NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Verführungskünstler I.

Der Seidenlaubenvogel und sein Liebesgarten.

Von Hans D. Dossenbach

Was ich anstelle, um die Gunst der holden Weiblichkeit zu erlangen, ist folgendes: ich lege einen Lustgarten an und baue eine Liebeslaube. Das soll mir zuerst mal einer nachmachen! Gut, es gibt da noch einige Verwandte, die ähnliches tun, aber wer einmal meinen Hochzeitsplatz gesehen hat, wird zweifellos erkennen, dass ich, der Seidenlaubenvogel, der Grösste bin.

Die Wissenschafter nennen mich Ptilonorhynchus violaceus und zählen mich zur Familie der Laubenvögel, von denen es 18 Arten gibt. Die meisten von uns leben auf Neuguinea und den umliegenden Inseln, einige in Australien. Auch ich bin in Australien zu Hause, in den küstennahen Wäldern des Ostens. Unsere nächsten Verwandten sind übrigens die Paradiesvögel, bei denen die Männchen ihr Prunkgefieder zur Schau stellen, um Weibchen anzulocken - aber vom Anlegen von Liebesgärten haben sie keine Ahnung.

Was ein richtiger Laubenvogelmann ist, hat den Ehrgeiz, möglichst viele Frauen zu verführen. Von der Ehe halten wir gar nichts, und das Nesterbauen, Eierbebrüten und Kinderaufziehen überlassen wir den Weibchen. Für solcherlei Tätigkeiten hätten wir auch gar keine Zeit, denn der Bau und Unterhalt eines Liebesplatzes ist ganz schön aufwendig. Zuerst einmal baue ich die Liebeslaube. Dazu füge ich Hunderte feiner Zweige senkrecht ineinander, bis ein etwa 40 Zentimeter langes und 30 Zentimeter hohes, tunnelförmiges Gebäude entstanden ist. Dann räume ich davor einen Platz von einem Meter Durchmesser von Zweigen und anderen Dingen frei und lege hier den Lustgarten an. Um diesen Ort der Verführung zu schmücken, sammle ich Blumen, Schmetterlinge, Käferflügel, Beeren und Vogelfedern, und zwar fast ausschliesslich von blauer Farbe. Dazwischen kommen, zur Auflockerung, ein paar leere Schneckenhäuschen; wichtig ist vor allem, dass das Ganze schön blau aussieht.

Warum das so ist, will ich Ihnen gleich erklären: Mein dunkles Gefieder schillert metallisch blau - im Gegensatz zum unscheinbar grünlichen Kleid der Weibchen. Und dieses Blau wirkt auf die Seidenlaubenvogelfrauen einfach unwiderstehlich. Mit meinem blauen Blickfang gelingt es mir, der ich im düsteren Wald halt nicht so auffalle, sogar den angeberischen Paradiesvogel auszustechen. Je reichhaltiger das Sortiment an blauen Dingen, je auffälliger die ganze Anlage ist, desto mehr Weibchen finden sich zur Hochzeit ein.

Als gesetzter Herr bin ich besonders erfolgreich. Laubenvogeljünglinge basteln nämlich ihre Balzplätze noch ganz stümperhaft und müssen froh sein, wenn sie überhaupt Damenbesuch erhalten. Wir Älteren hingegen haben Erfahrung und treiben einen entsprechenden Aufwand. Während der ganzen Fortpflanzungszeit von etwa fünf Monaten arbeiten wir täglich vier bis sechs Stunden an unserer Anlage, ordnen immer wieder die Dekoration anders an, entfernen laufend welke Blüten und faulende Beeren und ersetzen sie durch frische, renovieren die Laube und bemalen sogar die Laubenwände. Als Farbe nehmen wir den Saft zerquetschter, blauer Beeren, als Pinsel benützen wir ein Stückchen ausgefranste Rinde oder etwas Ähnliches. Und damit gehören wir zu den ganz seltenen Tieren, die Werkzeuge benützen!

Ich mache mich selbst zum Paradiesvogel. Im Nationalpark, wo ich lebe, habe ich mich ganz in der Nähe eines Campingplatzes niedergelassen. Dort findet man eine ganze Menge brauchbarer Dinge: Trinkhalme, Spraydosendeckel, Becher, Kämme, Wäscheklammern, Zahnbürsten, Spielzeugautos, Kugelschreiber, Babyschnuller usw. Aus welchem Material meine Dekorationsgegenstände sind, ist mir nämlich egal, nur eines müssen sie sein: blau.


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