NZZ Folio 05/92 - Thema: Experimente   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Viele, zu viele Bienen?

Von Heini Hofmann

Honigbienen sind so etwas wie ein Bioindikator für jedermann. Und sie sind unentbehrlich, allerdings weniger des Honigs als vielmehr des wirtschaftlichen Nutzens im Pflanzen- und Obstbau wegen. Wo Immen summen und bestäuben, denkt man, ist die Natur intakt.

Eine Täuschung, wie sich am Beispiel Schweiz zeigen lässt. Es gibt hier viele, ja zu viele Honigsammlerinnen. Helvetien ist in Europa das Land mit den meisten Bienen pro Flächeneinheit. Deren Dichte ist im Vergleich zum noch vorhandenen Pollen- und Nektarangebot an einer kritischen Grenze angelangt; die Umweltbedingungen werden auch für Honigbienen nicht besser.

Wo früher blühende Wiesen und Äcker gute Tracht versprachen, gähnen heute grüne Wüsten und blütenlose Monokulturen; Pollenspender finden sich allenfalls noch in den Einfamilienhausgärtchen. Vor allem die tiefgreifenden Strukturwandlungen in der Landwirtschaft, bedingt durch forcierte Produktionssteigerung, bereiten der Imkerei Sorgen.

So hat sich zum Beispiel die Heuernte vom Heumonat Juli um mehr als einen Monat verschoben, auch das Silofutter wird früher gemäht, der Rotklee vor der Hauptblüte geschnitten und bereits sehr junges Gras in die Trocknerei gefahren, bevor die Trachtpflanzen zu blühen beginnen. Trockenlegung von Sümpfen, Reinigung der Getreidesaat von Unkrautsamen sowie die Unkrautbekämpfung schlechthin brachten wertvolle Honigquellen zum Versiegen. Die Folge davon: Im Frühjahr muss der Imker oft mit Zuckernotfütterung nachhelfen.

Deshalb wird für die Bienen im Hochsommer und Frühherbst der Wald mit seinem Honigtau zur eigentlichen Trachtquelle, das heisst jene kristallklaren Exkrettröpfchen, die von Blatt-, Rinden- und Schildläusen in deren Verdauungssystem aus vorher konsumierten Pflanzensäften produziert und von den Bienen - wie Blütennektar - eingetragen werden. Der überwiegende Teil des Schweizer Bienenhonigs muss deshalb als Waldhonig bezeichnet werden, reiner Blütenhonig wird immer rarer.

Jahrhundertelang lag die Imkerei als bescheidener Nebenerwerbszweig in den Händen der Landwirtschaft. Das Bienenhaus gehörte zum Bauernhof wie Speicher und Stöckli. Doch für beschauliche Beschäftigung, wie sie die Imkerei nun einmal ist, bleibt in der modernen Agrarwirtschaft kaum mehr Zeit. Deshalb hat sich die Bienenhaltung immer mehr zu den Hobbyimkern verlagert. Und diese obliegen ihr mit so viel Liebe und Hingabe, dass ihr Idealismus bereits an biologische Grenzen stösst.

Die Statistik macht's deutlich, zumal wenn man sich die Verarmung der Landschaft und die Herbizidwelle vor Augen hält. Um die Jahrhundertwende zählte die Schweiz an die 150 000 Bienenvölker, vor dem Zweiten Weltkrieg beinahe das Doppelte und am Ende des Krieges gar 450 000. In den Nachkriegszeiten sank die Zahl, kletterte aber seither wieder auf über 300 000. In einem Gebiet, in dem für 10 Völker Platz wäre, werden oft deren 50 bis 100 gehalten.

Allein in der verbetonierten Landschaft des Kantons Zürich entfallen teilweise über zwanzig Völker auf einen Quadratkilometer. Ein einziges Volk aber braucht pro Saison zwanzig bis vierzig Kilogramm Pollen. Solche Relationen führen zu Futterkonkurrenz, Stress in den Bienenvölkern und dadurch zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit; denn Populationsüberdruck setzt Verdünnungsmechanismen in Gang - und umgekehrt.

Man neigt heute zur Ansicht, dass die zu hohe Bienendichte zusammen mit der in früheren Jahren heraufbeschworenen Verbastardierung der vier einheimischen durch oft schwarz importierte, weniger akklimatisierte und vermindert resistente Bienenrassen mitschuldig sein dürfte am immer wieder auftretenden Massensterben. Mit Seuchenbekämpfung allein ist es nicht in den Griff zu kriegen.

Solche Grossverluste sind für den Imker gravierend, für die Bienenpopulation jedoch verschmerzbar und im Lichte des Massenwechsels, das heisst des Selbstregulierungsmechanismus der Natur, auch zu verstehen. Ein Bienenvolk produziert im mitteleuropäischen Durchschnitt etwa 120 000 bis 180 000 Nachkommen pro Jahr, was einer biologischen Masse von 12 bis 18 Kilogramm Bienen (1 Kilo = rund 10 000 Tiere) entspricht. Ein gutes Polster - selbst für Massenverluste.


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