NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Warum killen Killerbienen?

Von Herbert Cerutti

WAS SIANG OOI, Botanikstudent der Universität von Miami, im Jahre 1986 auf einem Ausflug in die Berge von Costa Rica widerfuhr, war grauenvoll. Im steilen Gelände stiess er unvermittelt auf ein Nest wilder Bienen. Innert Sekunden stürzte sich eine summende Wolke auf den jungen Mann. Siang Ooi rannte talwärts, geriet in der Hast mit dem Fuss in eine Felsspalte und blieb stecken. Kollegen, die ihn aus der Gefahr retten wollten, wurden von den Bienen ebenfalls attackiert. Den Helfern blieb nur der Rückzug, wobei drei von ihnen bereits derart viele Stiche abbekommen hatten, dass sie später zusammenbrachen. Erst in der Nacht, als der Bienenschwarm ins Nest zurückgekehrt war, konnte Siang Ooi geborgen werden. Er war tot, gestorben an einer Überdosis Bienengift. In der Leiche steckten 8000 Stachel.

Der tragische Fall des Botanikstudenten ist einer unter vielen. Von Attacken aggressiver Bienen sind fast alle tropischen Regionen Lateinamerikas betroffen. Von 1975 bis 1988 starben in Venezuela 350 Menschen an Bienenstichen. Und in Brasilien sollen die gefährlichen Biester im Jahr 1965 allein in der Region von São Paulo über 150 Todesfälle verursacht haben. In Brasilien entstand der Name «abelhas assassinas», und bald sprach man weltweit von den «killer bees».

Die Aussicht, dass die angriffigen Bienenvölker eines Tages die USA erobern könnten, löste in den siebziger Jahren eine Hysterie aus. Das Magazin «Time» sah die Invasion der wilden brasilianischen Bienen als eine Insektenvariante von Dschingis-Khan voraus; und im Roman «The Bees» wurde gar der Krieg zwischen Biene und Mensch geschildert, mit Millionen von Toten und der Evakuation weiter Teile Amerikas. Unter dem Schlagwort «Genmanipulierte Killerbienen. Ja zur Gen-Schutz-Initiative» fand das exotische Bienenproblem 1998 sogar Eingang in die Schweizer Politik.

Mit Gentechnologie haben die aggressiven Bienen aber nichts zu tun. «Killerbienen» sind lediglich eine weitere Variante im uralten Spiel der Evolution, wo Lebewesen sich im Laufe der Jahrtausende an bestimmte Lebensräume anpassen oder geeignete Regionen neu erobern. Was sich seit Ende der fünfziger Jahre in Amerika breit macht, ist Apis mellifera scutellata, eine mit unsern Honigbienen eng verwandte Bienenrasse aus Afrika. In die Neue Welt kam die Afrikanerin allerdings nicht von selber - sie erhielt ihre Chance durch ein Missgeschick während eines Zuchtexperiments.

Ursprünglich stammt die Honigbiene Apis mellifera aus den Tropen Südostasiens, von wo sie nach Afrika und Europa gelangte. Den spezifischen Klima- und Umweltbedingungen der verschiedenen Lebensräume entsprechend entwickelten sich weltweit ein Dutzend verschiedener Rassen. In Nordeuropa lebt Apis mellifera mellifera, die Deutsche Biene. Die Winterkälte überstehen ihre grossen Völker dank grosser Heizleistung im Nest. Die Notwendigkeit, in der kurzen warmen Saison genügend Honig und Pollen als Wintervorrat im Nest anzuhäufen, zwingt zu Sesshaftigkeit. Will die Königin andernorts ein weiteres Volk gründen, muss sie früh in der Sommersaison schwärmen.

Als Lieferantinnen von Honig und Wachs sind Bienen europäisches Kulturgut. Auswanderer nahmen schon im 17. Jahrhundert das wertvolle Insekt mit nach Amerika, wo es zuvor keine Honigbienen gab. Die «Fliegen des weissen Mannes» lebten sich in der neuen Heimat rasch ein. Die traditionelle Deutsche Biene war den amerikanischen Imkern aber zu aggressiv, weshalb sie im 19. Jahrhundert mit verschiedenen anderen Rassen experimentierten. Man versuchte es etwa mit Apis mellifera carnica, der Kärntner Biene. Das Rennen machte dann aber die sanfte Italienerbiene Apis mellifera ligustica. Sie ist bis heute in den USA die beliebteste Honigsammlerin.

Auch in Südamerika hielt man auf den Farmen schon früh europäische Bienen. Honigbienen aus der Alten Welt gewöhnten sich trotz intensiven Zuchtversuchen jedoch nur schlecht an das feuchtheisse Tropenklima. Sie liefern wenig Honig und sind krankheitsanfällig. Da kamen dem brasilianischen Landwirtschaftsministerium die sagenhaften Honigernten von Apis mellifera scutellata, der Ostafrikanischen Hochlandbiene, zu Ohren. Und so beauftragte man den Bienenforscher Warwick Kerr, in Südafrika und Tansania solche Wildbienen zu sammeln und ihre Vorzüge - Sammelfleiss und eine hohe Resistenz gegen Milben und Faulbrut - in die brasilianischen Bienenrassen einzuzüchten. 1957 brachte Kerr 47 Bienenköniginnen aus Afrika in sein Labor nach São Paulo. Nur wenige Monate später entwichen 26 der Damen mitsamt ihrem noch jungen Hofstaat. Wer die Gitter im Labor geöffnet hatte, ist noch heute nicht klar. Unbestritten war die Zuchtstation aber eine Pandorabüchse.

Kaum an der frischen Luft, schwärmten die Immigrantinnen in alle Richtungen und gründeten umgehend neue Völker. Heute gibt es in Amerika schätzungsweise mehr als 100 Millionen wilde Nester der Biene aus Afrika. Man spricht heute von den «afrikanisierten» Bienen Amerikas, von Hybriden aus afrikanischen und europäischen Rassen. Genetische Untersuchungen zeigen aber, dass sich in den Tropen fast ausschliesslich das an solche Verhältnisse hervorragend angepasste afrikanische Erbe durchsetzt, die neuen Bienen Amerikas also praktisch identisch sind mit der afrikanischen Wildbiene. Nur in den Übergangszonen zwischen tropischem und gemässigtem Klima, etwa im südlichen Argentinien, haben sich deutliche Mischformen mit europäischen und afrikanischen Rassenmerkmalen entwickelt.

Die enorme Tüchtigkeit der Afrikanerin in Lateinamerika ist eine im Laufe der Evolution erworbene Eigenart. Das Honigsammeln ist für Bienen in den Tropen kein leichter Job. Zwar gibt es dort eine enorme Pflanzenvielfalt; die einzelnen Pflanzen sind aber in eher kleinen Gruppen über ein grosses Gebiet verstreut. Während sich ein Bienenvolk bei uns an einem blühenden Rapsfeld sehr effizient bedienen kann, muss die Wildbiene in Afrika das Angebot weiträumig abklappern. Sie hat deshalb den wahren Bienenfleiss entwickelt, fliegt in aller Herrgottsfrühe aus und arbeitet bis in den späten Abend. Sie sammelt auch bei Kälte und Nebel und sogar im Mondlicht. Der Ertrag ist dementsprechend: Ein in Brasilien gemachter Leistungsvergleich ergab innert dreier Monate 12 Kilogramm Honig für die Deutsche Biene und 24 für die Italienerin, für die afrikanisierte Biene aber 42 Kilogramm. Da solcher Fleiss entsprechend viele Blütenbesuche bedingt, ist die Afrikanerbiene auch als Blütenbestäuberin sehr nützlich.

Der Zwang, das Blütenangebot weiträumig absuchen zu müssen, sowie die fehlende Notwendigkeit eines festen Winterquartiers haben die Bienen aus Afrika zu Zigeunern gemacht, die in kleinen, aber sehr mobilen Völkern leben. Sie schwärmen etwa zwanzigmal häufiger als die europäischen Bienen; aus einer Kolonie in Französisch-Guayana sind in einem Jahr 64 Tochterkolonien geworden. Mit dieser enormen Wanderlust rückten die in Brasilien entflogenen Afrikanerinnen Jahr für Jahr um die 300 Kilometer weiter nach Norden und Süden. 1987 war Mexiko erreicht; ab 1990 eroberten die «Killerbienen» schliesslich auch Texas, Arizona und Kalifornien.

Und die legendäre Aggressivität? Während europäische Bienen ein eher behagliches Leben führen, sind ihre Verwandten in den Tropen konstant bedroht. Zahlreiche Vögel, Ameisenbären, räuberische Ameisen und nicht zuletzt der Mensch holen sich den Honig und die leckere Brut aus den Nestern der wilden Bienen. Wollen sie überleben, müssen sie kompromisslos angreifen. So sind die afrikanischen Bienen zu Kampffliegern geworden: Sie reagieren auf Störungen dreimal schneller als europäische Bienen, placieren zehnmal so viele Stiche an einem Angreifer und verfolgen einen Feind bis zu einem Kilometer weit. Zwar injizieren sie mit einem Stich etwa 30 Prozent weniger Gift als unsere Honigbienen. Aber nach einigen hundert Giftdosen ist für das attackierte Opfer manchmal das tödliche Mass doch voll.

Die Schwierigkeiten im Umgang mit der temperamentvollen Afrikanerin liessen die Imkerei in Lateinamerika fast überall zusammenbrechen. In Venezuela gaben Ende der siebziger Jahre neun von zehn Honigproduzenten auf; die landesweite Honigernte schmolz von 1300 Tonnen auf 80. Dann nahmen Amerikas Imker einen neuen Anlauf und lernten, wie mit der wehrhaften Biene umzugehen ist. Sie tragen nun bei der Arbeit völlig weisse, mehrschichtige Schutzkleidung; pro Bienenhaus werden nur wenige Völker einquartiert; die Bienenhäuser stehen in weiter Entfernung von Haus und Stall; die einzelnen Bienenhäuser sind durch Bäume und Hecken voneinander abgeschirmt.

Und siehe da, die Massnahmen haben Wunder gewirkt. Nach ein paar Jahrzehnten des Schreckens und der Ratlosigkeit blüht auch in Amerika das Imkerhandwerk wieder. Im Nordwesten Brasiliens, wo früher für die europäische Biene kein Leben war, ist eine Honigwirtschaft überhaupt erst dank der afrikanischen Einwanderin entstanden. Wenn die Leute dem Ratschlag der in den Dörfern hängenden Plakate folgen, doch keine Prügel gegen die Nester der Wildbienen zu werfen, dürften auch die leidigen Todesfälle seltener werden.


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