NZZ Folio 04/96 - Thema: Eherne Ehe   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Geisterfahrer auf der Datenautobahn

 Von Wolf Schneider

WIR WERDEN SIE VERMISSEN, die Welt der alles in allem wohlgeordneten Informationen, die uns halfen, uns auf der Erde leidlich zurechtzufinden. Ihr Untergang zeichnet sich ab, die Anarchie der Worte kriecht heran, Mr. Gorsky ist unser Zeuge.

Wer sich seinen Mitmenschen mitteilen wollte, der war bis zum Siegeszug des Buchdrucks auf einen sehr kleinen Kreis angewiesen: der Häuptling auf seine Horde, der Volkstribun auf die paar tausend, die seine Stimme allenfalls erreichte, der Dichter auf die wenigen Besitzer seines Pergaments. Seit aber Bücher und Zeitungen zu Millionen gedruckt werden, war die Ausbreitung des eigenen Wortschwalls noch immer ein Privileg: Man musste ja einen Verleger, Lektor, Redaktor finden. Wenn der kleine Mann - der, für den kein Drucker sich erwärmte - sich über seinen Freundeskreis hinaus Gehör verschaffen wollte, so musste er schon nach London fahren und sich im Hyde Park auf eine Kiste stellen.

Bis gestern. Heute beginnt eine Revolution über uns hereinzubrechen, die alle Beschränkungen der Redefreiheit ebenso hinwegfegt wie das plausible Mass an Ordnung, das bisher in allen Mitteilungen herrschte. Im Internet, im weltumspannenden Verbund der Freunde und Narren des Computers, kann jetzt jeder zu Millionen sprechen - wie schön; aber nichts und niemand liefert uns mehr ein Indiz, was davon wir glauben sollen.

Erst dabei wird uns klar, bis zu welchem Grade es der Absender war, der uns inmitten der Sturmflut der Worte Orientierung bot. Vertrauenswürdiger Politiker, demokratische Behörde, renommierte Zeitung: Wir glauben, was die uns wissen lassen. Propagandaminister, Lobbyist, Revolverblatt: Wir glauben wenig oder nichts. Roman: Wir wissen, dass er das Fabulieren zur Kunst erhoben hat. Ein neues Mittel gegen Krebs- Finger weg - bis nicht eine angesehene Wissenschaftszeitschrift es als seriös bezeichnet.

In solcher Einschätzung der Absender, der Filter, der Mittelspersonen mag uns durchaus dieser oder jener Irrtum unterlaufen sein; doch der Informationsstrom war reguliert, etikettiert und alles in allem berechenbar. Und genau dies fehlt auf der internationalen Datenautobahn: Jeder Teilnehmer kann sie befahren, jeder beliebig viel Nebel auf ihr verbreiten oder Giftfässer auf die Reise schicken, und ob ich ihm glauben kann, verrät sein Computer-Code mir nicht.

Das ist es, was etliche Kommunikationswissenschafter an Mr. Gorsky beunruhigt - so harmlos sich der Fall auch anlässt. Da geistert also seit einigen Monaten die Behauptung um die Erde, Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, habe nach seinem berühmten Satz «Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gigantischer Sprung für die Menschheit» noch einen zweiten gesprochen, nämlich: «Und nun viel Glück, Mr. Gorsky.» Und auf all die Fragen, die sich da aufdrängen, hat der Unbekannte selbstverständlich eine Antwort parat.

Warum hat niemand auf der Erde diesen Satz gehört? Weil die Nasa ihn geistesgegenwärtig abgeschnitten hat. Gibt die Nasa das denn heute zu? Natürlich nicht. Und warum sollte Armstrong einen solchen Unsinn geredet haben? Weil es nicht nur Unsinn war. Was war es dann? Eine Kindheitserinnerung, Armstrong selber habe das im letzten Juli zugegeben. Was für eine Erinnerung? Nun, dem kleinen Neil war sein Ball in den Nachbargarten gefallen, zu den Gorskys, und während er ihn holte, hörte er aus dem offenen Schlafzimmerfenster Frau Gorsky schreien: «Das kannst du erst mit mir machen, wenn der Nachbarsjunge auf dem Mond spazierengeht!» Und da habe eben er, Armstrong, vom Mond aus dem Mr. Gorsky viel Glück gewünscht.

Nun hat Präsident Clinton im Februar ein Gesetz unterzeichnet, wonach die Verbreitung anstössiger Texte oder Bilder auf der Datenautobahn verboten ist. Aber was ist anstössig, «indecent»? fragt die «New York Times». Ein Notruf für Aids-Kranke? Ein Heiratsmarkt für Körperbehinderte? Und wie steht's mit dem Schlafzimmervergnügen des Mr. Gorsky, fragen wir -  wo es doch so dezent erzählt worden ist, und noch dazu auf dem Mond, und vermutlich erlogen?

Nein, ein Problem der Moral liegt hier nicht vor. Vielmehr lupft der Gorsky-Scherz mit scheinheiliger Beiläufigkeit den Vorhang vor einem Drama der ungeheuren Chancen, Risiken und Verwirrungen. Wenn das einstige Privileg, die Massen zu erreichen, sich demokratisiert, wenn jeder Mensch auf Erden sich an jeden und im Extremfall an alle wenden kann - dann heisst das auch: Ein Witzbold, der ein paar Millionen Mitmenschen eigentlich nur erheitern wollte, stürzt vielleicht eine Regierung.

Jeder Wirrkopf, bisher auf sein Dorf beschränkt, kann Unsinn bis nach Australien streuen, jeder Fanatiker, bisher durch Journalistenboykott oder durch Sperrklauseln an öffentlichem Wirken gehindert, kann mit einem guten PR-Berater zur halben Menschheit sprechen.

Natürlich: Neue Ordnungskräfte werden sich herausbilden, Institutionen werden auf den Plan treten, die sortieren, filtern und Vertrauen auf sich ziehen wie bisher eine grosse Redaktion. Aber daneben wird reichlich Platz bleiben für die Schmeissfliegen der Lüge und die Hornissen des Wahnsinns, und verscheuchen können wird sie keiner mehr.




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