«MATER SEMPER CERTA EST» - wer die Mutter ist, steht immer zweifelsfrei fest. Diese Misstrauenskundgebung an die Adresse der Frau verweist auf ihr doppeltes Wesen. Zuverlässig ist - in Zeiten der Reproduktionsmedizin allerdings relativiert - nur ihre Biologie. Ihrem Verhalten ist nicht zu trauen. Der Mann weiss: Nur mit totaler Kontrolle der Frau besteht Gewissheit über seine Vaterschaft. Glaubte man an die Frau als willensgesteuerte Kreatur, traute man ihr Selbstkontrolle zu. Unterstellt man ihr Triebhaftigkeit, bleibt nur Fremdkontrolle. Die übt der Mann aus. Und das tut er am erfolgreichsten im durch Religion und Gesetz reglementierten Raum «Ehe».
Gefühl, Sexualität und Verstand zum Gleichklang zu bringen, bleibt schwierig. Liebe sträubt sich dagegen, Pflicht zu werden. Sie ist, wie nicht nur Carmen wusste, ein unzähmbares Kind der Bohème. Ihre Regeln setzt sie selber. Gedeiht Liebe nicht im Korsett, so versucht sie doch ihrerseits mitunter, Macht über das Objekt ihrer Begierde auszuüben, und wehe, wenn dieses dem Zauber widersteht und nicht zurückliebt.
Man könnte einen endlosen Reigen von Figuren der Weltliteratur vorbeiziehen lassen, um zu illustrieren, dass Liebe sich nicht an Schranken von Klasse, Rasse oder Geschlechtszugehörigkeit hält. Sie handelt auch dem Strafgesetz zuwider. Die Nähe von Liebe und Kannibalismus ist nicht nur dem Volksmund geläufig, der Liebende sich «zum Fressen gern» haben lässt. Penthesilea hat damit ernst gemacht. Aus Leidenschaft werden die sich verweigernden Auserwählten getötet, Rivalen und Angetraute, die das ersehnte Zusammenkommen vereiteln, beseitigt. Auch Inzest ist für die Liebe kein Tabu. Und Travestie ist ihr behilflich, Verstösse gegen die Schicklichkeit zu tarnen.
All dies ist nicht die Norm. Die Norm ist zurzeit die Gattenliebe. Dass die von Staat und Moral verordnete heterosexuelle Zweierbeziehung der einzige Ort der echten (das heisst legitimen und gottgefälligen) Liebe zu sein habe, ist als Postulat noch nicht sehr alt. Die Erfindung des «amour conjugal» ist Frucht des Kultes ums Individuum, der im 19. Jahrhundert erst so richtig zu blühen begann. Nicht mehr die Heiratsgründe - wirtschaftliche, dynastische - sollen ausschlaggebend sein, allein der Heiratswunsch als Ausdruck der freien Entscheidung zählt. Das Gefühl soll nicht in Widerspruch zur Vernunft geraten und in amourösen Abenteuern ein Ventil suchen müssen, sondern mit ihr gleichziehen. Der Ideal- und Glücksfall - die Kongruenz von Ehe und von Liebe in all ihren Dimensionen - sollte zum Normalfall werden. Das geht nur mit beachtlicher Investition in die Imagepflege des Instituts Ehe, mit seiner ideologischen Aufmöbelung. Der Renaissance-Philosoph Michel de Montaigne hatte in seinen «Essais» Ende des 16. Jahrhunderts noch klar gesehen: «Eine gute Ehe, wenn es deren gibt, entzieht sich der Dazwischenkunft und des Bedingnisses der Liebe.»
Wird Natur der Frau, Kultur dem Mann zugeordnet wie in einer freilich nicht mehr unangefochtenen anthropologischen Sicht, so ist die Ehe in erster Linie ein Disziplinierungsinstrument für das weibliche Geschlecht. Dass der Grossteil der Scheidungsbegehren von Frauen eingereicht wird, zeigt, dass die Ehe ihren Ansprüchen an das Leben immer weniger genügt. Sigmund Freud stellte zu Beginn des Jahrhunderts fest: «Der Gatte ist sozusagen immer nur ein Ersatz des geliebten Mannes und nie dieser selbst.»
Ist der Ausbruch aus der Ehe also eine «natürliche» Gegenwehr? Friedrich Nietzsche schrieb in seiner 1885 erschienenen Sammlung von Reden und Polemiken «Also sprach Zarathustra»: «So sprach mir ein Weib: -Wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe mich.?» Die Faszination der Leser für Dreiecksgeschichten mit tragischem Ausgang hat Denis de Rougemont in seiner Abhandlung «Die Liebe und das Abendland» 1939 damit erklärt, dass sie Ausdruck einer Revolte sei gegen die ethischen, moralischen und zivilen Gesetze und die damit verbundene Unterdrückung der polygamen Veranlagung.
Bereits die Bergpredigt verbietet «Ehebruch», sie gebietet aber nicht, dass Ehe ein Bund der Liebe sei. Der Mann hat Verantwortung für die Frau, er darf sie nicht wegschicken, es sei denn «wegen Unzucht»; wer aber eine «Entlassene» heiratet, begeht Ehebruch. Dass die Frau den Mann wegschicken kann, davon ist im Neuen Testament nicht die Rede. Dem Sakrament der unauflöslichen monogamen Ehe zum Trotz sah die Lebenspraxis stets anders aus: Wilde Ehen, aussereheliche sexuelle Beziehungen, Inzest lebten weiter. Doch nicht die Gefühlsverirrung störte Behörden und Gerichte an der normwidrigen Lebensführung, sondern die allgemeine Unübersichtlichkeit und ihre Folgen: die wild gezeugten Kinder, die dem Staat zur Last zu fallen drohten. Eheverbot für Mittellose, Landesverweis für uneheliche Mütter gehörten noch bis in nicht allzu ferne Vergangenheit zu den Disziplinierungsmassnahmen. Nicht verbieten liessen sich Liebe und Sexualität. Aber das Sexualleben der Bevölkerung war nur durch Selbstkontrolle regulierbar. Die Überzeugung, die Ehe sei der einzige Ort der erfüllten Liebe, musste, da die Gesetze versagten, mittels Vorbildern eingeübt werden.
Dynastiebewusste Familien pflegten traditionsgemäss ein Heiratsverhalten, das den Besitzstand wahrte und mehrte. Das herrschende Gefühl in der Ehe war Pflichtgefühl, Liebe ein Glücksfall und sehr oft ausserehelich. Aussereheliche Liebe, so will es eine bis heute verbreitete Doppelmoral, ist besser als eine «aus Liebe» eingegangene Mesalliance mit all ihren Folgen: Enterbung, gesellschaftliche Ächtung, Risiko der sozialen Degradierung auch der Nachkommen. Soll die Liebesehe nicht als Mesalliance diffamiert werden, ist die Gleichwertigkeit der Partner Voraussetzung. Jeder von ihnen müsste für sich allein bestehen können.
Mit dem Anwachsen der Mittelschicht und der Emanzipation der Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnt der Faktor Liebe immer mehr Bedeutung für den Verlauf der Biographie. Freie Partnerwahl mindert den - vertikalen - Einfluss der Herkunftsfamilie, stärkt aber die horizontalen Bindungen. Weg vom schicksalsbestimmenden Elternhaus begeben sich die jungen Menschen, ihrem Gefühl gehorchend, in selbstgewählte Beziehungen.
Die so gewonnene Autonomie kommt allerdings vor allem dem Mann zugute, denn jetzt tritt an die Stelle der Generationenhierarchie der Grossfamilie die Geschlechterhierarchie der Ehe. Während der junge Ehemann dem Diktat von Vater und Schwiegervater entwachsen ist, hat sich die junge Ehefrau als Folge der «Liebesehe» eine neue Abhängigkeit eingehandelt: die von ihrem Mann. Und die Inhalte von «Liebe» in der Liebesehe sind nicht für beide Geschlechter dieselben: der Mann begründet seine Ernährer- und Beschützerrolle ebenso mit Liebe wie die Frau die Erfüllung ihrer Pflege- und Reproduktionspflichten. Romeo und Julia, Tristan und Isolde - sie wären überfordert gewesen, hätten sie ihre schicksalshafte Leidenschaft in einer bürgerlichen Liebesehe leben müssen.
Diese lässt, obwohl sie beiden Partnern angeblich dieselben Ausgangschancen gibt, bald die Geschlechtsunterschiede markant hervortreten. Die Institution Ehe ist noch immer - egal wie fortschrittlich ein Eherecht sein mag - mit Rollenerwartungen verbunden. Und sie birgt das Versprechen auf Nachkommen, auf dessen Erfüllung der Erwartungsdruck der Umgebung lastet. Nicht zuletzt darum, weil sie dieses Versprechen nicht in sich tragen, sind homosexuelle Partnerschaften suspekt. Gleichgeschlechtlichen Paaren werden denn auch Rechte verwehrt, die heterosexuelle Paare geniessen: Adoption zum Beispiel und - lesbischen Paaren - die künstliche Insemination.
Die Ideologie der heterosexuellen Lebensgemeinschaft basiert noch immer stark auf der Fortpflanzung, selbst wenn immer mehr Ehepaare kinderlos bleiben (wollen). Werden uneheliche Kinder den ehelichen gleichgestellt, nimmt in der Regel die Zahl der ausserehelichen zu. Eheschliessung zwecks Mutter- oder Vaterschaft ist nicht mehr automatisch rationales Verhalten. Attraktiv bleibt die Ehe weiterhin für den Mann: als Servicestation. Am Festhalten an der Institution Ehe sind denn auch vor allem die Männer interessiert. Wen wundert's? Verheiratete Männer leben besser und länger als alleinstehende. Vor allem bei Frauen mit Mehrfachbelastung verhält sich das anders.
Anderseits kommt die Ehe als Lebensform auch manchen Frauen zupass. Nicht nur wächst die konsumkräftige Klasse der «Dinks» (Double income no kids), viele Frauen pochen nach wie vor auf die traditionellen Rollenmuster und nehmen ihre Männer nur allzu gerne als Familienernährer in die Pflicht. Das Lebensmuster Ehe als Prototyp des gesellschaftlich anerkannten Daseins scheint in einer Zeit härterer Verteilungskämpfe auf dem Arbeitsmarkt für das weibliche Geschlecht wieder attraktiver zu werden. Bewegung in die Geschlechterbeziehung kommt von jenen zahlreichen Frauen, die sich - wohl gerade wegen der langen Anlaufstrecke - in den vergangenen Jahrzehnten dynamischer entwickelt haben als die Männer. Sie sind es, die in der Mehrzahl der Fälle eine Ehe beenden. Sie sind es auch, die oft eine solche gar nicht erst eingehen wollen.
Doch an Versuchen, die Institution zu retten, mangelt es nicht. Und je mehr andere Beziehungsformen ihre Existenzfähigkeit unter Beweis stellen, desto straffer wird das ideologische Korsett der Ehe geschnürt. In Amerika werden hohe Scheidungsziffern von konservativen Wortführern wider besseres Wissen als typisches Verhalten von Schwarzen und Randexistenzen dargestellt. Als zentrale «amerikanische Werte» hervorgehoben und propagiert werden Ehe und Familie nicht nur von der politisch einflussreichen American Family Association. Abtreibungsgegner beider Geschlechter schrecken vor Mord an Ärzten nicht zurück. Die Ideologie intoniert einen eigentlichen Schwanengesang, bäumt sich auf gegen die Realität.
Gegen die faktische Pluralisierung der Lebenswelten und Beziehungsformen ziehen auch Symbol- und Idolfabrikanten mitunter ins Feld: Filme wie «Carrington», mit dem Christopher Hampton - auf reale Verhältnisse im Umkreis von Virginia Woolf Bezug nehmend - eine Ehe skizziert, die eingebettet ist in eine Dreiecksbeziehung, in der Homosexualität, Bisexualität und Heterosexualität sowie eine Vielfalt platonischer Gefühle gelebt werden, sind immer noch die Ausnahme. Zu den ehestabilisierenden Produktionen der Kinowelt jüngsten Datums gehört «Junior» von Ivan Reitman (1994). Obwohl diese Komödie einen Mann dank künstlicher Befruchtung und Embryo-Implantation schwanger werden lässt, mündet sie in die Geschichte einer traditionellen Ehe und einer (erb)biologisch intakten Familie: nach seiner Niederkunft heiratet der Held seine Ärztin, die auch die Eispenderin ist.
Das Vertrackte an der Geschichte ist, dass sie sich so modern gibt, obwohl sie von der Moderne nur die technische, nicht aber die mentale und emanzipative Seite übernimmt. Als der Ehemann seiner Frau vorschlägt, die Familie sei durch ein weiteres Kind zu bereichern, und diese nicht die geringste Lust zeigt, schwanger zu werden, beruhigt er sie: «Aber das brauchst du ja auch nicht!» Trotz einschneidendem biotechnologischen Wandel kommt die Gesellschaft ohne Veränderung aus, überlebt die Ideologie der heterosexuellen Ehe als alleingültiger Lebensgemeinschaft. Die Schwangerschaft des Vaters wird im Grunde als Mutterschaft gedacht, deshalb wird ihr nicht zugestanden, was in ihr angelegt wäre: die Sprengung der Ehe. Die Kontrolle über die Frau bleibt auch da, wo ihre Biologie (ihr Bauch) nicht mehr ihr Schicksal ist.
Die Reproduktionsmedizin ist nur eine der Modernisierungen, die der Beziehung zwischen den Geschlechtern ein neues Gesicht zu geben drohen und deshalb die konservativen Gegenkräfte mobilisieren. Mit Verlust der männlichen Kontrolle über die Frau wartet auch die elektronische Revolution auf: der «virtuelle» Ehebruch, als «unzüchtige Gedanken» Pflichtstoff in der Beichte, hat im Internet eine neue Spielwiese gefunden. Und schon meldet sich der erste Ehemann zu Wort, der hofft, via Gericht die Kontrolle über seine virtuell fremdgehende Frau zurückzugewinnen. Der Kulturkritiker und Filmautor John Waters meint, «family» sei heute in Amerika ein Synonym für «Zensur». Und Zensur gedeiht nur, wo Ideologie gerettet werden soll.
Regula Heusser-Markun ist Redaktorin der NZZ.