NZZ Folio 06/98 - Thema: Das Mittelmeer   Inhaltsverzeichnis

Wasser und Abwässer

Das bedrohte Ökosystem des Mittelmeers.

Von Beat Stauffer

ALS SICH GERRY GULDENSCHUH im Sommer 1966 auf der Insel Elba zum erstenmal eine Taucherbrille aufsetzte, lernte er eine faszinierende Welt kennen, die ihn unwiderstehlich in ihren Bann zog. Jahr für Jahr verbrachte er seine Ferien fortan am Mittelmeer. Später studierte er Meeresbiologie, schrieb eine Dissertation über das Verhalten von Mönchsfischen, arbeitete als Tauchlehrer, lebte während sieben Jahren auf einem Schiff in Elba und drehte preisgekrönte Unterwasserfilme.

Vor sechs Jahren aber nahm der Basler schweren Herzens Abschied vom Tauchen im Mittelmeer. Er habe den Anblick der vergifteten Neptungraswiesen, der absterbenden Hornkorallen, der alles erstickenden Algenteppiche nicht mehr ertragen, sagt der asketisch wirkende Meeresbiologe. Wer die Schönheit dieser Unterwasserwelt, wie sie sich noch in den siebziger Jahren präsentierte, mit eigenen Augen gesehen habe, müsse angesichts des heutigen Zustands unweigerlich in Depressionen versinken. Es habe ihn schliesslich auch immer wieder hilflos, ja wütend gestimmt, zu sehen, wie die Warnungen der Fachleute von den Politikern regelmässig in den Wind geschlagen worden seien.

Dabei hatte es Guldenschuh nicht etwa darauf abgesehen, den grossen Sündenfällen an der Mittelmeerküste nachzuspüren. Seine deprimierenden Einsichten stammen nicht von der Po-Mündung oder vom Hafen von Genua, sondern im wesentlichen von zwei Inseln, die als landschaftliche Juwelen gelten und von denen gemeinhin angenommen wird, dass die Welt beziehungsweise das Meer dort noch in Ordnung sei: von Elba und von der kleinen Insel Montecristo.

Da diese unbewohnte Insel unter Naturschutz steht und rund 70 Kilometer von der italienischen Küste entfernt liegt, wäre eigentlich zu erwarten, dass Meeresfauna und -flora sich hier noch in einem halbwegs intakten Zustand befinden. Um so schockierender war es für Guldenschuh festzustellen, dass sich sogar eine so abgelegene Meeresküste in den letzten zwanzig Jahren gravierend verändert hatte. Die ehemals dichten, von Leben erfüllten Seegraswiesen schrumpften Jahr für Jahr, die farbenprächtigen Hornkorallen starben ab, und zu gewissen Jahreszeiten legte sich ein dichter, schleimiger Algenteppich über die Unterwasserwelt. Nur an einzelnen, von der Hauptwasserströmung abgewandten Stellen zeigte sich die Fauna und Flora noch mehr oder weniger intakt.

Kommt die Rede auf Elba und andere touristisch intensiv genutzte Gebiete, so verhärtet sich der Gesichtsausdruck des Meeresbiologen, und er gebraucht Ausdrücke, die gar nicht zum Wortschatz eines Wissenschafters passen wollen: ein Schlachtfeld, alles kaputt, ruiniert. Er berichtet von einem Tauch- und Filmprojekt in Porto Azzurro, bei dem er und seine Equipe mit allerlei Grässlichem konfrontiert wurden. Der ungewöhnliche Tauchgang entlang des massiven Stahlrohrs, das die gesamten Abwässer des kleinen Küstenorts ausser Sichtweite ins Meer befördert, geriet zum Albtraum. Der Ort beherbergt im Hochsommer rund 100 000 Touristen. Bis zu den Oberschenkeln sanken die Taucher im Fäkalienschlamm ein, der sich grossflächig um die Einleitstelle ausbreitete. Präservative, Plasticstreifen von Binden und andere gedankenlos weggespülte Objekte des Alltags waren auf dem praktisch kahlen Meeresboden zu sehen, die Seegraswiesen schon längst abgestorben.

Die filmische Dokumentation von solch unappetitlichen Dingen hatte Konsequenzen. Guldenschuh wurde zur Persona non grata, und beim Festival von Antibes gelang es den italienischen Jurymitgliedern mit Erfolg, den Hauptpreisträger von 1991 von der Teilnahme am Wettbewerb auszuschliessen.

Guldenschuh hat noch viele Geschichten auf Lager. Er berichtet von der Kunst, die Wasserproben im richtigen Moment zu entnehmen - dann nämlich, wenn alle Fäkalientanks geschlossen sind und die Meeresströmung günstig ist. Er erzählt von den Schneisen, welche die unachtsam geworfenen Anker von Jachten und anderen Vergnügungsbooten in die Seegraswiesen reissen. Er berichtet, wie diese Unterwasserwiesen durch den Bau von Jachthäfen, Molen oder künstlichen Stränden schwer geschädigt oder gar zerstört werden. Und dabei ist der Tourismus nur einer von zahllosen Schadfaktoren rund ums Mittelmeer.

SCHON ANFANG der siebziger Jahre warnten Meeresbiologen vor dramatischen Folgen, wenn es nicht gelänge, die verheerende Entwicklung am Mittelmeer zu stoppen. Zwei Millionen Tonnen Öl - so die damaligen Hochrechnungen der Uno-Umweltbehörde Unep und der WHO - gelangten jährlich ins Mittelmeer, dazu zwei Milliarden Kubikmeter städtische Abwässer, zum grössten Teil ungeklärt; 320 000 Tonnen Phosphor, eine Million Tonnen Stickstoff und 550 Tonnen Pestizide aus der Landwirtschaft sowie Zehntausende Tonnen Schwermetalle aus der Industrie.

Geschehen ist bisher wenig oder gar nichts, und in vielen Bereichen dürfte sich die Lage seither noch verschlimmert haben. Zwar versammelten sich die Mittelmeer-Anrainerstaaten 1975 unter der Schirmherrschaft der Uno in Barcelona zu einer ersten Konferenz, um die Verschmutzung des Mittelmeers und die Zerstörung der Küstenlandschaften gemeinsam in Angriff zu nehmen. Ein Jahr darauf wurde die sogenannte Konvention von Barcelona unterzeichnet. Doch heute, gut zwanzig Jahre später, sind die zentralen Abkommen, die einen Durchbruch in den wichtigsten Punkten ermöglichen sollten, immer noch nicht in Kraft. Nur gerade Tunesien und Monaco haben die sogenannten Protokolle ratifiziert; nötig wäre eine Dreiviertelmehrheit. Wohl wurden in den letzten Jahren zahlreiche Daten gesammelt, einige wertvolle Gebiete unter Schutz gestellt und Küstenmanagementprogramme entwickelt. Doch alles weist darauf hin, dass der sogenannte Mittelmeer-Aktionsplan keine Umkehr bewirkt hat.

Das Meer wird weiter überfischt, und sowohl die kilometerlangen, illegalen Treibnetze wie die Schleppnetze werden weiterhin verwendet. Die Zerstörung der Küsten geht weiter, vor allem am östlichen Mittelmeer, und immer mehr Abwässer strömen ungeklärt ins Meer. Wie bisher wird auf hoher See giftiger Müll verklappt und werden Öltanks gereinigt. Den paar wenigen positiven Entwicklungen - es scheint gelungen zu sein, die Schadstoffeinleitungen ins westliche Mittelmeer etwas zu reduzieren - stehen zahllose Verschlechterungen gegenüber. Dies ist zumindest die Bilanz von Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace, die sich seit Jahren mit zahlreichen Projekten und Medienkampagnen für die Erhaltung des Mittelmeers engagieren.

ABER WERDEN DERARTIGE Berichte nicht auch widerlegt, etwa von enthusiastischen Freunden, die auf einer kleinen Insel in der Ägäis ihre Ferien verbracht haben und das tiefblaue Meer rühmen? Und hat sich das Algenproblem an der Adria nicht irgendwie von selbst erledigt? Kurz: Wird nicht einmal mehr von Umweltschützern eine Katastrophe heraufbeschworen, um die Öffentlichkeit mit solchen Hiobsbotschaften spendefreudig zu halten? Wohl kaum. Misstrauen scheint eher angebracht gegenüber den Verharmlosungen und Beschönigungen von offiziellen Stellen, gegenüber den wohl dosierten Communiqués internationaler Organisationen, die keine Schuldigen nennen wollen, um ja keinen Mitgliedstaat zu vergraulen. Es stimmt zwar: Um verlässliche Angaben über den gesamten Zustand des Mittelmeers zu machen, fehlen nur allzuoft wissenschaftliche Erhebungen. Dies gilt erst recht für Aussagen über zukünftige Entwicklungen. Eine grosse Unbekannte ist zum Beispiel, wie das Mittelmeer mit seiner extrem niedrigen Wasseraustauschrate längerfristig mit den gewaltigen Schadstoffmengen fertig wird; unklar ist auch, was mit diesen von Unterwasserströmungen in grosse Tiefen beförderten Schadstoffen geschieht. Gleichwohl lassen die als gesichert geltenden Fakten nur düstere Prognosen zu.

Vor allem die unaufhaltsame Zerstörung der Neptungraswiesen wird fatale Folgen haben. Denn diese Unterwasserwiesen spielen eine zentrale Rolle für das Ökosystem der Küstengewässer. Sie sind nicht nur die wichtigsten Sauerstoffspender im Mittelmeerraum, sondern dienen auch der Mehrzahl der Speisefische als Laichplatz, und mit ihren Wurzelmatten schützen sie ausserdem die Sandstrände vor Erosion. Rund die Hälfte dieser Seegraswiesen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden, da das Neptungras auf die in Waschmitteln enthaltenen Tenside äusserst empfindlich reagiert und bereits bei geringen Konzentrationen abstirbt.

Alarmierend sind auch die Resultate von Messungen an der libanesischen Küste. Fouad Hamdan, in Hamburg ausgebildeter Politikwissenschafter und seit zwei Jahre damit beschäftigt, in Libanon eine Greenpeace-Zweigstelle aufzubauen, unternahm im Oktober 1997 zusammen mit einer Equipe Wasseruntersuchungen entlang der gesamten libanesischen und israelischen Küste und liess sie in einem spezialisierten Labor in England auswerten. Die Resultate liegen seit wenigen Wochen vor und zeigen, dass grosse Teile des untersuchten Küstenabschnitts durch Industrieabfälle und Abwassereinleitungen verseucht sind. Der Meeresboden an der Küste vor Beirut und anderen grossen Städten ist laut dieser Untersuchung biologisch tot. Das Wasser ist an diesen extrem belasteten Stellen eine schwärzliche Brühe mit einem Quecksilber- und Cadmium-Gehalt, der die WHO-Grenzwerte massiv überschreitet.

Solche Untersuchungen belegen, dass auch das östliche Mittelmeer von grossflächigen Zerstörungen nicht verschont geblieben ist. Zwar ist die Wasserqualität an der türkischen Küste und in der Ägäis im allgemeinen noch einiges besser als im westlichen Mittelmeer. Aber die Folgen von Massentourismus und Industrialisierung machen sich in vielen Regionen bereits deutlich bemerkbar. So sollen allein in der Türkei in den letzten 15 Jahren mehr Küstenökosysteme zerstört worden sein als in Spanien während der vergangenen 40 Jahre. In der Nähe der türkischen Stadt Izmir befindet sich schliesslich der drittgrösste petrochemische Industriekomplex Europas, Petkim, der seine Abwässer praktisch ungeklärt ins Meer leitet.

An der Südküste des Mittelmeers findet man ebensowenig noch das Naturparadies, von dem wir alle träumen. An der nordafrikanischen Küste gibt es Abschnitte - etwa im Golf von Gabès im Süden Tunesiens -, die durch industrielle Abwässer stark verseucht sind. Grosse Teile der Südküste sind offenbar auch durch Öl verschmutzt, und die legalen Verklappungsgebiete befinden sich wohl nicht zufällig in Meereszonen, die näher bei Afrika als bei Europa liegen. Dennoch sind weite Bereiche der nordafrikanischen Mittelmeerküste immer noch wenig beeinträchtigt von zivilisatorischen Einflüssen. Es sind dies vielleicht die letzten Oasen des mediterranen Ökosystems, und auch im eigenem Interesse täte Europa wohl gut daran, die Maghrebstaaten für den Schutz dieser noch intakten Küstenbereiche finanziell zu entschädigen. Doch angesichts der Trägheit und Handlungsunfähigkeit der Konferenz der Mittelmeer-Anrainerstaaten ist zu befürchten, dass auch ein derartiges Projekt auf absehbare Zeit Utopie bleiben muss.

GERRY GULDENSCHUH, der sich seit seinem Rückzug von der Meeresbiologie vornehmlich mit Säugetieren befasst, fällt es auf die Frage nach der Hoffnung für das Mittelmeer schwer, auch nur ein paar wenige positive Entwicklungen zu nennen. Nach langem Zögern erwähnt er schliesslich das an der französischen Mittelmeerküste umgesetzte Konzept von «Wanderreservaten»: wechselnden Meereszonen, in denen Fischerei und Unterwasserjagd jeweils für ein paar Jahre untersagt sind. Dieses Konzept einer nachhaltigen Nutzung bewähre sich erstaunlich gut und erlaube es den Fischpopulationen, sich zu regenerieren.

Die Wasserqualität wird dadurch allerdings auch nicht besser, und so hat Guldenschuh seine Tauchausrüstung definitiv an den Nagel gehängt. Nur einmal hat er seinem innern Drang nachgegeben und ist wieder tauchen gegangen - im Roten Meer.

Beat Stauffer, Basel, ist freier Journalist.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.