie damit um, nicht unfehlbar zu sein?
Niemand ist unfehlbar. Man kann aber gewisse Risiken ausschliessen, indem man nur das macht, was man kann. Wenn etwas nicht gut verläuft, kommunizieren wir das. Ich teile Fehler auch mit, wenn sie keine medizinischen Folgen hatten.
Hat Ihnen der Beruf mehr gegeben oder genommen?
Ich habe auf Familie verzichtet. Zu meiner Zeit war das zwingend. Und sobald man weniger arbeitet, merkt man auch, wie viel Lebensqualität es gibt: Ich kann verreisen, wann ich möchte, muss niemanden wegen eines Piketteinsatzes im Restaurant sitzen lassen. Ich glaube aber nicht, wahnsinnig gelitten zu haben. Ich war sicher mehr im Ausgang als andere, und Sport, der mich weit von der Klinik entfernt hätte, habe ich nie betrieben. Ich bereue nichts, es ist ein sehr befriedigender Beruf.
Ihr Sportgerät, ein Laufband, steht hier bei Ihnen im Büro.
Eher zur Dekoration. Immer auf dem Heimweg fällt mir ein, dass ich es schon wieder nicht benutzt habe.
Andreas Heller und Gudrun Sachse sind NZZ-Folio-Redaktoren.
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