NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Regli, www.realityhacking.com

© Christian Känzig
Der Künstler Peter Regli lebt und arbeitet derzeit für ein Jahr in einem der beiden Ateliers der Stadt Zürich am West Broadway in New York. Linktext
Von Lilli Binzegger

«WENN MAN HIER EINZIEHT, hat es einen Tisch und Böckli und Platten, aus denen man Sachen bauen kann. Und ein Bett und Küchenzeugs. Sonst ist der Raum eigentlich leer. Ein wenig wie ein Aerobic-Studio. Man kann sich dann selbst organisieren. Das Atelierstipendium dauert ein Jahr, ich bin seit März hier. Meine Sachen, Bücher, Fotos, Dokus, habe ich mit einer Palette voller Schachteln herschicken lassen. Die Schachteln benutze ich jetzt als Gestell, und wenn ich gehe, dann packe ich die Ware wieder in die Schachteln und die auf die Palette. Esse die Büchsen leer, die ich zwischen Böckli und Tischplatte gestellt habe, damit die Höhe stimmt. Bohnen: weisse, schwarze, rote; Kichererbsen. Zwölf Schachteln, mehr habe ich nicht, das reicht. Vielleicht hat man ja später eine Wohnung, die nur so gross ist wie hier das Badezimmer.

Früher war der Loft doppelt so gross. Zu Zeiten, als viele noch grossformatig malten. Jetzt ist er aufgeteilt in zwei, hinten ist nochmals ein Atelier. Man gewinnt den Atelieraufenthalt durch ein Stipendium. Die beiden Stipendien sind um sechs Monate verschoben, es ist also immer schon jemand da, wenn man kommt. Mit Claudia, der Künstlerin, die den andern Raum hat, habe ich wenig Kontakt. Aber ich habe auch gleich zu arbeiten begonnen, als ich herkam, man soll und will hier ja etwas tun. Dann war ich auch noch weg, in New Mexico, wo ich ein Projekt realisiert habe. Cattle Scrabble, ich habe 65 Kühen Buchstaben aufs Fell gemalt, mit Kreiden, nicht giftig. Wenn die Kühe in den Weiden standen, fingen sie an, Worte zu schreiben. Wurden zum Sprachrohr für ich weiss auch nicht was. Die Vorstellung, dass die jetzt dort draussen herumlaufen und etwas schreiben, ist gut. Sehen tut das fast keiner, es hat dort nicht viele Leute. Ich stelle meine Arbeiten einfach in die Welt, ich verfolge sie nicht weiter. Die meisten meiner Arbeiten sind temporär.

Ich bin in Andermatt im Kanton Uri geboren worden. Mit 19 ging ich nach Amerika, zuerst nach Kalifornien, dann nach Colorado, bin einfach herumgereist, schauen gegangen. Wovon ich gelebt habe? Man schafft, man jobbt. Macht alles, vom Tellerwäscher an aufwärts. In Florida hatte ich dann mit Jimmy, einem Freund, eine Windsurf- und Segelschule auf Key Biscayne. Ich habe sechs Jahre lang an der Beach gelebt und mir die wechselnden Stimmungen des Meers und das wechselnde Licht einverleibt. Dort habe ich auch zu malen begonnen.

Nach 13 Jahren Amerika war ich für Neues bereit. Ich wollte nach Japan, via Schweiz, und blieb in Zürich hängen und habe an der Schule für Gestaltung die Kunstklasse absolviert. Da war ich alt, dreissig. Zurzeit male ich nicht, jedenfalls keine Bilder. Ich habe zum Schluss grosse Landschaftsbilder gemalt, 2 × 3 Meter. Dann wurde mir das Thema der Landschaft spannender als das der Malerei. Eines der ersten Projekte, bei denen ich nicht mehr vor der Leinwand stand, sondern direkt ins Stadtbild eingriff, war an der Limmatstrasse gegenüber vom Kunsthof. Ein 5 × 10 m grosses Rechteck auf der Brandmauer des Hauses, eine Lackschicht, die je nach Lichteinfall leuchtet, und wenn es bewölkt ist, sieht man sie nicht.

Was ich jetzt mache, nenne ich Reality Hacking. Ich stelle etwas in die Welt, ohne Ankündigung, ohne Vernissage. Weil der Hinweis auf die Autorenschaft fehlt, lässt sich ein Eingriff nicht automatisch der Kunst zuordnen. Eine mehrdeutige Interpretation wird möglich, was Neugier, Irritation, Freude auslöst, je nachdem. Das Kunstwerk entsteht und vergeht in der Wahrnehmung des Betrachters. Letztes Jahr zum Beispiel habe ich am Gebäude der kantonalen Finanzdirektion in Zürich die Uhr rot beleuchtet und im Rhythmus des Ruhepulses pulsieren lassen, im Rhythmus der Verwaltung - eine Liebeserklärung an Zürich. Und für die Dauer der Stipendienausstellung 1998 im Helmhaus liess ich an der Fraumünsterpost die linke Uhr rückwärts laufen. Vom Museum aus sah man beide Uhren, das war völlig verwirrend. Da hüpfte das Auge hin und her, von einer Uhr zur andern. Wenn man Arbeiten innerhalb des Museums macht, dann sind sie klar der Kunst zugeordnet. Mit meinen Arbeiten können die Leute machen, was sie wollen.

Den Ranchern in New Mexico habe ich als Gegenleistung für ihr Einverständnis eine Skulptur gebaut, eine rote Leiter. Acht Meter hoch, in die Prärie einbetoniert. Wenn sie auf die Leiter steigen, sehen sie endlos in die Weite. So weit sie sehen, alles ihr Land.

Ob ich viel Besuch habe hier? Es geht. Eine Zeitlang waren es sehr viele, jetzt nicht mehr so. Die, die wissen, wie ich arbeite und funktioniere, stören nicht. Wenn ich intensiv an einer Arbeit bin, dann gibt es aber einen Besucherstopp. Ich stehe ziemlich früh auf, so um 6 Uhr, und arbeite sicher den ganzen Morgen. Vieles ist Research, Bewilligungen einholen bei der Verwaltung. Da muss man um halb acht anrufen, nachher sind die Leute, die Stadtingenieure und so fort, unterwegs. Am Nachmittag mache ich Siesta, abends arbeite ich meist wieder. Ich gehe viel herum, das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, mache Stadtwanderungen. Das Tempo des Fussgängers ist ideal, eine Stadt räumlich zu erfahren. Der Loft liegt so zentral, dass mit dem Velo alle Stadtteile, Manhattan, Brooklyn und Queens, in 45 Minuten erreichbar sind.

Hier drin schreibe und telefoniere ich, ich gehe herum und denke. Es ist total luxuriös für New York, einen Raum zu haben, in dem man seine Ruhe und so viel Platz hat, einen Ort, an den man sich zurückziehen, Projekte entwickeln kann. Speziell in einer Stadt wie New York, wo sich das Chaos täglich erneuert.

Früher hat man in diesem Quartier, soviel ich weiss, Textilien und Leder verarbeitet. Jetzt ist es einer der chicsten Orte in Manhattan geworden. Viele der interessanten Galerien sind nach Chelsea gezogen, hier ist es teuer und überdesignt. Jetzt gibt es Boutiquen im Look von Galerien, Issey Miyake, Armani. Ein weisser Sockel mit einem Lümpli drauf, das tausend Dollar kostet. Eine Adresse in SoHo ist Prestigesache. Zum Repräsentieren wäre der Loft ideal. Ich warte zwar noch darauf, dass mir die Sammler die Türe einrennen.

Ich koche oft selbst, gehe aber auch gern ins Restaurant, weil New York einem jeden kulinarischen Traum erfüllt. Manchmal treffe ich abends Leute. Dann geht man aus, oder ich koche für sie. Oder wir lassen es uns auf einer Dachterrasse mit Blick über die Stadt gut gehen. Und manchmal bin ich auch einfach allein hier. Das ist schon so.

Ich habe meistens entweder in ganz grossen oder dann in kleinen Räumen gelebt. Drei Jahre auf einem Segelboot in Key Biscayne, 12 Meter lang, eigentlich gross, aber zum Leben eng. Dafür mit der Skyline von Downtown Miami als Kulisse. Nachher lebte und arbeitete ich in einem Lagerhaus in einer high crime area in Miami Beach, 300 Dollar im Monat, damals war so etwas noch möglich. Man konnte mit dem Auto und dem Töff hineinfahren, es hat immer ein wenig nach Benzin und Farbe gerochen, ich habe damals gemalt. Keine Fenster, aber Oberlichter, durch die man den Himmel sah.

Ich habe die Berge nie als einengend empfunden. Sie geben mir ja die Möglichkeit, hinaufzusteigen und ins Tal hinab und in die Ferne zu schauen. Als ich aus der Schweiz wegging, war das Neugier auf die Welt und nicht Flucht vor der Enge. Eng kann es überall werden, wo es Leute gibt. Am liebsten würde ich im Mittleren Westen leben. Aber wo es keine Leute gibt, gibt es auch kein Geld. Und von etwas muss ich ja leben. Ich kann in den USA bleiben, wenn ich will, ich habe einen amerikanischen Pass. Es lässt sich aber auch in Zürich gut leben. Und wenn es mir dort eng wird, gehe ich auf den Üetliberg und schaue den Flugzeugen nach, die nach Amerika fliegen.

Viele Leute sind ganz enthusiastisch, wenn sie nach New York kommen. Wenn sie dann aber mit dem Überangebot dieser Stadt konfrontiert werden, kann es plötzlich schwierig werden. Und wenn es bloss um einen Englischkurs geht: dann gibt es nicht zwei Schulen, es gibt hundert, und davon sind siebzig schlecht. Die Stadt tickt auch anders. Man muss sich ihre Logik erst erschliessen. Wer hier nicht ins Arbeitsleben eingebunden ist, fragt sich bald einmal: was tust du da. Das Übermass an Möglichkeiten ermüdet, und das Empire State Building hat man mit der Zeit auch gesehen.

Wir sind hier im fünften von sechs Stockwerken. Über und unter mir wohnen reich aussehende Leute. Keine Ahnung, womit sie ihr Geld verdienen, ich sehe sie nur im Lift: hello, goodbye. Im Sommer höre ich ausser dem Lift nicht viel, weil die Klimaanlage, der Grundton von New York, die meisten anderen Geräusche übertönt. Ohne die geht es hier nicht, schon gar nicht an Tagen wie heute, 35 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit. Da verbiegen sich die Fotos, und das Leder verschimmelt. Im Winter hingegen werde ich mit dem charakteristischen Hup- und Sirenenkonzert ständig daran erinnert, wo ich bin.

Abends hat es hier einen total schönen Himmel, Abendsonne. Westhimmel. Da kann ich über die Häuser hinwegschauen, und ich weiss: dahinter ist das weite Land.»


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