|
|
NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...? Inhaltsverzeichnis
Von Teufel bis Zangengeburt
Teufel Herr der Finsternis. Eine nachdrückliche Warnung vor den Umtrieben dämonischer Mächte ist im ersten Petrusbrief der christlichen Bibel nachzulesen: «Seid nüchtern und wachsam, denn euer Widersacher, der Teufel, streift umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.»
Ich habe die Warnung noch immer im Ohr, weil sie an Sonntagen im Priesterseminar auf Latein vorgesungen wurde, während des liturgischen Nachtgebets. Das ist fünfzig Jahre her, und mittlerweile ist meine theologische Skepsis in Bezug auf dogmatische Wörtlichkeit gewachsen. Der «Katechismus der katholischen Kirche» aus dem Jahre 1993 sagt, dass die Macht Satans zwar nicht unendlich sei, jedoch «schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft» bringe. Die Frage, warum der liebe Gott das geschehen lasse, müsse offenbleiben. Aber was macht der Teufel heute? Viel ist es nicht, was die katholische Lehramtlichkeit über das Herz der Finsternis zu berichten weiss. Sehr zurückhaltend verhält sie sich, wenn es um konkrete Teufelsaustreibungen geht. In der Form des offiziell nach wie vor gebilligten «Grossen Exorzismus» dürfen sie nur von einem Priester und mit ausdrücklicher Erlaubnis des zuständigen Bischofs passieren, sofern die Psychiater ratlos sind.
Ein Beispiel: Eine junge Bäuerin aus Italien, so ein Gutachten des sprachwissenschaftlichen Instituts der Universität Rom, habe 2003 während eines Exorzismus stundenlang und grammatikalisch korrekt in acht Sprachen geflucht, darunter im West-Aramäischen, der längst verschwundenen Muttersprache Christi. Pater Gabriel Amorth, 82 Jahre alt und in Rom tätig, hat das Gutachten erbeten und erhalten. Er gilt als graue Eminenz der katholischen Exorzisten in aller Welt. Wie zu hören ist, haben sie gegenwärtig besonders viel in Turin und Mailand zu tun. Warum, weiss der Teufel.
Wenn ich zu meinem persönlichen Teufel vordringen möchte, brauche ich nur an bestimmte Träume zu denken, in denen mich der erzböse Feind verhöhnt hat und aus denen ich mit Angstgefühlen erwacht bin. Deshalb verstehe ich den Rat des ersten Petrusbriefs, dem Teufel «im Glauben» Widerstand zu leisten. Den Rest überlasse ich gern dem psychotherapeutisch geschulten Personal des heutigen Gesundheitswesens. Adolf Holl
Tommy-Tätowierung Pamela Andersons Relikt aus der Beziehung zu Tommy Lee. Nachdem sich die Schauspielerin Pamela Anderson von Mötley-Crüe-Schlagzeuger Tommy Lee getrennt hatte, liess sie ihre Tätowierung auf dem Ringfinger von «Tommy» in «Mommy» ändern. Reto U. Schneider
Traber, Walter Erster Reality-TV-Star der Schweiz. Im August 1989 machte das Schweizer Fernsehen ein Überlebensexperiment: Für die Sendung «Steinzeit-Survival» sollten sechs Freiwillige zwei Wochen vor laufender Kamera in einem kleinen Waldstück im Jura verbringen. Sie ernährten sich von dem, was der Wald ihnen bot, machten selber Feuer und bauten Hütten. Der Elektriker Walter Traber («Steinzeit-Walti») wurde durch die Sendung schweizweit berühmt.
«Was passierte, als die Sendung vorbei war?»
«Die Leute kannten mich, Journalisten kamen zu mir, ich war auf dem Cover der <Schweizer Illustrierten>. Das wurde bald bemühend. Jeder schlug mir auf die Schultern, jeder wollte mir einen ausgeben und stellte eine dumme Frage: <Habt ihr wirklich Würmer gegessen?>»
«Sie hatten nicht damit gerechnet?»
«Nein, ich war völlig naiv. Die Medien machten aus mir den <guten Typ>, der in den Sensationsjournalismus hineinpasste. Mein Ziel war es nicht.»
«Sie haben auch viele Briefe von Frauen bekommen.»
«Ich habe viele Briefe von Menschen bekommen. Frauenbriefe haben die Medien daraus gemacht. Viele Menschen suchten eine Identifikationsfigur.»
«Der Survival-Spezialist Rüdiger Nehberg hat Ihnen nach der Sendung angeboten, mit ihm nach Brasilien zu reisen.»
«Ich habe abgelehnt, weil ich eine solche Reise nicht als meine Lebensaufgabe betrachtete. Ich bekam auch Angebote aus der Werbung: Autos, Fischstäbchen, Mars mit Pirmin, den Sugus-Cowboy sollte ich spielen.»
«Ist etwas daraus geworden?»
«Ich hatte einige Auftritte in Outdoorbekleidung, so quasi als Modell.»
«Haben Sie erwogen, bei späteren Reality-Shows wie <Big Brother> oder <Robinson> mitzumachen?»
«Nein. Das war ganz klar. Ich habe es auch abgelehnt, für das Fernsehen mit Dölf Ogi aufs Matterhorn zu steigen.»
«Was geschah sonst mit Ihnen in den letzten 16 Jahren?»
«Was damals bei Zuschauern zu einer Identifikation mit mir führte, ist heute für mich klarer erkennbar. Wie soll ich es ausdrücken - der geneigte Leser versteht das: die philosophische Fakultät der Barmherzigkeit. Diese Gesinnung trage ich in mir. Vielleicht war es das, was die Zuschauer damals erkannt haben. Es waren nicht meine Augen oder meine Stimme.»
«Sie klingen wie jemand, der auf der Suche ist.»
«Nein, der gefunden hat.»
«Das klingt esoterisch.»
«Wie auch immer, ich bin sehr realitätsbezogen.»
«Zum Zeitpunkt der Sendung waren Sie Elektriker.»
«Ja, ich habe dann eine berufsbegleitende Ausbildung als Qualitätssystemauditor absolviert. Ich überprüfe die ISO-Zertifizierung von Unternehmen.»
«Und heute?»
«Ich habe meine Stelle verloren und bin auf der Suche nach einer neuen Aufgabe.» Reto U. Schneider
Tschernobyl-Verstrahlung Kann man eigentlich nach Tschernobyl wieder Pilze essen? Am 26. April 1986 geschah in Tschernobyl das, was so beunruhigend harmlos GAU genannt wird, grösster anzunehmender Unfall. Als der Vorfall bekannt wurde und radioaktiver Ausfall in einer Wolke in Richtung Westen zog - die Schweiz erreichte sie am 30. April -, war in den Medien eine Zeitlang viel über die sogenannte Halbwertszeit zu lesen. Die Zeit also, die es dauern würde, bis die Cäsium-Belastung von Milch, Pilzen, Wildtieren, Salatköpfen sich halbiert hätte.
War es Panikmache, dass die Medien damals schrieben, auf Jahre, Jahrzehnte wären bestimmte einheimische Nahrungsmittel nun verstrahlt?
Als Konsequenz von Tschernobyl wurde vom 3. September 1986 bis zum 9. Juli 1988 die Fischerei im Luganersee verboten. Ausserdem wurde Schwangeren, Stillenden und Kleinkindern empfohlen, bis Mitte Mai auf frische Milch, frisches Gemüse sowie Zisternenwasser zu verzichten; und bis August 1986 sollte auf den Konsum von Schafmilch und Schafkäse aus dem Tessin und den Bündner Südtälern verzichtet werden - diese Gebiete waren durch Regenfälle am meisten belastet.
In Gras und Milch haben die 137-Cäsium-Werte seit 1986 deutlich abgenommen, etwas langsamer in Wildfleisch und Wildpilzen. Aber Spuren des langlebigen Cäsium 137, dessen Halbwertszeit bei dreissig Jahren liegt, sind heute, knapp zwanzig Jahre danach, deutlich nachweisbar, vor allem im Tessin. Aus dem Jahresbericht 2004 der Abteilung Strahlenschutz des Bundesamts für Gesundheit in Bern geht hervor, dass der Cäsium-137-Gehalt bei der Kuhmilch meist unter der Nachweisgrenze lag - «mit einer Ausnahme: Eine Milchprobe aus dem Tessin wies noch 9 Bq Cäsium 137 pro Liter auf».
Bei den einheimischen Pilzen hatten Röhrlinge und Zigeunerpilze letztes Jahr noch geringfügig erhöhte Werte bis 160 Bq Cäsium 137 pro kg Frischgewicht, mit abnehmender Tendenz. Der Toleranzwert von 600 Bq pro kg wurde auch bei importierten Pilzen nicht mehr überschritten. Auch beim Wild haben die Cäsium-137-Werte abgenommen. Abgesehen von diesen Ausnahmen hat der Gehalt an künstlicher Radioaktivität in den Grundnahrungsmitteln bereits ab 1987 deutlich abgenommen und ist heute meist nicht mehr nachweisbar.
Was für ein Glück, dass keine relevanten Mengen Plutonium 239 weit verbreitet wurden: Das hat nämlich eine Halbwertszeit von rund 24 000 Jahren. Johanna Adorján
Upali Elefäntli aus dem Zürcher Zoo. Wäre Upali als Mädchen geboren worden, lebte er vermutlich noch immer auf dem Zürichberg.
Am 14. November 1994 um 3 Uhr 15 nachts brachte die Elefantenkuh Ceyla im Zürcher Zoo den Elefantenjungen Upali zur Welt. Upali war bereits das dritte Kind der 1975 in Sri Lanka geborenen und ein Jahr später nach Zürich transferierten Ceyla. Die Freude über den Zuwachs in der Zuchtgruppe der Asiatischen Elefanten wurde bald schon von Sorgen überschattet. Ceyla hatte die Eigenart, ihr Baby beim Säugen zu stören, indem sie den Säugling mit dem Ellbogen schikanierte, wann immer er bei ihr trinken wollte. Hatten die beiden älteren Schwestern Komali und Panang die mütterliche Marotte mit Gleichmut ertragen, resignierte Upali bald schon und zog sich zurück. Anstatt an der nährenden Mutterbrust nuckelte der hungrige Kleine am eigenen Rüssel, bis sich dort ein böser Abszess bildete.
Nach sechs Wochen war Upali stark abgemagert und wartete apathisch auf sein frühes Ende. So entschlossen sich die Tierpfleger, den Kleinen mit der Flasche grosszuziehen. Eine Mischung aus Tee, Reisschleim und Rahm, die schon bei der Aufzucht seiner Mutter mit Erfolg eingesetzt worden war, löste bei Upali leider starken Durchfall aus. In einem Wettlauf gegen die Zeit probierte das Zürcher Team verschiedene Milchrezepte aus. Mittlerweile war der arme Upali nur noch Haut und Knochen. Erst die Idee, Kälbermastmilch einzusetzen, war erfolgreich. Jetzt trank Upali von morgens bis abends alle zwei Stunden einen Zwei-Liter-Schoppen. Langsam nahm das Elefäntlein an Gewicht zu.
Upali entwickelte sich prächtig. Da er trotz der schwierigen Babyzeit immer bei seiner Mutter und der Elefantengruppe geblieben war, wuchs er problemlos in die subtile Elefantenhierarchie hinein. Über der Idylle schwebte allerdings ein für die Zürcher Upali-Freunde trauriges Vermächtnis: Der Vater von Upali, der seit 1981 im Zoo Zürich amtierende Zuchtbulle Maxie, hatte früher einem gewissen Roger Cowly gehört. Und die Zürcher konnten Maxie damals nur mit der Klausel kaufen, dass das erste Bullenkalb dereinst Cowly gehören solle. Upali war kaum ein Jahr alt, da meldete sich Cowly und bestand auf Erfüllung des Vertrags. Zwar gelang es dem Zürcher Team, den Abschied ihres Lieblings mit allerlei Argumenten hinauszuzögern. Am 14. Mai 1997 musste der nun zweieinhalbjährige Upali schliesslich doch seine Elefantenfamilie verlassen und die Reise nach England an den Zoo Chester antreten, wohin Roger Cowly ihn verkauft hatte.
So traurig der Abschied war: der neue Ort entpuppte sich für Upali als Glücksfall. Sowohl die Tierpfleger als auch die Bevölkerung von Chester schlossen ihn in ihre Herzen. Mittlerweile ist Upali bestens in seine Adoptivfamilie integriert. In Chester sorgte seit zwölf Jahren der Zuchtbulle Chang für wackeren Nachwuchs. Am 8. Mai 2005 schickte man Chang nach Frankreich in den Tierpark von Le Pal zu einer Gruppe von vier Weibchen. Damit avancierte der mittlerweile elfjährige Upali in Chester zum neuen Herrscher über den Elefantenharem. Da ein Elefantenbulle ab acht Jahren geschlechtsreif ist, die volle Körpergrösse jedoch erst mit zwanzig Jahren erreicht, hat Upali noch eine lange Männerzeit vor sich. Herbert Cerutti
Voyager 1 Am weitesten von der Erde entferntes von Menschen gebautes Objekt. Die Raumsonde Voyager 1 wurde am 5. September 1977 ins All geschossen. Sie passierte Jupiter und Saturn und trieb dann mit 17 Kilometern pro Sekunde in die Leere des Alls. Voyager 1 ist zurzeit 14,6 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt - das Hundertfache der Distanz Erde-Sonne - und somit weiter als je ein anderes von Menschen gebautes Objekt.
Obwohl beide Sonden nur für eine Betriebszeit von vier Jahren ausgelegt waren, liefern die Nuklearbatterien auch heute noch Strom für die Messgeräte. Die Forscher hoffen, dass ihnen Voyager 1 und die Schwestersonde Voyager 2 noch bis ins Jahr 2020 aus den Tiefen des Alls berichten werden.
Auch für den Fall, dass die Sonden auf Ausserirdische treffen sollten, ist vorgesorgt. Sie führen je eine vergoldete Schallplatte «Sounds of Earth» mit sich: Grüsse in 55 Sprachen, 35 Geräusche vom Froschgequake, Gorillagebrüll und einem menschlichen Kuss bis zum Lärm von Traktoren und Düsenflugzeugen sowie Musik von der Bach-Fuge bis zu Louis Armstrong sollen den Planeten Erde akustisch dokumentieren. Den Plattenspieler müssten sich die Aliens allerdings selber basteln. Netterweise hat die Nasa auf der Rückseite der Platte eine Bauanleitung aufgedruckt. Herbert Cerutti
Waldsterben Umweltbedrohung in den 1980er Jahren. An Heiligabend am Christbaum die Lichter anzünden - im Jahr 1983 ging das nicht ohne schlechtes Gewissen. Nicht weil in der Dritten Welt Kinder verhungerten, sondern weil im Wald angeblich die Tannen starben. «Schweizer, verzichtet auf den Weihnachtsbaum!» hatten grüne Parteien damals im Nationalratswahlkampf gefordert. In der «Basler Zeitung» wurde räsoniert, dass ein Weihnachtsbaumverzicht zwar gut gemeint sei, das Waldsterben aber leider nicht verhindere. Der befragte Kantonsoberförster empfahl, am Christbaum eine Tafel aufzuhängen: «Der Wald bittet um Schutz.» Ein Göttinger Bodenforscher hatte 1981 die Prognose gestellt, dass binnen fünf Jahren die ersten Wälder tot sein würden. Plötzlich auftretende Waldschäden - vielleicht durch einen schnellen Kälteeinbruch im Winter 1979 verursacht - wurden mit der Luftverschmutzung in Verbindung gebracht.
Wies ein Wissenschafter oder Politiker darauf hin, dass die Sache mit dem Baumsterben vielleicht doch nicht so eindeutig sei, manövrierte er sich rasch ins Abseits und wurde als Lobbyist der Autoindustrie gebrandmarkt. Man hatte gefälligst demütig zu glauben, dass der Mensch mit seiner Lebensweise den Wald - ein zentrales Element der deutschen Romantik - töte. Das Ganze war eine deutschsprachige Angelegenheit: Die Franzosen redeten von «le waldsterben», ohne die Sache richtig ernst zu nehmen.
Der Wald ist nicht gestorben. Auch wenn ihm die schlechte Luft zu schaffen macht, lebt er weiter - und wie: Jährlich breitet er sich in der Schweiz um die Fläche des Thunersees aus. Wir wissen heute: Früher schaute man falsch in den Wald. Auch die Schweizer Sanasilva-Beobachtungen zeigten schliesslich, dass verlichtete Kronen kein tödliches Symptom sind und dass man zu Unrecht natürliche und regional unterschiedliche Entwicklungsphasen zu Horrorszenarien extrapoliert hatte. Der Begriff «Waldsterben» lebt aber weiter; kaum mehr als Argument der Umweltschützer, sondern der Beschwichtiger: Mit dem Verweis auf das fälschlicherweise angenommene Waldsterben wird mitunter versucht, Umweltprobleme kleinzureden. Davide Scruzzi
Wallraff, Günter Deutscher Enthüllungsjournalist, hat sich in Fabriken als Türke ausgegeben und bei «Bild» als Reporter eingeschlichen.
In den 1980er Jahren enthüllten Sie die Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter in der BRD. Was hat Ihr Buch bewirkt?
An den Tatorten viel, die illegalen Arbeiter etwa sind fest eingestellt worden, vor allem aber hat sich so etwas wie ein gesellschaftliches Gewissen gebildet. Aber nicht nachhaltig. Man müsste alle paar Jahre so ein Schwarzbuch veröffentlichen
Haben Sie es noch einmal versucht?
Ja, ich wollte auf eine Grossbaustelle im Regierungsviertel. Da schaffen illegale Ostarbeiter für zwei Euro die Stunde. Aber ich wurde abgelehnt, weil ich zu alt bin.
Sie sagten mal: «Ich muss mich in die Rolle der Opfer unserer Gesellschaft begeben, um über ihre Situation schreiben zu können.» Wer sind heute die Opfer?
Die Opfer sind immer die Minderheiten, heute sind das zunehmend alte oder kranke Menschen, kinderreiche Familien, in denen sich die Armut vererbt, Langzeitarbeitslose - alle, die nicht mehr im Produktionsprozess sind.
Wer sind die Täter?
Die sind schwieriger auszumachen. Nicht alle stellen ihr asoziales Schmarotzertum so überdeutlich zur Schau wie etwa Jo Ackermann. Auch sind es nicht immer Einzelne, die Verantwortung tragen. Unser Gesellschaftssystem ist nur noch auf Mehrwert, auf Prestige ausgerichtet. Menschen werden danach bewertet, was sie repräsentieren, und nicht mehr danach, was sie wirklich sozial verantwortlich leisten oder auch erleiden. Oft sind Täter gleichzeitig Opfer: Angestellte haben Angst um ihren Arbeitsplatz und geben den Druck nach unten weiter.
In welche Rolle würden Sie heute schlüpfen, um solche Missstände aufzudecken?
Ich könnte mich zum Beispiel unter die Täter mischen und in die geschlossenen Gesellschaften der Superreichen vordringen. Sie müssen nur so ein Blatt wie die «Bunte» aufschlagen, um zu sehen, welcher Abschaum sich da selbst feiert.
Warum haben Sie sich nie unter Manager begeben?
Ich habe es mal bei IBM versucht, es ist mir aber nicht gelungen. Bei «Bild» hätte ich es damals wohl bis in die Chefredaktion geschafft, wurde aber vorzeitig verraten.
Wie sehen Sie «Bild» heute?
Lassen Sie mich die «FAZ» zitieren - die nun wirklich nicht im Verdacht steht, zu strenge Massstäbe anzulegen, und die politisch ja mit den Interessen des Springer-Konzerns verbandelt ist, die nach einer Langzeitbeobachtung feststellte: «Bei <Bild> handelt es sich immer noch um ein entsetzliches, menschenverachtendes Blatt.» Dem kann ich nur zustimmen.
Woran glauben Sie heute nicht mehr, woran Sie vor 15 Jahren noch geglaubt haben?
Ich tue einfach immer noch so, als sei alles möglich, das ist meine Lebenshaltung, sonst könnte ich einpacken.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
Ich plane eine erneute Reise in das Amazonasgebiet, es geht vor allem um die Abholzung des Regenwaldes. In einem anderen Projekt versuche ich, ein Krankenhaus in Tschetschenien mit aufbauen zu helfen.
Und privat?
Ich war immer ein abwesender Vater. In letzter Zeit bin ich mehr mit meinen Kindern zusammen. Das tut mir gut. Mikael Krogerus
Wolf, Markus Legendärer Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes, führte 4000 Agenten, die an Schaltstellen der Macht in Westeuropa sassen. Er galt als einer der effektivsten Spione im Kalten Krieg. Bis 1986 war Markus Wolf Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes «Hauptverwaltung Aufklärung». Einer seiner Agenten war BRD-Kanzleramtschef Günter Guillaume. Als der 1974 entlarvt wurde, musste Kanzler Willy Brandt zurücktreten. Bis zur zufälligen Enttarnung 1978 in Stockholm galt Markus Wolf als «Mann ohne Gesicht». Markus Wolf ist heute 82 Jahre alt und lebt als Autor in Berlin.
Wie schwer fiel es Ihnen, in Rente zu gehen?
Mir ist der Ausstieg aus dem Nachrichtendienst nicht schwer gefallen, das Schreiben hat die Leere gefüllt. Immerhin habe ich sechs Bücher veröffentlicht, deren Erfolge mir über die Anfechtungen nach der politischen Wende hinweghalfen. Von meiner Rente allein könnte ich nicht leben. Die Mitarbeiter der Staatssicherheitsdienste sind die Einzigen, die heute noch weit unter einer Mindestrente leben müssen. Eine Art Rentenbestrafung. Aber ich habe immer noch Freunde.
Was ist dran an dem jüngsten Gerücht, dass Sie für die Amerikaner ein Spionagenetz aufbauen werden?
Nichts. Unmittelbar nach dem Mauerfall bekam ich ein Angebot von der CIA, die Seiten zu wechseln. Ich hätte dafür Namen ehemaliger Mitarbeiter preisgeben müssen. Das entsprach nicht meinen Vorstellungen.
Sie gelten nach wie vor als einer der wenigen Geheimdienstchefs mit Weltgeltung. Ohne Ihre Agenten wären Sie nie so weit gekommen. Haben Sie zu denen heute noch Kontakt?
Ja, erst kürzlich gab es eine grössere Zusammenkunft mit vielleicht zwanzig oder dreissig Spitzenquellen, die sehr erfolgreich im Westen für uns arbeiteten. Das war sehr emotional.
Ein Familientreffen der besten Agenten des Kalten Kriegs?
Es gibt immer noch einen Zusammenhalt zwischen den ehemaligen Kundschaftern. Einige leiden an den Folgen ihrer Haftzeit oder kommen noch immer nicht mit den Folgen des doppelten Lebenslaufs oder der Täuschung zurecht. Nehmen Sie die «Romeo-Fälle» - ein Begriff der Medien -, da gab es natürlich auch grosse Enttäuschungen. Es gab aber auch echte Liebe. Und Ehepaare, die vorher nicht heiraten konnten, weil das die Tätigkeit nicht zuliess, kamen zu unseren Treffen mit ihren zum Teil schon erwachsenen Kindern. Aber das passt alles nicht in die Klischees, die ja doch sehr stark verbreitet sind
Kennen Sie noch sogenannte Schläfer, die jederzeit wieder aktiviert werden könnten?
Ich sehe bei keinem oder keiner überhaupt die Möglichkeit oder den Sinn einer Wiedererweckung.
Was ist mit den ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern, die der Zeit vor 1989 nachtrauern? Würden die für ihre verlorenen Ideale weiterarbeiten?
Sicher wird es solche geben. Ich sehe mehr diejenigen, die jetzt aus diesem Grunde versuchen, sich politisch zu engagieren. Jene, denen die PDS zu weit rechts steht, also zu reformistisch, nicht revolutionär genug ist, suchen sich dann andere Tätigkeiten in linken Parteien, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Italien oder Belgien.
Vor kurzem sollen Sie sich mit ehemaligen Geheimdienstchefs der Warschauer Vertragsstaaten und der USA getroffen haben.
Das stimmt. Der kroatische Geheimdienst hatte zu einem solchen Treffen geladen. Da haben neben drei ehemaligen CIA-Direktoren auch Kroaten, Franzosen, Israeli und Russen teilgenommen. Wir haben über Terrorismusfragen referiert, über politische Haltungen. Unsere Arbeit für die Geheimdienste brachte es mit sich, die Fähigkeit zum analytischen und auch zum ideologiefreien Denken zu entwickeln. Bei einer ähnlichen Gelegenheit habe ich im Gespräch mit Rafael Eitan, dem israelischen Eichmann-Entführer vom Mossad, festgestellt, dass wir uns in der Bewertung bestimmter Dinge viel schneller verstehen können, als wenn wir mit ehemaligen Politikern aus unseren Ländern zusammenkämen.
Was wissen Sie über deutsch-deutsche Geschichte, was wir alle noch nicht wissen?
Ich rede oder schreibe auch heute noch nicht über alles, was ich im Gedächtnis habe. Marc Kayser
Zangengeburt Massnahme bei der Geburt. Antike, arabische und mittelalterliche Autoren kannten noch keine Zangen, mit denen bei Komplikationen das Kind unversehrt aus dem Geburtskanal gezogen werden konnte. Die beiden zangenähnlichen Instrumente, über die der Zürcher Stadtschnittarzt Jacob Rueff 1553 in seinem «schön lustig Trostbüchle» schrieb, waren zweifellos Instrumente zur Extraktion von toten Kindern.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gelang einem Vertreter der englischen Ärztedynastie Chamberlen die Erfindung der Geburtszange, die über mehrere Generationen als Geheimnis gehütet wurde. Um den Eindruck einer komplizierten Maschine zu erwecken, wurden die Zangen in einer grossen Kiste in den Geburtsraum transportiert, zudem verbanden die Chamberlens der gebärenden Frau die Augen. Ihre Zange war äusserst zweckmässig: Sie war platzsparender als die Hand des Geburtshelfers, legte sich harmonisch an den Kopf des Neugeborenen an und besass gefensterte Hälften, die getrennt eingeführt werden konnten. Mitte des 18. Jahrhunderts modifizierte André Levret in Paris die Zange, indem er die Beckenkrümmung berücksichtigte und so Dammrisse verhinderte. Sein Londoner Kollege William Smellie gestaltete das Instrument handlicher und bekleidete die Löffel mit Leder.
Über instrumentelle beziehungsweise «natürliche» Entbindung tobte um 1800 ein Streit zwischen dem zangenfreudigen Friedrich Benjamin Osiander in Göttingen und dem vorsichtigeren Lucas Johann Boër in Wien. Fast jeder Geburtshelfer, der etwas auf sich hielt, trat in den folgenden Jahrzehnten mit eigenen Modellen an die Öffentlichkeit.
Noch bis in die 1970er Jahre erlernten Ärzte den Umgang mit der Geburtszange. Mit der Einführung der Vakuumextraktion (1952) und wegen der Zunahme der Entbindungen durch Kaiserschnitt verlor die Zange viel von ihrer Bedeutung. Christoph Mörgeli
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|