«DIE LAGERHALLE gehört zum Geschäft von Palu-Motos, Töffhandel und Werkstatt, spezialisiert auf die Restauration von alten Fahrzeugen wie etwa Moto Guzzi. Hier stellen wir Töffs und andere Sachen ein. Wenn Sie ein Cabrio haben, dann können Sie das über den Winter bei uns einstellen. Bevor Herr Paludetto, mein Chef, vor zwölf Jahren einzog, war das ein Lagerraum der Steinfels-Seifenfabrik. Nebenan war das Rohstofflager, das jetzt ein Nachtclub ist. Dort standen früher die grossen Schweinefetttanks.
Ich wohne im Wohnwagen, der gehört mir. Aber eigentlich schlafe ich da nur, kochen kann ich in der Küche, die zur Werkstatt gehört, und wir haben gute sanitäre Anlagen. Fernseher habe ich sowieso noch nie einen besessen. Im Wohnwagen in einer Halle zu wohnen ist gar nicht so anders als in einem Zimmer in einem Haus, dort hat es ja auch Raum um das Zimmer herum.
Der Arbeitsweg ist sehr kurz, ich muss nur über die Türschwelle stolpern. Das hat Vor- und Nachteile: bei Regen bleibe ich trocken, dafür habe ich, wenn es schön ist, die Sonne nicht so früh. Die Halle verfügt aber über Oberlichter, so dass ich vom Wohnwagen aus sehe, ob es draussen schön ist oder nicht. Ich habe ihn nach der Morgensonne ausgerichtet, nach Osten. Wenn es regnet, höre ich das extrem gut. Das gibt dann schon ein Wohnwagenfeeling. Ob es nicht nach Öl riecht? Vielleicht merke ich das einfach nicht mehr.
Die Wohnqualität ist gar nicht so schlecht. Die Halle isoliert zwar nicht gut, die Wände sind nur aus Aluminiumblech. Aber ausser Freitag und Samstag nacht, wenn die Leute alle mit dem Auto ins Cinemax kommen und hier parkieren, ist es erstaunlich ruhig. Bei einem Kollegen, der in Adliswil wohnt, ist es massiv lauter. Das Telefon von der Werkstatt vorne höre ich hier hinten auch bereits nicht mehr.
Natürlich bewege ich mich nicht nur zwischen Wohnwagen und Werkstatt. Über Mittag gibt es viele Möglichkeiten hier auf dem Areal, sich irgendwo an die Sonne zu legen. Und abends bin ich oft im Training, ich mache Krafttraining und Kampfsport, Thai-Boxen. Manchmal bin ich auch bei Freunden, und ich gehe schon auch gelegentlich auswärts essen, aber ein Beizengänger bin ich nicht. Meistens mache ich mir hier etwas zu essen, wenn ich vom Training heimkomme, und esse am Tisch im Werkstattbüro.
Ich arbeite seit April hier und bleibe längstens ein Jahr. Wahrscheinlich weniger lang, man weiss ja nicht, was mit dem Steinfels-Areal läuft. Wir sollten seit dem 10. September draussen sein, weil hier abgebrochen werden soll, aber Herr Paludetto wehrt sich, er fürchtet, es werde ein Abbruch auf Vorrat, da das Bauprojekt noch gar nicht gesichert ist. Aber fragen Sie ihn selbst, er weiss das genauer. Die meisten Mieter sind jedenfalls schon fort, ich glaube, es sind zwei Leute, die noch hier sind, aber die müssen auch weg.
Was ich mache, wenn ich hier weggehe, weiss ich noch nicht. Ich komme aber schon irgendwo unter, ich bin sehr flexibel.
Aufgewachsen bin ich zwischen Land und Stadt. Von früher müssen Sie mich im Fall sonst aber nichts fragen. Das nimmt Sie jetzt erst recht wunder? Das nähme noch manche wunder. Mein früheres Leben ist einfach unwichtig, mehr nicht. Ballast, damit beschäftige ich mich nicht mehr. Wie das Jahr hier auch: wenn es zu Ende ist, wird es rekapituliert. Man schaut dann, was hat man falsch gemacht, wo hat man schlecht reagiert, warum hat man sich da aufgeregt, und zieht seine Erfahrungen daraus. Dann wird es gelöscht, wie im Computer. Dort speichert man auch gewisse Sachen ab und arbeitet vielleicht noch einmal dran, und wenn dann grausam viel auf der Festplatte ist und der Computer langsam wird, muss man wieder einmal ein bisschen aufräumen. Dann geht man in den Datei-Manager und löscht und löscht, bis das Ding wieder schneller wird. Genau so mache ich das auch.
Dieses Jahr hier nehme ich auf mich, weil alles seinen Preis hat. Oder weil man, wie es so schön heisst, nicht von Luft und Liebe allein leben kann. Man braucht zwischendurch auch ein bisschen Geld, damit man wieder das machen kann, was man will. Was das ist? Leben! Schon schaffen, aber nichts, was so kommerziell, so gewinnorientiert ist. Ich würde es so sagen: Ich will Sachen machen, die Berufung sind, Leidenschaft, und nicht bloss Broterwerb. Nein, meine Leidenschaft sind nicht die Töffs, die sind nur Mittel zum Zweck. Ich kann zwar Töffs reparieren, das habe ich jahrelang gemacht, aber selbst fahre ich schon seit Jahren nicht mehr Töff, ich fahre praktisch nur Velo. Ich versuche aber alles, was ich mache, so gut zu machen, wie es geht. Ich versuche, mich auch immer zu verbessern. Entweder ich mache etwas hundertprozentig, oder ich lasse es sein.
Was denn meine Leidenschaft ist? Eben: das Leben als Wandel erleben, es ist ein fortwährender Fluss. Nein, ich bin nicht Buddhist, ich habe keine Religion ausser vielleicht das Leben selbst. Die ganzen technischen Errungenschaften sind doch nur die Verlängerung unserer Fähigkeiten und Sinne. Der Töff, der Computer, alles. Irgendwann kommen wir vielleicht wieder an unser eigenes Potential, wenn wir daran arbeiten. Und es ist doch so: wir ernten, was wir säen. Wenn wir eine Sache gut machen, tun wir uns selbst etwas Gutes. Wenn wir die Erde gut behandeln, dann tun wir uns selbst gut, die Erde interessiert das nicht, die schaut selber zu sich.
Ob ich glücklich bin? Ich würde sagen: sehr zufrieden, denn Glück ist ja ein flüchtiger Zustand. Aber wenn das Glück bei mir einkehrt, so gebe ich mir Mühe, ein guter Gastgeber zu sein.
Jetzt will ich aber an die Arbeit zurück.»