GAUTHAMAN THAMBIAIAH, SCHÜLER
«Ein Piccolo-Los kostet einen Franken. Bevor ich es aufmache, küsse ich es. Dann schaue ich, ob es eine Zahl drin hat. Heute ist keine gekommen. Einen Franken und zwei Franken habe ich schon gewonnen, fünfzig auch, aber nur einmal. Fünf und zehn noch nie.
Und gestern sieben Franken an diesem Kiosk! Wieviel ich ausgegeben habe, weiss ich nicht mehr. Also, es war so: Wir sind mit einem Franken gekommen und haben ein Lösli gekauft und gerade gewonnen. Dann haben wir noch mehr Lösli gekauft und vier Franken gewonnen und dann zwei. Am Schluss hatten wir sieben Franken und machten ab, dass wir jetzt eine Woche lang jeden Tag zwei Franken verputzen. Für Wasserballone, Schleckzeug, Fussballerbildli und Flugzeuge zum Selberbasteln. Und morgen kaufen wir wieder Lösli. Heute nicht, heute ist kein Glückstag.
Das mit den fünfzig Franken ist in Basel passiert. Ich habe mir damit Kleider gekauft, ein Pyjama. Und ein Etui für die Schule. Und Tinte. Manchmal erzähle ich es zu Hause, wenn ich gewonnen habe. Manchmal behalte ich es auch als Geheimnis. Und einmal habe ich Geld gefunden, ein Zehnernötli. Das habe ich der Mutter von einem Freund gegeben, und die hat es behalten.
Eine Million kann man auch gewinnen. Aber das sind andere Lösli. Die kaufe ich vielleicht, wenn ich grösser bin. Wenn ich eine Million gewinne, gebe ich dem Papi Geld, weil er immer für das Haus bezahlen muss. Ich bin im gleichen Zimmer wie er, aber wir haben zwei Betten. Er eines und ich eines. Manchmal schlafe ich auch im Bett von Mami. Sie schläft dann in meinem.
Papi arbeitet im Hotel in der Küche. Er schneidet Tomaten, wäscht Teller ab und macht Salat. Vielleicht kommt er am Wochenende hierher. Ich bin in den Ferien hier, bei Sangee, meinem Cousin. Er wohnt gleich hier hinten. Seine Mutter ist die Schwester von meiner Mutter. Die Ferien sind sechs Wochen lang. Nach Basel gehe ich wieder am 10. August, und am 17. habe ich Geburtstag. Ich werde neun Jahre alt!» Urs Bruderer
GEMMA PAPA, RENTNERIN
Sechs Päckchen Select: Diese Ration holt sich die 86jährige Gemma Papa täglich an ihrem Kiosk. Ob sie die alle selber rauche, fragen wir sie. Nein, nein, ein paar Zigaretten verschenke sie auch, wehrt sie ab, und schliesslich müsse man ja auch immer etwas Vorrat haben. Dennoch: «Die Zigarette ist meine einzige Freundin, die ich noch habe», sagt Frau Papa.
Frau Papa wird von allen «La Mamma» genannt, und ihre etwas verwitterten Gesichtszüge zeugen von einer bewegten Lebensgeschichte. Seit 68 Jahren wohnt die Tessinerin in Zürich, und ihre beste Zeit, sagt sie, habe sie in den dreissiger und vierziger Jahren gehabt, als der Widerstand gegen den Nationalsozialismus die Menschen zusammenschweisste. «Wir glaubten an eine bessere Welt, wir hatten Illusionen, die längst verflogen sind.» Ihr Vater, verrät Frau Papa, sei ein engagierter Antifaschist gewesen. «In der Zeit des Zweiten Weltkrieges gingen bei uns Emigranten aus Italien ein und aus. Auch Togliatti befand sich darunter. Er war zwei Tage da und reiste dann nach Russland weiter. Ignazio Silone gab mir zum Dank ein Buch mit persönlicher Widmung.» Als junges Mädchen in Zürich verschrieb sich Gemma Papa dann ganz der Schauspielerei. Sie gehörte zum Laienensemble der Filodrammatica italiani ticinese in Zürich, spielte politisches Theater im Volkshaus, sang Anarchistenlieder und war befreundet mit Darstellern der Volksbühne wie Ruedi Walter, Margrit Rainer und Ettore Cella, der ihr die Schauspielerei beibrachte.
«Nun aber genug.» Gemma Papa packt ihre Zigaretten und macht sich mit etwas unsicheren Schritten auf den Weg, vom Kiosk über die Strasse wieder in ihre Wohnung. «Früher war ich immer unterwegs, wie ein Vögelchen. Heute schaffe ich es gerade noch hierhin, um mir das Nötigste zu besorgen.» Andreas Heller
ERIKA BOXLER, HAUSWARTIN
Erika Boxler ist eine Kreisfünferin. Hier ist sie zur Welt gekommen, hier hat sie immer gewohnt, hier arbeitet sie seit je als Hauswartin, und hier will sie sterben. Wenn es nur schon soweit wäre, hat sie sich früher manchmal gesagt. Heute ist sie schwer krank, aber sie steht morgens wieder gerne auf, nicht zuletzt dank dem Kiosk an der Limmatstrasse. Den besucht sie, seit sie mit sieben Jahren ins nahegelegene Limmatschulhaus kam. Das war vor 51 Jahren. Damals kaufte sie vor allem Bärendreck. Heute kauft sie alles hier, und ein Leben ohne den Kiosk kann sich die Frau, die drei Kinder und sieben Enkel hat, nicht mehr vorstellen.
Alles? Auf jeden Fall alles, was es hier gibt: Fertigsalat, Zwieback, Knäckebrot, Käse, Spaghetti, Schokoladencrème, Biskuits. Aber auch Batterien, Geschenkkarten, Putzmittel, WC-Papier und Waschmittel - auf ihren Wunsch hat der Kiosk grosse Trommeln davon ins Sortiment aufgenommen. In Warenhäusern fühlt sich die kleine Frau mit den rot getönten Haaren einfach nicht wohl. Natürlich bezahlt man im Kiosk ein wenig mehr. Aber lieber geht man dorthin, wo es zu einem guten Schwatz kommt, oder?
So sieht man Frau Boxler fast jeden Tag hier, oft mehr als einmal. «Der frühere Besitzer gab einem immer etwas Liebes oder einen Scherz mit auf den Weg», sagt sie, «das braucht man einfach.» Und die zwei Verkäuferinnen seien auch so gut zu ihr. Es sei schon vorgekommen, dass sie in den Kiosk kam und einfach weinte; bei ihnen fand sie Trost. Für jemanden wie sie, der schon als Kind um Liebe habe kämpfen müssen, sei das sehr wichtig. Wenn sie solches sagt, stellen sich ihre grossen, grauen Augen unverrückbar auf Blickkontakt ein.
Frau Boxlers Leidenschaft sind die Illustrierten, etwa ein Dutzend sind es jede Woche. Sie raucht und trinkt nicht, aber diesen Luxus gönnt sie sich. Die «Schweizer Illustrierte» ist immer dabei, die findet sie wichtig, und die «Glückspost» auch. Sonst lässt sie sich bei der Wahl von den Titelblättern leiten. Über Lady Di will sie alles wissen. Die Neue, diese Sophie, interessiert sie weniger. Die Hochzeit habe sie schon geschaut, aber das sei halt kein Vergleich, die kopiere die Lady Di bloss. Neben den interessanten Berichten und dem Horoskop liest sie immer auch die Ärzte- und Lebensberatungsseiten. So hat sie viel über ihre eigene Krankheit und auch über die Probleme ihrer Kinder erfahren. Die Hefte liest sie meist abends, nach Feierabend.
Es gab Zeiten, da hielt Frau Boxler vierzig Häuser in Ordnung. Sie arbeitete immer viel, fünf Jahre lang sogar Tag und Nacht - um der Einsamkeit auszuweichen, und bis zum Zusammenbruch. Danach machte sie erst einmal gar nichts mehr. Heute betreut sie wieder drei Liegenschaften: «Was ich von meinem Balkon aus sehe, putze ich einfach.» Und aus der Mutter wurde eine Schlummermutter. Eine Elektroingenieurin aus Lausanne, ebenfalls Kundin des Kiosks an der Limmatstrasse, und ein Flüchtling aus Äthiopien wohnen bei ihr in Untermiete. Für die beiden ist sie «s Mami», und sie essen oft mit ihr. Auch ihr 34jähriger Sohn gesellt sich beim Mittagessen gern dazu. «Man muss halt einfach Mutter sein. Nicht nur vorübergehend, sondern ein Leben lang.» Frau Boxler hatte kein Glück mit den Eltern und kein Glück in der Liebe, das sagt sie heute jedem. Früher wollte sie mit niemandem darüber reden, statt dessen hatte sie all ihr Leid in sechs dicken Büchern niedergeschrieben. Als sie dann zum Psychiater ging, sagte der: «Erzählen Sie.» Nein, habe sie geantwortet, er solle erst einmal lesen. Er habe während der Lektüre manche Träne vergiessen müssen. Jetzt sei eine Journalistin damit beschäftigt, die Memoiren ins reine zu schreiben. Bald sollen sie in einem Buch für Ärzte herauskommen. Die Welt soll wissen, wieviel Elend in einem, ihrem Menschenleben Platz haben kann. Urs Bruderer
FERNANDO MIGGIANO, GARAGIST
Wenn Fernando Miggiano (34) in seinem blauen Overall mit der Aufschrift «Agip» durch die Tür tritt, weht ein Hauch von Italianità durch das Reich von Frau Schmid und Frau Baumgartner. Mit südländischer Lässigkeit pflückt sich der dunkelhaarige Mann mit dem Dreitagebart die rosafarbene «Gazzetta dello Sport» vom Zeitungsständer. Im Stehen noch schnell einen Kaffee kippen, ein kurzer Schwatz. Dann verschwindet er wieder in den Hinterhof, wo er eine Autoreparaturwerkstatt betreibt - um nach ein paar Stunden meistens wieder aufzutauchen, für ein Gelato oder einen weiteren Caffè.
«Wenn ich einen Kaffee nach Schweizerart will, komme ich in den Kiosk», sagt Fernando Miggiano. «Den echten Espresso dagegen braue ich mir selbst in der Garage.»
Halb Schweizer, halb Italiener, so fühlt sich Fernando Miggiano nicht nur beim Kaffeetrinken. Als er in Lecce geboren wurde, arbeitete der Vater bereits in einer Fabrik bei Zürich, erst 14 Jahre später kam auch der Sohn in die Schweiz, wo er in einer Lancia- und Fiat-Vertretung eine Lehre als Automechaniker machte. Vor vier Jahren eröffnete er hier seine eigene Garage, wo er als echter Allrounder alle Reparaturarbeiten für alle Marken erledigt.
Die Eltern sind mittlerweile nach Italien zurückgekehrt. Er jedoch ist ein zweitesmal zurückgeblieben. Aber was will man? Fernando nimmt's gelassen. Verheiratet mit einer Holländerin und selbst Vater zweier Töchter, hat er sich sogar damit abgefunden, dass er die diesjährigen Sommerferien nicht am Mittelmeer, sondern an der Nordsee verbringen wird. Hauptsache, es gibt auch dort Espresso und täglich die «Gazzetta», die für ihn, wie für Millionen von Italienern, das Leibblatt ist. «Beim Sport, das ist klar», sagt der Tifoso von Juventus Turin, «bin ich hundertprozentiger Italiener.» So hat er denn sein Büro, wo auch die andere, die echt italienische Espressomaschine steht, mit Ferrari-Postern und einem Mannschaftsfoto von Juventus Turin dekoriert. Auch ein Spielplan von Inter Club Zurigo ist da, wo er selbst als rechter Flügel den Millionären der Serie A nacheifert. Andreas Heller
GIULIA ALFAYATE, COIFFEUSE
Giulia ist Coiffeuse, ihr Salon «Giulia» gleich um die Ecke beim Kiosk, und der Kiosk ist: «Sensationell!» Hat Giulia Lust auf etwas, geht sie hin, und da die Lust meist unbestimmt ist, schaut sie sich erst um, bis sie entdeckt, worauf genau sie Lust hat. Finden tut sie immer etwas, meist etwas Süsses, und meist kauft sie zuviel davon. Weshalb sie dann ab und zu einen «ruhigen Magentag» einschaltet, Joghurt und Quark, vielleicht einen Salat holt, auch aus dem Kiosk natürlich. Oder sie hat eine Kundin, die keine Zeit hat fürs Mittagessen, der holt sie schnell etwas, das sie dann essen kann unter dem Climazon, den Giulia den Computer nennt und der eine Art Trockenhaube ist, nur moderner. Darunter müssen sowohl die Föhn- wie auch die Färbekunden zwanzig Minuten lang sitzen.
Für die kauft sie auch «Gala», die hat grosse Bilder und wenig Text, was sich besonders bewährt hat für die brillentragenden Kundinnen, die die Brille wegen der Wickler ja ablegen müssen, wenn sie unter der Haube sind. Die «Glückspost» ist für die Normalsichtigen und das «Facts» für die Männer, von denen Giulia allerdings wenige als Kunden hat, nur Ehemänner und Freunde von Freunden; sie will nicht belästigt werden. Was in der Gegend, wo es eine Menge anderer «Salons» gibt, leider hie und da vorkommt. Die meisten lesen, bevor sie drankommen, manche kommen extra früher, nehmen einen Kaffee und blättern in den Zeitschriften.
Giulia selbst liest am liebsten den «K-Tip», weil er sie über Gesetze und Gerichtsurteile informiert und sie dieses Wissen dann der Kundschaft weitergeben kann. Erzählt ihr jemand von einem bestimmten Fall, kann sie sagen: «Moment mal, in einem ganz ähnlichen Fall hat der Richter so und so entschieden!»
Über die Königshäuser wiederum wird sie von den Kundinnen informiert, Giulia interessiert das nicht besonders. Aber wenn ihr eine sagt, die Königin habe den Edward an der Hochzeit nicht geküsst, sagt sie es der nächsten weiter: «Hast du gehört, die Königin hat an der Hochzeit den Edward nicht geküsst!» Peter Haffner
JEAN MARTIN, MALERMEISTER
Wer täglich arbeitet wie ein Pferd, fleissig ist wie eine Biene, abends müde ist wie ein Hund, der sollte zum Tierarzt gehen - es könnte sein, dass er ein Kamel ist.
Jean Martin hat Humor, und die Welt soll das wissen. Zumindest die Passanten an der Fabrikstrasse, die an seinem Schaufenster vorübergehen. Die sollen sich freuen an dieser fotokopierten Weisheit, die hier neben einer verblichenen Reproduktion von van Goghs Sonnenblumen hängt. Jean Martin ist Malermeister, Stumpenraucher und gute Seele im Kiosk. Jeden Morgen geht er die paar Schritte über die Limmatstrasse und kauft sich die neue Zeitung, den «Blick». Manchmal ist er der erste am Kiosk. Ein paar Stunden später kauft er sich seine Havannas von Wuhrmann. Neben ihm gibt es nur noch zwei andere Kunden, die Wuhrmann rauchen. Vor drei Jahren hatte der Kiosk sie noch nicht einmal im Sortiment. Die Stumpen sind speziell, kommen aus einer kleinen Firma mit nur sieben Angestellten. Und gehen von da in die ganze Welt.
Jean Martin ist 1931 geboren worden und stolz darauf, dass man ihm dies nicht ansieht. Er pflegt sich eben, sagt er, und mag nicht ans Alter denken, weil man dabei nur alt wird. Sein Geschäft öffnet der Malermeister jeden Tag um sieben Uhr; er führt es nur darum, weil ihm die AHV nicht reicht. Er ist - «Jesses Gott Maria!» - schon seit 1962 hier, und seine fünf Arbeiter wohnen auch alle im Quartier. Seit Jahrzehnten gehört er zu den Stammkunden des Kiosks. Am Mittag holt er sich manchmal etwas zum Knabbern.
Es gab immer wieder Einbrüche im Kiosk. Dann liess der Vorgänger des heutigen Besitzers an der Türe aus Sicherheitsgründen ein Vorhängegitter anbringen. Der Margrit aber, der Kleinen, die jetzt nicht mehr im Kiosk arbeitet, der war das Gitter zu schwer. Und so sagte Jean zur Margrit, er sei ja nicht weit, und kam immer vor Ladenschluss am Abend und hängte für sie das Gitter ein. Er konnte es gut mit dem Personal im Kiosk. Den neuen Besitzer, den findet er sympathisch. Doch da ist manchmal jetzt eine Neue im Laden, die sei ein wenig komisch. Er hat nichts gegen sie, aber gegen die Art, wie sie verkauft. Auch wenn jemand nur für einen Franken etwas kauft, sollte man ihm Danke sagen. Das meint er. Das Geschäft werde nur laufen, so lange die beiden andern Verkäuferinnen noch da seien.
Wenn er am Morgen die Zeitung hole, dann habe es im Kiosk bereits von diesen Drogenleuten. Kaum richtig angezogen seien die und ungewaschen. Manchmal hätten sie 1000 Franken im Sack und bezahlten damit ein Coci. Woher sie es haben, das will er lieber nicht wissen. Haben, wenn es Meitli sind, wohl die ganze Nacht rumgebürstet. Aber ihn gehe das ja nichts an. Die müssen ihr Leben schon selber führen. Für ihn sind sie alle bereits gestorben. Angefangen habe es mit diesem Jugendhaus, das abgebrochen wurde. Seither sei das Drogenproblem nicht mehr aus dem Quartier wegzubringen. Die Polizei fange zwar manchmal ein paar Dealer, aber das nütze nicht viel. Es stört ihn, wenn er am Morgen vor dem Geschäft auf dem Trottoir leere Spritzen findet. Und im Hinterhof werde in der Nacht gevögelt und gedealt. Überall in den Blumentöpfen würden Drogen versteckt. Trotzdem mag er den Kreis 5. Da kann man nicht einfach so weg.
Aufgewachsen ist Jean Martin in Lothringen und in Paris. In Frankreich war er Hauptmann. 1951 musste er einrücken, er besuchte die Offiziersschule und leistete Dienst in Marseille, in Algerien und in Tunesien. Nach Frankreichs Niederlagen im Vietnamkrieg verliess er die Armee. Geraucht hat er damals noch nicht, obwohl alle in der Armee gratis Zigaretten bekamen. Er hat seine verschenkt. Mit Rauchen begann er erst mit 27 Jahren, als er in Paris bereits ein Malergeschäft hatte. Dann aber führte de Gaulle die Mehrwertsteuer ein, und er sagte sich: Das bezahle ich nicht. Und kam nach Zürich. Damals gab es in der Schweiz noch keine Mehrwertsteuer. Man müsse hier einfach korrekt sein und schaffen. Arbeit hatte es genug. Er ist hier akzeptiert worden, und den andern soll es auch so gehen. Ausländer stören ihn nicht. Er aber besuchte noch einen Abendkurs, um Schweizer zu werden. Sonst hätte er die Fragen auf dem Stadthaus nicht beantworten können. Heute sei das anders. Heute würden sie den Pass ja fast geschenkt bekommen. Schweizer ist auch Jean Martins Sohn. Er heisst Remy mit Ypsilon und führt eine Bar. Jean Martin hat Humor, und die Welt soll das wissen. Martin Woker
MARGRIT RHYN, HAUSFRAU
Margrit Rhyn ist eine schneidige 46jährige mit Bewegungen, die so überrumpelnd schnell sind, dass man sie für Zuckungen halten könnte. Ihre sorgfältig gefeilten Nägel glänzen scharlachrot, ebenso die Lippen; das Haar, braunrot getönt, ist perfekt frisiert. Die perfekte Frisur ist ein Produkt von Heimweh und Treue.
Der Mann, mit dem Frau Rhyn seit dem 17. November 1979 verheiratet ist, stürzte vor acht Jahren vom Gerüst. Der Sturz band ihn an den Rollstuhl und sie weiter an ihn. Den Kreis 4 («Mein Mann ist da aufgewachsen; in der Genou-Bar, wo es die feinen Rossfilets mit Kräuterbutter gab, lernten wir uns kennen, und im <Schwanen> habe ich als Serviertochter gearbeitet. Man war mit allen bekannt. Es war einfach super.») - den geliebten Kreis 4 also mussten sie verlassen für eine rollstuhlgängige Wohnung in Zürich Schwamendingen. («Es ist nicht schlecht. Man gewöhnt sich ja zum Glück an alles.») Margrit Rhyn verflucht nichts, so etwas könne eben passieren, Schicksal.
Aber seither steigt sie jeden Donnerstag um die Mittagszeit in ihren Audi 80 und macht die Tour. Erste Station ist die Limmatstrasse 197. Da kauft Margrit Rhyn seit 15 Jahren eine Stange Mary-Long und eine Stange Philip Morris light, «man gönnt sich ja sonst nichts», und Lottoscheine. Lotto mache sie nur ihrem Mann zuliebe, gewonnen haben sie noch nie, sie hofft auch nicht darauf, zumindest nicht für sich selbst. Ihrem Mann würde sie es wünschen, sie wüsste, was er mit dem Geld machen würde: nach Amerika gehen zum besten Arzt, vielleicht dem von Superman Christopher Reeve, querschnittgelähmt nach einem Reitunfall.
«Frau im Spiegel», dann «Frau aktuell», «Die neue Post», «Gong» und «RTL», die sie jeweils für sich reservieren lässt, liegen schon bereit. Die Heftli kauft sie vor allem wegen der Kreuzworträtsel, damit verbringe ihr Mann Stunden, das sei jetzt sein Hobby. Natürlich lese sie den Klatsch, es sei zwar immer das gleiche, aber trotzdem.
Prinz Charles? «Gefällt mir immer besser. Nimmt langsam Klasse an. Früher war er unglaublich steif. Aber das kann man ja begreifen, bei so einer Kindheit, die der hatte.»
Camilla? «Eine Klette. Die bringt er nicht mehr so schnell los.»
Prinzessin Caroline von Monaco? «Hält sich in Grenzen. Wenn ich so gestylt wäre, sähe ich auch super aus.»
Prinzessin Stephanie? «Bringt etwas Action in die Bude, und wenn es nur mit einem unehelichen Kind ist.»
Martina Hingis? «Die kommt in die Pubertät, aber voll. Siehe Paris, der Match gegen Steffi Graf.»
Und Prinzessin Sophie von Schweden? «Sophie? Heisst die Sophie? Nein, die heisst nicht Sophie. Aber mit Schweden beschäftige ich mich nicht.»
Margrit Rhyn will jetzt mit Frau Baumgartner reden, die hier verkauft und die noch Kontakt mit der Pia hat, der vorvorgängigen Besitzerin des Kiosks, eine gute Freundin von Frau Rhyn, eine Superfrau. Dann ist die Parkzeit abgelaufen, und eigentlich wäre jetzt der Einkauf in der Migros Limmatplatz an der Reihe, aber dort wird zurzeit umgebaut, und im Provisorium, einer Garage, will Margrit Rhyn nicht einkaufen, «da ist ja Schwamendingen noch besser».
So fährt sie direkt zu Rosi, die seit 15 Jahren ihre Coiffeuse ist. Rosi sei schnell, sehr exakt und sehr verständnisvoll, obwohl sie gleich alt wie ihr Sohn sei und also ihre Tochter sein könnte. Um halb zwei dann wird ihr Mann in Schwamendingen ins Taxi steigen und sie, die dann frisch und noch perfekter frisiert sein wird, bei Rosi ablösen. Auch er ist seit Jahren ein Kunde und seine Frisur ebenfalls ein Produkt von Heimweh und Treue. Ursula von Arx
CLAYTON GAHLER, KOCH
Es gibt Tage, da schaut Clayton Gahler (22) in den Spiegel und findet sich «megahübsch». Besonders gefällt ihm, wenn der, den er dort sieht, «ein böses Gesicht macht». Das böse Gesicht wird betont von der Metallkette, die er um den Hals trägt, «weil sie etwas Hartes hat». Die Lederjacke hat er mit seinem Vater ausgesucht, der Ring mit dem Skorpion ist das Geschenk einer Tante, den Ring mit der Fausthand, die einen Ring mit Totenkopf trägt, hat er vom Flohmarkt. Clayton trägt Quick-silver-beggy-Shorts und Schuhe wie T-Shirt von Nike. Die Haare hat er mit Gel aufgestachelt. Jeden Montag und Freitag trainiert er Konzentration und Muskeln mit Karate. «Dass ich niemandem bös sein kann, dass ich niemanden hassen kann, das mag ich überhaupt nicht an mir», sagt er. Und was mag er? Clayton überlegt. «Dasselbe», sagt er dann.
Das ist gut. Denn wie er da vor dem «Limmathof» sitzt und den Rauch seiner Parisienne und Blicke aus sehr hellblauen Augen in die Welt schickt und wie er das von vielen kleinen Sommersprossen lebhaft getönte Gesicht der Sonne entgegenstreckt, das alles ergibt ein ausserordentlich freundliches und versöhnliches Bild. Sorry, lieber Clayton, aber so ist es!
Clayton Gahler ist Koch. Gelernt hat er im «Glärnisch-Hof» in Zürich, einem Fischrestaurant. Fische entschuppen, nicht oft Geschirr abwaschen, das hat ihm gefallen. Heute, im «Limmathof», muss er etwas mehr abwaschen, und die meisten seiner Arbeitskollegen haben Probleme. Sie seien nett, aber eben. Auch Clayton hatte Probleme. Er sass am Stammtisch, und seine Kollegen verwandelten sich in Ausserirdische. Überall waren plötzlich die Ausserirdischen und besetzten die Körper seiner Nächsten. Die Medikamente, die man ihm gab, verweigerte er, denn die Ärzte waren Ausserirdische und wollten ihn nur gefügig machen für die Operation und ihn aus sich selbst entfernen. Nach vier Monaten konnte er aus der psychiatrischen Klinik Burghölzli entlassen werden. Heute geht es ihm gut. Geblieben ist die Angst, dass die Ausserirdischen zurückkommen und sein Gehirn erneut besetzen könnten.
Die Zeit in der Klinik war eine Zeit von grosser Langeweile gewesen. Früher hatte Clayton gekifft und gesoffen, als Ersatz dafür stieg dann sein Zigarettenkonsum stark an. Heute raucht er eineinhalb Päckli pro Tag. Aus Dummheit, aus Nervosität und weil Rauchen etwas Mysteriöses habe. «Ich rauche einfach gerne. Ich bin süchtig danach.» Die Zigaretten kauft er manchmal, eher selten, am Kiosk an der Limmatstrasse 197. Ursula von Arx