EINMAL SAGTE ER von sich, er sei «ein unverdrossener Germanist, dem sein Metier gefällt». Der ist Peter von Matt zweifellos und wohl über den bei seinem Jahrgang - 1937 - absehbaren Abschied vom Lehrstuhl an der Universität Zürich hinaus. In der Selbstcharakterisierung steckt aber auch eine Prise Koketterie. Natürlich weiss von Matt, dass er in seinem Beruf eine Ausnahme ist. Seine Bücher über Literatur, insgesamt Erfahrungen eines besonders aufmerksamen und einfühlsamen Lesers, sind selber in Literatur verwandelte Lektüre.
Von Matt hält mit Selbstironie und Humor seinen didaktischen Furor in Grenzen und stellt seine Leser vor eigene Entscheidungen. Er ist ein Vor-Leser im Sinne von einem, der Vorschläge macht; er lässt seine Leser teilhaben an seinem Vergnügen an Entdeckungen, Widersprüchen und auch an seinem Staunen vor dem Geheimnis, das aus einem Gedicht mehr macht als die Summe der darin enthaltenen Wörter.
Von Matt sucht die Literatur, wo sie sich im Alltag versteckt, er befasst sich mit Themen wie «Kultur und Geschwindigkeit», der Abschaffung der Erinnerung, des Verschwindens der Zeit. Womit wir längst beim Wein wären und bei von Matts Bemerkung, seine «Kennerschaft in Sachen Wein halte sich in Grenzen».
Sie ist, wie sich vor einer Flasche 1990er Mazis-Chambertin von Rebourseau erweist, grenzenlos - wenn denn mit Kennerschaft etwas anderes gemeint sein soll als olfaktorische Analyse und das Brimborium, mit dem Öno-Freaks sich und entnervten Sommeliers ihre Auserwähltheit beweisen.
Dabei wollte von Matt, längst zum Bordeaux-Trinker und Anhänger des Sud-Ouest mutiert, nur einmal überprüfen, ob seine Erinnerung an das, was er als «Burgunder» einmal entdeckt hatte, trügt: das berauschende Bouquet, die Verbindung von Nachhaltigkeit, Vielschichtigkeit, Eleganz.
Nach zwei Stunden, nach zahllosen Abschweifungen - vom Trinklied in der deutschen Literatur bis zum Militärdienst im Tessin, von dem her von Matt als (längst revidiertes) Weinerlebnis fürchterliche Barberas und Merlots in Offenqualität in Erinnerung hat -, ist der Burgunder im Glas voll aufgeblüht: zumindest ein Echo jener Erfahrung, die er mit seiner Frau Beatrice, beide damals noch auf der Doppelliter-Chianti-Schiene, zur Feier des ersten Hochzeitstags beim Burgunder erlebt hatte. Nämlich «dass es ein Anderes gibt, das Höhere, die Differenz; vorher dachte ich, das spürst du gar nicht, was die Feinschmecker davon hermachen».
Wein braucht, nicht anders als Literatur, Zeit: bei der Herstellung, zur Entwicklung von Könnerschaft über Generationen hinweg; und bei dem, für den er gedacht ist, Kennerschaft: Aufmerksamkeit, Vergleichsmöglichkeiten, Gedächtnis.
Wie in aller Kultur steckt im Wein ein Widerstand gegen die Beschleunigung. «Das Verrückte dabei ist allerdings: Normalerweise hast du ja die Erinnerung, und das Ereignis ist weg. Beim Wein aber hast du einerseits die Erinnerung und anderseits die Möglichkeit der Wiederannäherung an das Erlebnis.»
Die Uhr in von Matts Wohnstube in Dübendorf schlägt mit feiner Glocke sieben. Der Wein bei Gotthelf bleibt unbesprochen (er wetterte gegen den Schnaps, nicht gegen den Wein), der Wein bei Keller (der etwas anderes war als der Treibstoff eines Trunkenbolds), der Wein bei Dürrenmatt (wo er, zentral im Leben, kaum zum Thema im Werk wurde).
Ein letzter Schluck im Glas, ein langsames Decrescendo im Gaumen, ein Nachklang in der ins leere Glas versenkten Nase. Auch dieser Mazis-Chambertin ist Erinnerung. Verweile, Augenblick.