Fast gleichzeitig entstanden Mitte der achtziger Jahre im Bordelais, in Katalonien und in Kalifornien die ersten modernen Weingüter mit architektonischer «Appellation». 1986 gab Eric de Rothschild den neuen Fasskeller von Château Lafite Rothschild dem Katalanen Ricardo Bofill in Auftrag. Wenig später wurden die Bodegas, die Jaume Bach und Gabriel Mora für Raventós i Blanc und Oscar Tusquets für Chandon im Penedés entworfen hatten, mit katalanischen Architekturpreisen ausgezeichnet. Und ein weiterer Maestro der Postmoderne, Michael Graves, läutete mit seiner Winery für Clos Pegase das neue, baukünstlerisch ambitionierte Zeitalter des Weinbaus im Napa Valley ein.
Inzwischen ist das stilistische Spektrum nicht mehr auf die Postmoderne beschränkt. Die ironische Eleganz von Bach und Mora - direkt gegenüber der modernistischen, 1901 von Puig i Cadafalch gebauten Kellerei des Schaumweinherstellers Codorniu - war in dieser Hinsicht wegweisend. Es ist aber vermutlich kein Zufall, dass neue Generationen von Weinmachern, hinter denen öfter das frei flottierende Kapital als eine feudale oder familiäre Tradition steckt, das Prestige ihrer Marken architektonisch zunächst mit Namen wie Bofill, Tusquets und Graves zu untermauern versuchten. Mehr noch als für sachkundigen Umgang mit der hochentwickelten Produktionstechnologie bürgten diese für die Nähe zu jenem palladianischen Ideal, das der Herstellung eines edlen Guts wie Wein und dem Besitz entsprechender Lagen wohl ansteht.
Denn Weingüter sind mit ihrer Geometrie der Rebstöcke, mit Château und Wirtschaftsgebäuden Ideallandschaften. Wohl keine andere neue Kellerei repräsentiert diese Welt der reinen Harmonien auf unaufdringlichere Weise als der Señorío de Otazu in Echauri (Navarra), unweit von Pamplona. Und weil hier erst seit 1992 wieder Wein angebaut wird, nachdem der Boden jahrzehntelang anders bewirtschaft wurde, lässt sich auf diesem Gut auch die Gründung einer neuen Tradition, die alte Bauteile einbezieht, vorzüglich beobachten.
Man nähert sich dem Señorío de Otazu vor einer imposanten Bergflanke, die es gegen die rauen Nordwinde abschirmt, von einer Terrasse über dem Río Arga her. Inmitten der Flussbiegung, umgeben von Weingärten, steht die 1860 erbaute Bodega, flankiert von den beiden neuen, 1998 in Betrieb genommenen Wirtschaftsgebäuden. Aus dem Obergeschoss des nunmehr für Empfang und Verwaltung dienenden Altbaus schweift der Blick in alle Richtungen über ein fabelhaftes Besitztum. In fast symmetrischer Beziehung zu diesem Zentrum liegen in einiger Entfernung teilweise mittelalterliche Ensembles, eine Kirche, Herren- und Gesindehäuser sowie Lagertürme. Die anonymen Financiers, die hinter dem Neuaufbau des Señorío de Otazu stehen, haben sich da offensichtlich einen Traum erfüllt.
Sie liessen nicht nur die Altbauten akkurat renovieren, sondern hatten eine glückliche Hand auch bei der Projektierung der neuen Fabrikationsanlage, mit der sie die bisher kaum bekannten Architekten Sota, Gaztelu und Fernández beauftragten. Oberirdisch treten lediglich zwei einfache Langhäuser in Erscheinung, die an landesübliche Agrarbauten erinnern, wie sie die Neuzeit aus Mühlen und Scheunen entwickelt hat. Architektonisches Prunkstück ist der Keller für die Barrique-Lagerung mit seinen Sichtbetongewölben, die die Maserung der Pinienschalung tragen: Das Anspruchsniveau der Weinarchitektur wird hier unterirdisch und in Beton demonstriert.
Gibt es so etwas wie eine Architektur des Weins? Eigenheiten, die allen neuen Kellereien gemein sind? Nein. Es wäre denn - und darauf ist der Laie nicht gefasst - die Zelebration des Chromstahls. Gärbottiche haben heute die Gestalt computergesteuerter Stahltanks. Einblick in die Kelterung und die weitere Behandlung des Weins ermöglichen in modernen Bodegas eigens dafür geschaffene, oft als Passerellen über den Arbeitsbereichen angelegte Besucher-Circuits, auf denen man sich streckenweise auf den Planeten Inox versetzt fühlt. Das einzige Beispiel eines Wirtschaftsgebäudes, das sein Hightech-Innenleben auch äusserlich nicht verhehlt, ist die Wäge- und Erntekontrollstation der Bodegas Torres in Pacs del Penedés (Architektur: Espinet & Ubach, 1993). Als gebautes Zeichen in der oszillierenden Geometrie der Weingärten ist das eine valable Alternative zur üblichen steinernen Schwere.
Der lineare Arbeitsprozess, vom Einfahren der Ernte über die Kelterung, die Barrique- und die Flaschenlagerung, die Etikettierung bis zur Auslieferung des fertigen Produkts, findet seinen Niederschlag gewöhnlich auch in einer linearen Architektur. Es scheint naheliegend, sämtliche Arbeitsabläufe auf einem Geschoss zu organisieren, was je nach Topographie zu verblüffenden Lösungen geführt hat: Oscar Tusquets kühlt das in den Hang gegrabene Lager von Chandon mittels eines darüber liegenden künstlichen Sees.
Gerade weil jede Kellerei in der architektonischen Anlage im Grunde «primitiv» ist - so Jacques Herzog -, ist die Versuchung gross, repräsentative Funktionen nach aussen zu verlegen. Mit den mit lockerem Basalt gefüllten Maschendrahtwänden, die in der Dominus Winery von Herzog & de Meuron im Napa Valley Kühlung und Lichteinfall regulieren, wird zugleich das Image der auftraggebenden Firma festgelegt. Diese Wände sind inzwischen sowohl in die Köpfe eines auf ästhetisches Raffinement erpichten Publikums als auch Zehntausender von Architekturstudenten gedrungen, die daran ihre mimetischen Fähigkeiten üben. Herzog & de Meuron bauen denn auch nun «mit dem gleichen Kleid» und für denselben Propriétaire, Christian Moueix, im Bordelais auf einem der berühmtesten, fast mythischen Weingüter - Château Pétrus - ein Pendant zu Dominus.
Dass die Bauaufgabe «Weingut» aber nicht zwangsläufig eine einfache lineare Anlage hervorbringt, demonstriert der spanische Pritzker-Preisträger Rafael Moneo mit seinem Projekt für die Bodegas Chivite in der Nähe von Estella. Im Unterschied zum lediglich 30 Kilometer entfernten Señorío de Otazu hat Chivite eine Tradition nicht erst zu gründen: Die Familie baut seit 1647 Wein an. 1988 kaufte sie zu ihren Besitzungen bei Tudela im südlichen Navarra die 170 Hektar Weinberge des Señorío de Arínzano im Norden der Provinz hinzu (und seither noch 300 Hektar angrenzende Weinberge). Für den Bau der neuen Bodega wurde der gleichfalls aus Tudela stammende Rafael Moneo engagiert.
Moneo ordnete seine Anlage um ein am Río Ega liegendes Gehöft, bestehend auch hier aus Herrenhaus, turmförmigem Speicher und Kirche. Trotz der unterschiedlichen Massstäblichkeit werden sie von den wuchtigen Mauern aus ocker eingefärbtem und aufgerauhtem Beton zu einem stimmigen Bild umschlossen. Unscheinbarkeit wahrer Meisterarchitektur: die Pflästerung aus dem weiss geäderten, scharf geschnittenen Stein und die Kupferdächer, deren Patina sich mit der Zeit den Pappeln, Eschen und Weiden in den Auen angleichen wird.
Moneo bringt, anders als andere, nicht alles unter ein Dach. Er braucht sogar vier verschiedene Dachformen. Kelterung in einer fünfschiffigen Halle unter fünf vorkragenden Dachsätteln; im Untergeschoss die fahrbare Presse, mit der jeder Tank - selbstverständlich computergesteuert - angefahren werden kann. Daran anstossend ein Walmdach mit grosser Dachgaupe: ein fünfgeschossiges Lager für die Barrique-Reifung der Reservas und Gran Reservas. Rechtwinklig dazu das zweigeschossige Langhaus mit Mittelstütze (durch dessen Gebälk die Besucher auf einer Passerelle geleitet werden) für die Reifung des Crianza. Einen Stock tiefer das Flaschenlager und in einem Anbau schliesslich Verwaltung und Degustationsräume. Die Verschränkung dieser geometrisch uneinheitlichen Bauteile ergibt stets von neuem Durchblicke und Erschliessungszonen der exquisitesten Art. Mehr noch denn als architektonisch durchgebildetes Ensemble beeindruckt der Señorío de Arínzano jedoch als Weinfabrik, die der Behandlung des kostbaren Gutes womöglich noch besser dient als «primitive», rationalistisch-industrielle Anlagen.
Moderne Weingüter, die als gepflegte Industriearchitektur gelten können, gibt es im nördlichen und nordöstlichen Spanien inzwischen etliche. Zu erwähnen sind die schon vor 1990 entstandenen Bodegas des Architekten Francisco Mangado - Irache in Ayegui und Marco Real in Olite, letztere leider bereits wieder verunstaltet - und die Grosskellerei, die Jesús Manzanares für Enate im aufstrebenden Weingebiet Somontana (Huesca) gebaut hat. Enate versucht sich nicht nur architektonisch, sondern auch mit seinen von renommierten Künstlern gestalteten Etiketten zu profilieren.
Anders der Fall Ysios: Da verpasst zurzeit Santiago Calatrava einer Marke des spanischen Getränkekonzerns ByB im baskischen Laguardia (Provinz Álava, aber doch innerhalb der «denominación de origen La Rioja») ein passendes Gehäuse. Dessen Gestalt - in der Art eines «decorated shed», in der Form eines in hyperbolischen Paraboloiden ondulierenden Dachs - steht für einmal in der Tradition eines Gaudí oder eines Eladio Dieste. Den Computersimulationen nach zu schliessen - der Architekt gestattete leider keinen Besuch der Baustelle -, wird in Laguardia ein Besucherzentrum den Mittelpunkt der Anlage bilden.
Bei Marqués de Riscal in derselben Provinz geht es überhaupt nur noch um das Empfangsgebäude. Es ist auch geistig dieselbe Provinz. Frank O. Gehry als der bewährte «global imageneer» wird sicher die Imageprobleme des Traditionshauses lösen, allein schon weil der geplante Bau auf groteske Weise seinem grossen New Yorker Projekt gleicht. Ist Marqués de Riscal nun eine verkleinerte Ausgabe des dort geplanten neuesten Guggenheim-Museums, oder ist dieses eine gigantische Variante des Empfangshauses in Elciego? Beide übertreffen mit ihrer vielfach gekrümmten und nach allen Seiten ausschweifenden Metallhaut bei weitem die Abgeschmacktheiten, an die sich zu gewöhnen man schon beim Guggenheim-Museum Bilbao reichlich Gelegenheit hat.
Man ist bei Gehry versucht, Goethe zu zitieren, der am 9. April 1787 über die «Pallagonische Raserei» - das Lustschloss des Prinzen Pallagonia südöstlich von Palermo - schrieb: «Bei der grössten Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben soll, immer ins Gedränge: er will einen Begriff davon überliefern, und so macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein Nichts ist, welches für etwas gehalten sein will.»
Markus Jakob, Journalist, lebt in Barcelona.