NZZ Folio 06/04 - Thema: Soundcheck   Inhaltsverzeichnis

Achtung, jetzt wird's laut!

© Thileeban Thanapalan
«I’ll cross the stream, I have a dream / I’ll cross the stream, I have a dream.» (Abba) Linktext
Unter dem Namen Worst of All arbeiten ein paar Schüler aus Kloten an ihrer glorreichen Zukunft als Punkband.

Von Boni Koller

UND AM BASS EINE FRAU. Die Tonspur zum Leben war auch schon aufregender als dieses Jahr. Im Radio haben sich die Singvögel aus «Music Star» eingenistet und trällern mit der internationalen Konkurrenz um die Wette. Limp Bizkit sind auch schon da. Sie haben sich von ihrer bewährten Marschmusik verabschiedet und zelebrieren währschafte Romantik. Das schöne Lied haben sie mitsamt Arrangement aus den frühen Siebzigern von The Who übernommen, und der langweilige Videoclip weckt allenfalls Lust, das Original wieder mal hervorzukramen. Irgendwie symptomatisch: Früher war alles besser, geht es einem durch den Kopf.

Und gleich darauf besinnt man sich, dass das natürlich nicht stimmt. Die Hitparade war schon immer verstopft mit dem Restmüll vergangener Trends, wogegen ungewohnte Klänge einen schwierigen Stand hatten. Allenfalls gab es früher im Musikgeschäft mehr Ausnahmen von der Regel als heute, im Zeitalter der verfeinerten Marktforschung. Und bestimmt wurden neue Ideen weniger schnell vom Mainstream aufgesogen, so dass sich Subkulturen über längere Zeit eigenständig entwickeln konnten. Aber sonst? Wo genau liegt denn der Unterschied zwischen Bernd Clüver und Xavier Naidoo?

Irgendwo in einem Luftschutzkeller proben vielleicht bereits die neuen Bucks oder Krokodil, jung und unerfahren, aber mit mehr Dreck, als Chris von Rohr empfiehlt. Sobald sie ihre Nasen ins Licht recken, werden wir sie erkennen, wenn auch vielleicht nicht auf Anhieb. Viele der Jugendlichen, die ihre Freizeit für den Wochenendauftritt im örtlichen Gemeinschaftszentrum oder Kirchgemeindehaus opfern, sind nur vorübergehend von diesem exhibitionistischen Hobby fasziniert. Diejenigen, die dranbleiben, sind in der Regel auch die spannenderen Entdeckungen.

Talentwettbewerbe sind zwar nicht gerade die Plattform für musikalische Revolutionen, aber für Bands im Teenageralter bieten sie immerhin gute Möglichkeiten, vor willigem Publikum aufzutreten. Eine befreundete Journalistin amtete schon verschiedentlich als Jurorin und erinnert sich gern an die junge Punkgruppe Worst of All, deren allererstes Konzert sie vor Jahresfrist zu benoten hatte. «Ein ganz junger Haufen», schwärmte sie, «und am Bass ist eine Frau!» Als ich mich daraufhin telefonisch bei Gitarrist Basti meldete, erklärte der mir als erstes, dass die gelobte Bassistin demnächst aus der Band geworfen werde, weil sie sich als zu faul erwiesen habe. Weil gerade keine Konzerte im Terminkalender standen, luden mich Worst of All an ihre nächste Probe im Klotener Proberaum ein.

Zum Glück traf ich Basti schon in der S-Bahn, denn der Weg dahin ist nicht leicht zu finden. Am Anfang steht ein Fussmarsch von gut fünfzehn Minuten. Vom Bahnhof Kloten geht es zwischen einladenden Industriebauten und Zierhecken hinaus auf die Landstrasse, bis nur noch Dunkelheit vor einem liegt. Links ist der Wald, davor eine Kiesgrube, und dort steht allein auf weiter Flur das Probelokal von Worst of All. Besitzer des Grundstücks ist der Vater eines Freundes, deshalb dürfen die jungen Leute hier üben. Solche Grosszügigkeit, sowie auch ihren Treffpunkt, finden sie «edel».

KEIN FRIENDSHIP-TICKET FÜR STEFFI. Der kleine Holzschuppen erinnert an eine Skihütte, doch statt Wintersportgeräten stehen Musikinstrumente herum, und an den Wänden prangen Poster von Iron Maiden, Metallica, Slipknot, Exploited, Bob Marley und der Reconstruction-Tour 2003. Die Band ist vollzählig zur Probe versammelt, Bassistin Steffi fehlt allerdings. Dabei wollte sie doch heute kommen. Nachdem ihr mitgeteilt worden war, dass man sie zu ersetzen gedenke, wollte sie noch einmal darüber reden, wollte «noch eine Chance». Die Angeklagte bleibt der Verhandlung fern, umso schneller ist der Fall erledigt.

«Siehst du, da steht ihr Bass, sie nahm ihn fast nie mit nach Hause, um zu üben», ereifert sich einer ihrer Mitmusiker. «Sie schwänzte zu oft die Proben, einmal meldete sie sich krank, dabei war sie am Hockeymatch!» Überhaupt sei Steffi zu passiv gewesen für Worst of All, auch auf der Bühne. Das Verdikt ist klar, Steffi ist draussen, und Bolli ist wieder drin. Der vor Jahresfrist entlassene Sänger steht als Ersatzmann bereit und schnappt sich den Bass. Zuerst müssen sich die Jungs aber zum Bandfoto aufs Sofa fläzen, und ich stelle ihnen ein paar Fragen.

Die Geschichte von Worst of All ist nicht besonders lang, aber durchaus bewegt: Vor ungefähr zwei Jahren hatte in Kloten ein fünfzehnjähriger Schlagzeuger namens Fabian die Idee, eine Band zu gründen, nachdem er bereits drei Jahre lang auf seinem Instrument geübt hatte. Die beiden Schulkollegen Basti und Gordi begleiteten ihn auf ihren Gitarren, und da niemand singen konnte, wurde als Sänger «der Erstbeste», nämlich Bolli, verpflichtet.

Man schmiedete Pläne und einigte sich nach langen Diskussionen auf den Bandnamen Juice. Da kein Proberaum zur Verfügung stand, mussten Juice zunächst den Musikunterricht der Schule zur beaufsichtigten Bandprobe umfunktionieren. Es stellte sich bald heraus, dass Talent und Ehrgeiz nicht bei allen im gleichen Masse vorhanden waren, und im Sommer 2002 drohte die Band auseinanderzubrechen.

NEUER NAME, NEUES GLÜCK. Doch dann ging es plötzlich vorwärts: Im September kam der neue Gitarrist Olly dazu, und kurz darauf wurde in der Fankurve des EHC Kloten Adi als zusätzlicher Sänger in die Gruppe aufgenommen. Zuerst wurde im Singsaal der Schule geprobt, später musste ein Klotener Kirchenraum als musikalischer Treffpunkt herhalten. Die lärmigen Experimente mit punkigem Fremdmaterial stiessen im Freundeskreis auf Interesse, und so kamen immer wieder neue Leute dazu, die einen oder zwei Abende lang mitspielten.

In dieser Aufbruchstimmung passte der Name Juice nicht mehr so recht, deshalb wurde beschlossen, die Band umzubenennen. Dank Englischunterricht und Wörterbuch kamen zwölf Vorschläge zusammen, aus denen schliesslich Worst of All ausgewählt wurde. Um dem neuen Namen nicht über die Massen gerecht zu werden, wurde weiterhin wacker geprobt.

Im April 2003 war es dann aus mit der unverbindlichen Feierabendmusik. Fabian hatte Worst of All nämlich kurzfristig beim Band-It-Festival angemeldet, das schon in wenigen Wochen stattfinden sollte. In den Frühlingsferien blieb gerade noch Zeit, um drei eigene Lieder einzustudieren, bis am 16. Mai im Zürcher Gemeinschaftszentrum Buchegg die erste Runde des Talentwettbewerbs über die Bühne ging. Das Los entschied, dass die jungen Klotener als letzte Band des Abends spielen sollten. Das hatte den Vorteil, dass sie anschliessend die Bühne nicht sofort räumen mussten. Worst of All spielten ihre drei Lieder und lieferten dem staunenden Publikum als Zugabe eine wilde Jamsession, die auch bei der Jury so gut ankam, dass sie mit ihrem allerersten Auftritt tatsächlich ins Finale kamen.

Dieser Erfolg motivierte auch diverse Ehemalige und «Passivmitglieder», mehr Zeit und Energie in die vielversprechende Bandkarriere zu investieren. Der Zeitpunkt war gekommen, reinen Tisch zu machen und die definitive Besetzung festzulegen. Bolli, einer der beiden Sänger, musste gehen, und die Pflichten von Bassist Zälli wurden von Steffi übernommen.

Nun wurde alles etwas entschlossener angepackt. Worst of All stockten ihr Repertoire von drei auf sieben Lieder auf, denn für das Finale des Band-It-Festivals war ein Bühnenset von dreissig Minuten erforderlich. Der Wettbewerb fand diesmal nicht mehr im GZ statt, sondern vor der etwas imposanteren Kulisse der Winterthurer Musikfestwochen. Zwar reichte es Worst of All nicht zum ersten Platz, aber sie hatten ein zweites gelungenes Konzert zu feiern und waren nun erst recht auf den Geschmack gekommen.

DAS SELBSTINSZENIERTE HEIMSPIEL. Weil die Konzertangebote aus den Metropolen der Welt vorläufig noch auf sich warten liessen, beschloss die Nachwuchsband, als nächstes die Heimgemeinde Kloten mit einem Auftritt zu beglücken. Das war einfacher gesagt als getan. In jüngerer Vergangenheit hatte so etwas wie ein Rockkonzert in Kloten nie stattgefunden, es gab dort im Herbst 2003 nicht einmal ein Jugendlokal (seit einigen Monaten existiert jetzt der Jugendtreff «Blaue Zingge»). Es kostete deshalb einige Überzeugungsarbeit, den zuständigen Jugendarbeiter für die Idee zu gewinnen, im Stadtsaal einen Konzertabend zu veranstalten. Schliesslich klappte es unter strengen Auflagen aber doch.

Statt eine Saalmiete zu zahlen, lieferten sie die Einnahmen aus dem Barbetrieb dem Haus ab, und der Grossteil der zu erwartenden Eintrittsgelder musste für Tontechnik und Licht aufgewendet werden. Zwei Sanitäter und sieben Securitasbeamte sorgten vor Ort für die Sicherheit der Gäste. Die professionelle Organisation des Abends war nur dank emsiger Unterstützung des Bekanntenkreises möglich. Die Schwester einer Freundin schrieb eine Ankündigung im «Klotener Anzeiger», ein verbündeter Druckereiangestellter lieferte Flyer, und die Arbeitgeber von Eltern und Bekannten wurden zu Sponsoren ernannt.

Der Aufwand lohnte sich. Über 400 Leute kamen am 13. September 2003 in den Stadtsaal, um Worst of All und die Vorband Line zu hören. Der ehemalige Sänger Bolli bediente eine Videokamera, die Bilder wurden im Grossformat auf eine Leinwand projiziert. Die jungen Bands legten sich ins Zeug, das Publikum liess sich mitreissen, und die Erwachsenen im hinteren Teil der Halle bekamen sportliche Sonderleistungen in den Disziplinen Pogo und Stagediving zu sehen. Mitklatsch- und Mitsingrituale fehlten ebenso wenig wie das obligatorische Schlagzeugsolo, so dass am Schluss alle begeistert waren. Die nächste Ausgabe des «Klotener Anzeigers» lobte den Anlass in den höchsten Tönen, und Worst of All planten bereits nächste Konzerte.

SCHLUSS MIT DEM GEQUATSCHE. Die beiden folgenden Auftritte in Bülach werden in der Bandchronik als «Scheisskonzerte» gehandelt, wogegen der Novemberausflug ins Kraftfeld Winterthur in angenehmer Erinnerung blieb. Um Erlebnisse und Pläne fortan einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, stellte Gitarrist Basti kurz vor Weihnachten eine Homepage ins Netz. Gleichzeitig wurde auch der Umzug in den neuen, komfortablen Bandraum vollzogen. Die Hütte in der Kiesgrube war endlich ein Hauptquartier, das sich sehen lassen konnte.

Worst of All wurden im Dezember vom Jugendtheater Zürich als Begleitband für eine Aufführungsreihe im März 2004 engagiert. Dafür mussten neben den eigenen Liedern auch ein paar «aufgezwungene» eingeübt werden, was die musikalische Bandbreite des Repertoires unfreiwillig erweiterte. Wegen gesundheitlicher Probleme des Regisseurs wurden die Aufführungen zwar kurzfristig abgesagt, aber ein Konzert konnte trotzdem stattfinden, so dass die Fangemeinde im Theater an der Sihl doch wenigstens einmal das Resultat der ausgiebigen Proben begutachten durfte. Für Worst of All war es schon fast ein Routineauftritt, schliesslich warteten längst grössere, wichtigere Termine am Horizont: die erneute Teilnahme am Band-It-Festival und ein Heimspiel in der Eishalle Schluefweg anlässlich der renommierten Deconstruction-Tour ...

Bolli hat jetzt die Schnauze voll vom biographischen Gequatsche, er will endlich proben. «Achtung, es wird laut», werde ich gewarnt und bekomme ein Paar Ohrstöpsel. Dann geht es los, einszweidreivier, wie Punkrock mit Schweiss und Herz eben klingt. Allzu laut ist es nicht, zumindest nicht für meine jahrzehntelang weichgeklopften Trommelfelle. Der Beat klingt solide, die Gitarren kreischen, und Sänger Adi versucht, sich durchs Mikrophon Gehör zu verschaffen. Er ist ganz klar ein Glücksfall für die Band, mit Charisma und Entertainerqualitäten ausgerüstet, das wird sogar im Proberaum deutlich. Bolli ist mit den Bassmelodien noch zu wenig vertraut und macht Fehler, aber beim nächsten Mal wird er besser vorbereitet sein, versprochen.

NICHT OXFORDVERDÄCHTIG. Damit ein neues Lied entsteht, braucht es zuerst «Gitarrenarbeit» von Olly und Basti. In der nächsten Phase kommen Schlagzeug und «experimenteller Gesang» von Adi hinzu, wobei es vorkommen kann, dass einzelne Wortfetzen des definitiven Textes bereits gefunden werden. Schliesslich wird dem Bass eine Melodie verordnet, und dann bleiben noch die Feinheiten, Text und Arrangement. Worst of All singen fast ausschliesslich englisch. Neben den klassischen Liebesthemen («I hoped that you will love me like a real girlfriend / But it gave a hopeless end») geht es in den Texten oft um Geschichten aus dem Freundeskreis, wie zum Beispiel im Lied über einen ehemaligen Mitmusiker, der allzu grossen Gefallen am Kiffen fand, oder in der Standpauke an einen unwillkommenen Freund: «I’m not the guy, with you can speak / Please go away for many weeks.»

Klar, dass solche Texte nicht oxfordverdächtig erscheinen, und im Gästebuch der Bandhomepage gingen denn auch ein paar schnippische Kommentare bezüglich Englischunterricht und Rechtschreibung ein. Worst of All zeigten sich darob nicht zerknirscht. Sie gelobten Besserung und verwiesen cool auf den Song «Schizophrenia», der fast keine Englischfehler aufweise.

Ungehaltener reagieren sie auf die Plagiatsvorwürfe, Textpassagen oder Gitarrenriffs von der US-Band Blink-182 ausgeliehen zu haben. «Du klingst wie ein Zwölfjähriger, der prahlt, wie toll es im Militär ist», entgegnet Basti im Gästebuch. Einem Besucher, der wegen des roten Sterns im Bandlogo kommunistische Umtriebe befürchtet, nimmt Olly den Wind aus den Segeln, indem er den Stern als bewährtes Symbol der Punkbewegung deklariert. Da werden die ideologischen Bedenken ob dem einen Satz im Portrait von Sänger Adi («Führt gerne Menschen an») schon ernster genommen. «Das ist nicht so gemeint, wie er es da geschrieben hat», relativiert Olly und verspricht, die Passage bald zu ändern.

Olly und Adi besuchen die Kantonsschule, während sich Basti, Fabian und Bolli in der Ausbildung zum Elektromonteur befinden. Sie mögen Fastfood, Punkrock und die Simpsons und hassen «alle Typen, die im Ausgang nur auf Schlägereien aus sind». Letztere kennen sie nicht nur vom Hörensagen. Im letzten Winter gerieten Olly und Basti im Zürcher Niederdorf an ein Rudel Skinheads und hatten Glück, dass sie hinterher nur ambulant verarztet werden mussten. «Punk’s not dead», lautet das Motto, das freilich älter ist als die Mitglieder von Worst of All. Sie werden dieses Jahr alle siebzehn, ausser Leadgitarrist Olly, der bald seinen achtzehnten Geburtstag feiern wird.

AUFMARSCH DER BABYPUNKS. Noch gibt es von Worst of All keine veröffentlichten Tonträger. Ungeduldige Fans werden mit selbstgebrannten CD-Kopien eines Konzertmitschnitts aus Winterthur vertröstet, und bald sollen auch ein paar Stücke von der Homepage heruntergeladen werden können. Was wird der nächste Schritt sein? Träumen Worst of All von einem goldenen Plattenvertrag wie ihre Altersgenossen in «Music Star»? Die Frage stösst auf wenig Interesse. Nein, man lasse die Dinge auf sich zukommen. Auch im Bereich Management soll in nächster Zeit nicht aufgerüstet werden. Jeder schaut sich nach Konzerten um, und wenn sich was ergibt, dann wird das gemeinsam organisiert. Das persönliche Equipment finanziert sich jeder selbst, die Bandkasse verwaltet Schlagzeuger Fabian. Bisher ist das gemeinsame Vermögen noch nicht so gross, dass ein Buchhalter beigezogen werden müsste.

Doch alle setzen unbedingt auf eine glorreiche Zukunft und pflegen ihre Fangemeinde täglich per Internet. Die Homepage www.worstofall.ch.vu wird rege besucht, und das Gästebuch gleicht einem Chatroom. Da melden sich Bekanntschaften vom letzten Blink-182-Konzert wieder zu Wort, man verabredet sich zum Besuch von anderen Punkkonzerten, und eine Frauenband möchte gern Steffi in ihre Reihen aufnehmen. Dazwischen entschuldigt sich eine Dreizehnjährige, dass sie nicht den Mut aufbrachte, Sänger Adi zu grüssen, als sie ihn zufällig von weitem auf der Skipiste sah.

Der Eintrag eines elfjährigen Fans wurde gelöscht, erzählt Basti. Es ist für Siebzehnjährige nicht besonders erstrebenswert, von Kleinkindern verehrt zu werden, das fordert an den Konzerten den Spott anderer Bands heraus. Obwohl gewiss auch eine Portion Neid dabei ist, wenn diese sich über den Aufmarsch der «Babypunks» mokieren und selbst überhaupt keine Anhängerschaft zu mobilisieren vermögen.

Die Probe ist zu Ende, und im Bandraum wird das Licht gelöscht. Es ist schon ganz schön finster auf dem Weg durch die Kiesgrube. Die Musiker von Worst of All geben freimütig zu, dass sie sich hier in der Dunkelheit immer ein wenig fürchten, vor allem allein. Olly, Adi, Bolli und Fabian schwingen sich auf ihre Mofas und Mountainbikes und verschwinden in der Nacht. Einzig Basti wohnt seit kurzem nicht mehr in Kloten, sondern in Zürich bei seinem Vater und begleitet mich deshalb auf die nächste S-Bahn stadtwärts. Ausser Schlagzeuger Fabian nehmen alle ihre Instrumente mit nach Hause, damit sie sich gewissenhaft auf die nächste Probe vorbereiten können.

GROTTENSCHLECHT IN ALTDORF. Natürlich erinnerte ich mich im Proberaum von Worst of All an meine eigenen Konzerte als Teenager vor 25 Jahren. Die aktuellen Hits waren auch damals besonders öde, und das ganze Musikgeschäft schien in den Händen von Langweilern zu sein. Die neuen schrillen Klänge aus England wurden von Fachleuten als Modegag diskreditiert, während sich am Dorffest das Ländlerpublikum allmählich mit Abba und Boney M. anfreundete. Ein grosser Teil des Rockpublikums betrachtete Genesis oder Dire Straits als Mass aller Dinge und zeigte wenig Verständnis für primitives Gerumpel à la Sham 69 oder Ramones.

Selbstverständlich genossen wir das Gefühl, als hoffnungslose Aussenseiter gegen den Rest der Welt anzutreten. In einer Band zu spielen, galt 1979 keineswegs als sinnvolle Freizeitbeschäftigung für Jugendliche, und Langspielplatten von einheimischen Künstlern schien es kaum zu geben. Dafür tauchten plötzlich diverse Singles auf, die offenbar von Leuten aus Zürich ohne musikalische Ausbildung eingespielt worden waren.

Da wollte ich dazugehören und nistete mich mit ein paar Freunden in einem Luftschutzkeller ein. Den ersten Verstärker konnten wir günstig von einem gerade in Rente gehenden Unterhaltungsduo erwerben. Er hatte vier Eingänge und wurde mit zwei Mikrophonen sowie einer Gitarre und einer Farfisaorgel verkabelt. Wir waren grottenschlecht, erzwangen aber dennoch Auftritte an Schulfesten und machten später sogar Ausflüge bis nach Zug und Altdorf, was uns wie eine Australientournee erschien.

Elektrische Gitarren und elterliches Einverständnis sind heute einfacher zu bekommen. Alkohol- und Drogenkonsum an einem Punkkonzert sind nicht höher als an der Feier des örtlichen Turnvereins, das wissen längst auch die Erwachsenen. Seit in Fernsehsendungen wie «Music Star» ehrgeizige Showtalente wie Labortiere aufeinander losgelassen werden, wird klar, dass es bestimmt nicht dümmer ist, die ersten Schritte einer Bühnenkarriere in freier Wildbahn zu machen statt im Fernsehstudio. Manchmal geht auch etwas daneben, und dann ist es durchaus ein Vorteil, wenn am nächsten Tag nicht gleich das ganze Land davon weiss. Wer später das Gefühl hat, in jungen Jahren nicht in genügend Fettnäpfchen getreten zu sein, kann dann immer noch Gölä und Chris von Rohr nacheifern und sich freiwillig auf den Seziertisch legen.

Worst of All sind: Adrian Schnaubelt (Adi), Gesang; Oliver Zihler (Olly), Gitarre; Bastian Wyder (Basti), Gitarre; Andreas Bolleter (Bolli), Bass, Trompete; Fabian Frauenfelder (Fraui), Schlagzeug.
Homepage: www.longplay.ch/vamosgygax.  

Boni Koller, Autor und Musiker, lebt in Zürich.Er hat Bands ins Leben gerufen wie Nilp, Baby Jail, Allschwil Posse und Schtärnefoifi (www.schtaerne5i.ch). Seine jüngste CD (zusammen mit Suzanne Zahnd), <Vamos Gygax - Angst vorem Goal>, ist soeben erschienen: www.longplay.ch/vamosgygax.


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