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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Duftnote -- Der schlimmste Gestank
© Fabienne Boldt
Von Luca Turin
Die Stazione Zoologica in Neapel ist einer meiner liebsten Orte auf dieser Welt. Das massive und doch anmutige Gebäude aus dem Jahre 1872, das zwischen Bäumen in den Ufergärten im Herzen der Stadt eingebettet liegt, wirkt wie ein Provinzbahnhof, der von gütigen Engeln an einen Ort ohne Gleise getragen wurde. Die Station ist unter Einheimischen nur als das «Aquarium» bekannt und beherbergt die örtliche Tierwelt, die dort unter natürlichem Sonnenlicht badet.
1974 arbeitete ich in diesem Gebäude als junge Hilfskraft für den grossen John Z. Young und sollte Tintenfischen komplexe Fähigkeiten beibringen. Sie sollten lernen, bestimmte Formen wiederzuerkennen, die ich ins Aquarium baumeln liess, oder Rillen in Plexiglasbällen zu zählen. Die Intelligenz von Tintenfischen wird weithin verkannt, was teils daran liegt, dass sie kaum Gelegenheit haben, sie unter Beweis zu stellen, wenn sie als Meeresfrüchtesalat auf dem Teller liegen, teils aber auch daran, dass wir alle Wirbellosen für niedere Lebensformen halten. Dennoch können sie denken und tun dies, solange man sie in ihrer ursprünglichen Form belässt, erstaunlich gut.
Professor Young pflegte ihnen Häppchen ihres Gehirns zu entnehmen, um herauszufinden, welcher Teil wofür zuständig sei. Sogar bei schweren Schädigungen blieb das Hologramm in ihrem Kopf immer noch lesbar, und selbst bei den Tests hielten sich die Tiere wacker, wenn sie auch etwas langsamer reagierten. Manchmal verstarb eines dieser armen Geschöpfe und rächte sich an uns (mir oblag auch die Reinigung der Becken) durch Absonderung des bestialischsten Geruchs der Welt, eines so atemberaubend ekligen Gestanks, dass wir minutenlang nach Luft schnappten.
Jahre später kehrte ich zurück, diesmal gab man mir ein kleines Labor zum Spielen, das ich mit zwei ausländischen Wissenschaftern teilte. Die Tintenfische waren verschwunden. Wir waren gerade dabei, unser Material auszupacken, als der Direktor der Station vorbeischaute. Einer von uns fragte, wo wir frisches Meerwasser herbekämen. Was wir nicht wussten, war, dass die Stazione mit grossem Aufwand zwei Frischwasserleitungen weit ins Meer hinaus gelegt hatte, um Wasser aus der Tiefe heraufzupumpen.
Meerwasser gebe es jetzt aus dem Hahn, erklärte der Direktor und drehte mit triumphaler Geste und stolzem Lächeln einen Hahn auf, der noch niemals benutzt worden war. Während einer unendlich langen Minute zischte und sprotzte eine kilometerlange, von braunen Modderbröckchen durchsetzte, pestilenzialische Gassäule heraus, die den Raum mit einem mir nur allzu vertrauten Geruch erfüllte. Als das Meerwasser kam, standen wir längst hechelnd auf der Terrasse. Die Tintenfische im Himmel müssen sich die Bäuche gehalten haben vor Lachen.
Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.
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