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NZZ Folio 09/07 - Thema: Sicherheit   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Ein Geruch wie ein Gerücht

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
1966 meldeten Chemiker des Pharmakonzerns Pfizer ein Patent auf ein merkwürdiges Molekül an, das aussah wie ein Tranquilizer (es ist entfernt mit Valium verwandt). Es roch wie nichts sonst auf der Welt oder – wie es damals prosaisch hiess – nach «Melone». Da Pfizer zwei Jahre zuvor die altehrwürdige Firma Camilli Albert Laloue in Grasse aufgekauft hatte, reichten sie den Balg an ihre parfümierten Freunde weiter, die es auf den Namen Calone tauften. Dort schlummerte es zwanzig Jahre, bis das Patent abgelaufen war. Erst 1989 wurde es von Yves Tanguy, der die Zeit für wässrige Noten gekommen sah, mit seiner Komposition New West aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Innert dreier Jahre katapultierten Escape, Kenzo Homme und Eau d’Issey das verschmähte Calone an die Spitze der Parfumerie, wo es heute noch steht.

Gestern erhielt ich von einem italienischen Hersteller ein sehr reines Muster. Schon wenn Sie die Schachtel öffnen, riechen Sie es. Wenn Sie den Plasticbeutel öffnen, in dem sich das Flacon befindet, riechen Sie es – aber nicht stärker. Öffnen Sie die Flasche, kann es jeder im Quartier riechen, aber ohne dass es aufdringlich würde. Es ist das olfaktorische Äquivalent zu einem Gerücht, einem Raunen, das sich überall verbreitet, ohne je laut zu werden. Wonach es riecht? Spielt keine Rolle; wichtig ist, dass es entfernungsunabhängig wirkt, wie Licht in einem transparenten Medium, wie eine Göttin, die direkt in die Seele des Parfums schaut.

Ich rief Mark Buxton, einen Parfumeur bei Symrise, an, der Düfte der Comme-des-Garçons-Serie entwickelt und praktisch solo die Ästhetik der holzigen Blumendüfte kreiert hat, die inzwischen alle Welt imitiert. Ich fragte ihn, wie alles an­gefangen habe. Antwort: Calone. Er habe den Duft gehasst, aber seine Wirkung, die ruhige, alles durchdringende Ausstrahlung, sei wunderbar. 1990 komponierte Buxton Jacomos transparentes Anthra­cite Homme, und dann versuchte er, mit holzig-rauchigen Noten und dunklen Floralen eine mitternächtliche Version der metallischen Aura von Calone zu kreieren.

Mark Buxton hängt einem romantischen Ideal von Parfum an: Ein Duft muss zugleich verstörend und selbstverständlich sein wie eine Offenbarung. Als Rei ­Kawakubo von Comme des Garçons sich für seine Komposition entschied, soll sie gesagt haben: «Wie eine Droge – ich will mehr.» Der Unisex-Duft kam 1994 auf den Markt.

Merkwürdigerweise arbeitet der Ravel zum Debussy Buxton auf derselben Etage: Bertrand Duchaufour, Autor von Timbuktu und zweiter grosser ­Exponent der Nachthimmelschule. Ich fragte Buxton, ob sie sich gegenseitig beeinflusst hätten, was er höflich verneinte. In der Ästhetik gebe es, wie im Ingenieurwesen, für Probleme manchmal nur eine Lösung: Sie seien beide unabhängig voneinander darauf gestossen.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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Wer ist Luca Turin?

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Interview mit Luca Turin

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