NZZ Folio 12/94 - Thema: Luxus   Inhaltsverzeichnis

Bauten -- Eine Arche am Ardour

Von Roman Hollenstein

EIN HÖLZERNER SCHREIN, der über einem Sockel aus Glas zu schweben scheint, spiegelt sich in den trägen Fluten des Ardours. Dieser geheimnisvolle Bau wurde zwischen 1990 und 1992 von Jean Nouvel verwirklicht und beherbergt ein Hotel. Es heisst «Les Thermes», steht in Dax, einer verträumten Bäderstadt am Fuss der Pyrenäen, und behauptet, dem Kurbetrieb den Weg ins 21. Jahrhundert zu weisen. Das lässt aufhorchen, wartete doch seit Morris Lapidus' frivolem «Fontainebleau» in Miami Beach und John Portmans Hoteltürmen mit den riesigen Empfangshallen die Hotelarchitektur kaum mehr mit Neuem auf: Selbst die Disney-Hotels - obwohl von internationalen Stararchitekten konzipiert - bieten nicht viel mehr als verspieltes Fassadendesign. Fassaden sind auch bei den beiden Hotels ein Thema, mit denen Nouvel diesem Bautypus neue Impulse zu vermitteln wusste: dem in rostiges Gitterwerk gehüllten «Saint James» in den Weinbergen von Bordeaux' Vorort Bouliac und dem «Les Thermes». Doch gerade dieses Meisterwerk des heute 49jährigen Franzosen ist mit seinen raffinierten Innenräumen entschieden mehr als nur eine Hülle.

Das Hotel, das unweit der Hauptbrücke von Dax wie eine Arche am Fluss liegt, ist das neue Wahrzeichen des alten Thermalkurortes - kein selbstverliebtes Monument, aber ein starkes Bild, das sich ganz selbstverständlich ins Stadtbild integriert. Sein ungewohntes Aussehen erklärt sich aus der Lage, dem baulichen Kontext und der Funktion. In der Tat verstand es Nouvel, mit diesem Gebäude das städtische Gewebe zu verdichten, ihm einen neuen Halt zu geben, es aber auch kritisch zu kommentieren. Nicht nur entlarvt es die geistlosen Banalitäten der jüngsten Baugeschichte; es antwortet zugleich dem orientalisch inspirierten Selbstverständnis des benachbarten Art-déco-Hotels Splendid, indem es dessen klassische Unterteilung der Fassade in Sockel, Schaft und Krone neu interpretiert: Auf den beiden verglasten halböffentlichen Eingangsetagen ruht ein viergeschossiger Holzkörper, dessen Jalousieläden an die Muschrabije, das geschnitzte Gitterwerk arabischer Stadthäuser, erinnern. Die Dachpergolen des «Splendid» schliesslich schwingen weiter in Nouvels Schwebedach, einer mit Holzlamellen ausgefachten Stahlkonstruktion, die einen Vorgeschmack gibt auf den gigantischen Baldachin des von ihm konzipierten Luzerner Kultur- und Kongresszentrums.

Wie in seinen früheren Arbeiten ging es Nouvel auch bei diesem seltsamen Bau aus Holz, Stahl und Glas darum, mit neusten Technologien und zeitgemässen Materialien ein Bild zu schaffen, das Ausdruck unserer heutigen Kultur ist und Erkenntnisse aus Kunst oder Philosophie thematisiert. Neben dem «Splendid» beeinflussten wohl auch Erinnerungen an die rurale Baukunst der Gegend die Konzeption dieses atektonisch anmutenden Gebäudes. Doch wurden die alltäglichen Bezüge künstlerisch überhöht und der Sprache von Arte povera und Minimal art angeglichen. Aber auch einen augenzwinkernden Verweis auf Laugiers Urhütte kann man in der reduzierten Form dieser Holzkiste entdecken. Denkt man sich allerdings die Aussenhaut weg, entpuppt sie sich als ungeschliffene Vorgängerin von Nouvels neustem Werk, der gläsernen Fondation Cartier in Paris. Wie diese beruht Nouvels Hotel auf einer Struktur aus Metall und Glas: Nur dass sich hier - der Funktion des Hauses als Hotel entsprechend - mit Fensterläden die Transparenz bis hin zum Opaken steuern lässt.

Die Jalousien bilden eine membranartige Hülle, die auf das mit den Tages- und Jahreszeiten wechselnde Licht reagiert. Bei Sonne scheint das Schattenspiel die greifbare Materie ins Immaterielle zu transzendieren, bei Nacht hingegen schwebt, ganz ähnlich wie beim Pariser Institut du Monde Arabe, ein mattes Lichtgeflecht über einem strahlend hellen Sockel.

Die Fassade, der ungezählte Fensterläden - bald geöffnet, bald geschlossen - ein immer anderes Gesicht verleihen, wird so zu einem den Lauf der Zeit reflektierenden Medium. Als stets wiederkehrende Themen bestimmen Licht und Schatten, Transparenz und Undurchsichtigkeit auch das Innere des Hauses. Halb Environment, halb Bühne, besteht es aus einer grossen, bis zum Oberlicht hin offenen Lobby, in der ein kleiner Palmenwald gedeiht. Um den gedeckten Innenhof, entlang klinisch karger, auf die Welt der Sanatorien anspielender Laubengänge, ordnet sich der Kranz der Zimmer, die vom Meister selbst gleichermassen wohnlich und perfekt als entspannende Refugien gestylt wurden. Der Zusammenklang von üppig Wucherndem und Sterilem bewirkt, wie in Bildern von Magritte, eine surreale Verfremdung.

Seinen Höhepunkt erreicht der Zauber der flüchtigen Erscheinungen in der kleinen Thermalhalle. Dieser verglaste Raum spiegelt sich gleichsam weg und treibt durch das Überblenden struktureller Elemente und transparenter Flächen visuell die Entmaterialisierung auf die Spitze. Hier fühlt man sich - wie so oft bei Nouvel - versetzt in die schillernde, mit den Realitätsebenen spielende Szenerie von Ridley Scotts «Blade Runner».

Die optisch unterkühlte, aber von exotischem Parfum erfüllte Glitzerwelt im Innern, die ihre Spannung aus immer neuen Gegensätzen holt, lässt den Rundgang zum Verwirrspiel und zu einem Wechselbad der Gefühle werden. Fast wie die Bildkaskaden eines Videoclips stürzen die Eindrücke auf die Betrachter ein und wecken immer neue Assoziationen: Hier wird die zeitgenössische Architektur nicht mehr als etwas Statisches wahrgenommen, sondern als eine Folge von bildhaften Sequenzen, die sich im Lauf der promenade architecturale geradezu zum filmischen Erlebnis steigern.


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