NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Krisensitzung

Von Manfred Papst

Ein Zelt. A und B sitzen einander gegenüber. B ist von hohem Wuchs; er hat strenge, finstere Gesichtszüge und das Auftreten eines Tigers, der sich mit einem Leoparden zur Jagd vereint, um ihn hernach mit der Beute aufzufressen. A dagegen ziert das Epitheton « der Sanfte».

 A:      Die Sonne tut wieder ihre Schuldigkeit. Ich habe ihr aber auch durch den Medizinmann meine Meinung sagen lassen. Für was brächt' ich ihr denn die schönsten Opfer? Lass uns rauchen!  

B:      Wir befinden uns auf einem Kriegszug und haben deshalb das Kinnikinnik nicht bei uns. Und weshalb sollen wir beide rauchen, die wir schon Brüder sind? Lass lieber ein Wildbret herschaffen!  

A:      (beiseite) Nichts haben wir, kein Wildbret, keinen Fisch und keinen einzigen Gefangenen ausser einem politischen; den kann ich nicht abstechen lassen, weil er so politisch war und ist echappiert. Mit Kokosnuss, Pisang und Arekafisolen kann ich meinen Alliierten auch nicht traktieren, das essen bei uns die armen Leut, und selber braten lassen kann ich mich auch nicht. (Ruft zum Zelt hinaus) Warum schafft ihr kein Wildbret herbei? Für was habt's denn die Pfitschipfeil? (Zu B) Ich bin zu sanft für das Volk; zu selten, dass ich einen friss.  

B:      Ich werde einst in den ewigen Jagdgründen als grosser Häuptling herrschen, aber es muss noch eine lange Zeit verstreichen, bevor ich den Weg dorthin antrete. Zuvor muss ich verhindern, dass ein Weg für das Feuerross der Bleichgesichter durch unser Gebiet gebaut wird.  

A:      Na, ein bisserl a Fortschritt, da halt ich mich nicht auf dagegen, aber wie's mir zu dick kommen mit der Zivilisation, schmeiss ich sie alle ins Meer!  

B:      Wo bleibt das Essen???  

A:      (hat gesehen, dass ihm einer im Zelteingang verzweifelte Zeichen macht) Das Jagdglück hat uns den Rücken gekehrt; es muss einer einen Frosch im Sack haben, wir sind verkiebitzt, rein verhext! Ach, so ein Malheur war noch nie da. Meine Haus- und Hofehre kriegt einen Stoss, die politischen Folgen sind unausbleiblich!  

B:       (ungeduldig) Nun, wenn es nichts zu essen gibt, kommen wir gleich zur Sache! Es geht um die Apatschen. Die Hunde gehören nicht euch, sondern uns, und wir allein haben zu bestimmen, was mit ihnen geschehen soll. Wir werden sie nicht lange mit uns schleppen. Sie kommen an den Marterpfahl.  

A:      Nicht so eilig! Lass uns erst noch ein bisschen plauschen, erst über dieses und jenes, nachher von allem möglichen, und eh wir auf den eigentlichen Gegenstand kommen, sitzen wir beim Essen und denken an gar nix mehr.  

B:      (zieht sein Messer, stösst es bis ans Heft in die Erde und funkelt A drohend an) Legt nur eine Hand an einen einzigen der von uns gefangenen Apatschen, so werden eure Leiber sein wie diese Stelle, in der das Messer steckt. Ich habe gesprochen, Howgh!  

A:      (nun ebenfalls gereizt) Ist das schön, dass du mich da hofmeisterst vor meinen Wilden? Ich bin zwar der Sanftmütige, aber ich hab meine garstigen Stunden, und dann kann ich so z'wider sein . . .  

B:      Draussen steht Metan-akva, der stärkste Krieger meines Stammes, dessen Messer noch jeden Gegner gefressen hat! Der Feind stürzt unter seinem Stich wie vom Blitz getroffen nieder. Uff, uff!  

A:      Das ist mir ein charmanter Kriegsgesang!

Auflösung dieses Rätsels: A ist die Titelfigur aus Johann Nepomuk Nestroys «Häuptling Abendwind» (1862); B ist der Häuptling Tangua aus Karl Mays «Winnetou I» (1876).


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