NZZ Folio 07/06 - Thema: Die Schotten   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Schotte bleibt Schotte

Von Andreas Heller
Die Schotten sind ein spezielles Volk. Geizig und leicht verschroben. Sie tragen Röcke, singen gern heroische Lieder und spielen Dudelsack; sie raufen gern und saufen gern; sie vergnügen sich mit Freizeitbeschäftigungen wie Tauziehen, Steinstemmen oder Baumstammwerfen.

Was wir über die Schotten zu wissen glaubten, waren zum grossen Teils Klischees. Gemeinplätze, die – so vermuteten wir – so wenig der Realität entsprechen wie die Stereotype, die über uns Schweizer kursieren. Leben wir nicht ohnehin in einer Zeit, in der sich alles mehr und mehr zu gleichen scheint? In allen Städten dieselben internationalen Laden- und Restaurantketten, überall die gleichen Marken, auf allen Kanälen die gleichen Filme und derselbe Robbie Williams. Doch dann fährt man nach Schottland und entdeckt eine ganz andere Welt.

Ganz falsch, stellten wir als erstes fest, sind die Klischees über die Schotten nicht. Zwar tragen nur noch wenige den Kilt, aber zu gegebenem Anlass wirft sich der eine oder andere doch gerne in Vollmontur. Und spaziert so durch Edinburgs Haupteinkaufsstrasse, die Princess Street, die aussieht wie heute Haupteinkaufsstrassen überall aussehen auf der Welt. Es ist diese Mischung von globaler Weltkultur und gelebter Eigenart, die mehr als nur Folklore ist, die in Schottland überrascht.

Die Liebe der Schotten zur Tradition, wurden wir weiter belehrt, ist in letzter Zeit noch stärker geworden. Auch nach drei Jahrhunderten der Zugehörigkeit zu Grossbritannien bezieht sich ihr Selbstverständnis auf mittelalterliche Freiheitskämpfer wie «Braveheart» William Wallace, auf keltische Urahnen mit ihrem Stammessystem der Clans und all ihren Bräuchen. Schotte bleibt Schotte – selbst wenn er, wie die meisten Schotten, im Ausland lebt.

Das ist nicht nur pittoresk: Es zeigt auch, dass die Klage, die Globalisierung mache alles gleich, zu kurz greift. Es gibt Gegenbewegungen. Die Schotten zeigen es uns: Je uniformer die Welt, desto wichtiger die Heimat.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Schotte bleibt Schotte - NZZ-Folio Die Schotten (07/06)

Antwort auf den Leserbrief von Catherine Luke in der Printausgabe des Folios 08/06 "Lügen"
Seit meiner Kindheit lese ich die NZZ, mein Vater arbeitete von 1938 bis zu seinem Tod 1965 bei der NZZ, seine erste und einzige Arbeitsstelle. Seit früher Kindheit ist uns fünf Kindern der ausgezeichnete Journalismus "eingebleut" worden. Die Kritikerin des Artikels "Unter dem Schottenrock" fühlt sich beleidigt und unterstellt einem renommierten Blatt wie der NZZ eine schlechte Recherche. Zuerst selber recherchieren, bevor man - ungerechtfertigt - kritisiert, ist meine Empfehlung! Ich gratuliere dem Folio und freue mich auf die nächste Ausgabe.
Richard Ilg, Oberweningen



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