NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Indien fürs Leben

Von Ursula von Arx

Es begann in der Kindheit. Für M. war Indien das Land, wo die sprechenden Tiere seiner Träume wohnten. Rudyard Kiplings «Dschungelbuch» erzählte davon, wie Vater Wolf den Inderjungen Mowgli wie ein rohes Ei zwischen seinen Zähnen trägt und so vor Shere Khan rettet, dem brüllenden, heimtückischen Tiger. Wie Mowgli Freunde gewinnt, den schläfrigen Bären Baloo, den Panther Bagheera, die Schlange Kaa. Wie Mowgli die Sprache des Dschungels lernt. Wie Mowgli trotz allem nicht glücklich wird. Als Mowgli am Ende den Dschungel verliess, waren die Tiere, Mowgli selbst, vor allem aber M. sehr unglücklich.

In der Zeit dann, als die Mädchen ihn nur noch «Marslandschaft» nannten und die Mutter ihn mit Blick auf seine Akne verzweifelt bat, doch nicht so viele Pommes Chips zu essen, fand M. Ruhe in Hesses «Siddhartha». M. fing an zu meditieren. Stundenlang sass er vor seinem Goldfisch-Aquarium und übte sich in Selbstversenkung, lautlos sprach er «Om», das Wort der Worte. Er las eine Biographie über Mahatma Gandhi, und für drei Wochen schlug sein Herz in Liebe selbst für eine Zecke. Wie seine Seele wuchs sein Haar. Als es schulterlang war, musste er ins Militär.

Mit 35, inzwischen Wirtschaftsjournalist, glaubte sich M. reif für das wahre Indien. Er wollte hin. Vorher verliebte er sich aber noch. Seine Freundin begleitete ihn. Als sie zurückkamen, hatten sie nichts zu erzählen, ausser dass es schön gewesen sei. Auf den Fotos sind sie und er, immer wieder, sonst nichts. Die beiden brauchten kein Indien, sie waren sich Dschungel, Guru, Wirklichkeit genug.

Was M. verpasste, kann er in diesem Heft nachlesen. Er wird den Verteidigungsminister George Fernandes kennenlernen, den wohl schillerndsten Politiker Indiens, und das Starmodel Meghna Reddy. Er wird von der Misere grosser Städte erfahren, wo oft die Hälfte aller Einwohner in Slums hausen. Ein Thema ist der wachsende religiöse Fundamentalismus im gelobten Land der Toleranz, in dem die Mehrheit der Milliardenbevölkerung Hindus sind, es aber auch 120 Millionen Muslims gibt. Dann die Mitgiftmorde und auch das Kastenwesen, das immer noch 170 Millionen Unberührbare ausgrenzt. Zwischen den Zeilen dürfte M. auch sein Kindheitsindien wiederfinden, das märchenhaft war. Und auch sein Pubertätsindien: das Andere an sich.


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