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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Der Geist in der Fackel

© Markus Roost
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Von Richard Reich

Es war einmal ein Läufer, der hatte sich im Wald verlaufen. Als es finster wurde, sah er ein Licht. Er näherte sich und kam zu einer Grotte, dort stand eine Fackel und leuchtete in die Nacht. Plötzlich hörte der Läufer eine Stimme: «Nimm mich mit!» Er erschrak und fragte: «Wer spricht?» Die Stimme flüsterte: «Ich bin der Geist in der Fackel. Wer mich erlöst, zieht das grosse Los!» Da sprach der Läufer: «Was soll ich tun?» – «Trag mich in ein friedliches Land, wo Fremdlinge willkommen sind. Dort sollen alle Völker in meinem Licht gemeinsam tanzen und springen, hüpfen und singen, spielen und zielen, und zwar vier Mal vier Tage lang, dann bin ich erlöst!» Der Läufer nickte beklommen: «Aber wo liegt dieses Land?» Da zischte die Flamme: «Frag nicht, sondern geh, wohin dich die Füsse tragen!»

So nahm der Läufer die Fackel und lief vier Jahre, dann kam er ins Land der ­niemals untergehenden Sonne. Als die ­Einheimischen den Läufer erblickten, brummten sie: «Was bringst du uns ein Licht, wo doch an unserem Himmel die hellste aller Sonnen steht?» Da sprach die Stimme: «Ich bin der Geist in der Fackel, ein böser Zauberer hat mich verhext. Ihr aber seid auserwählt, mich zu erlösen!» Da riefen die Leute: «Was müssen wir tun?» Der Geist antwortete: «Selbstlos sollt ihr vier Mal vier Tage lang alle Völker bewirten, glückliche Menschen sollen unter eurer Sonne tanzen und springen, hüpfen und singen, spielen und zielen…» – «Ja, ja, aber was ist unser Lohn?» Nun wurde die Flamme ungeduldig und knisterte: «Wer den Geist in der Fackel befreit, zieht das grosse Los! Jetzt aber bringt uns in die Herberge, mein Läufer ist müde, und auch ich möchte auf Sparflamme ­ruhen.»

Bald schliefen die Fackel und der Läufer fest, plötzlich aber klopfte es an der Tür, der Wirt trat ein und präsentierte die Zeche. «Hundert Goldstücke», rief die Fackel, «für ein winziges Zimmer und sieben Tropfen Petroleum?!» – «Unserem Land stehen grosse Aufgaben bevor», knurrte der Wirt, «da hat man eben seine Ausgaben…» Da loderte die Fackel auf und rief: «Diese Leute sind habgierig, nicht selbstlos! Komm, Läufer, wir gehen!»

So ging es wieder über Stock und Stein, vier Jahre lang, dann kamen sie ins Land der Kamine. Dort hockten die Leute an riesigen Herden und starrten in die Glut. Als sie den Läufer erblickten, riefen sie: «Was bringst du uns ein Flämmlein, wo bei uns doch die tollsten Feuer prasseln?» Da sprach die Stimme: «Ich bin der Geist in der Fackel, und wenn ihr mich erlöst, zieht ihr das grosse Los! Dazu müsst ihr alle Völker an euren Herd einladen und zusammen tanzen und springen und…» Einen Moment lang steckten die Leute an den Kaminen die Köpfe zusammen, dann verkündeten sie: «Unser Land ist zu schön, um jeden hereinzulassen. Apropos: Wo ist euer Visum? Und die Arbeitsbewilligung?» Da rannte der Fackelläufer davon, so schnell er konnte.

Als er wieder vier Jahre gerannt war, kamen sie ins Land des Lächelns, wo ein Fest im Gange war. Jung und Alt war am Tanzen und Singen, am Hüpfen und Springen, und noch bevor die Fackel etwas sagen konnte, riefen die Leute lachend: «Willkommen, arme Flüchtlinge, wir haben euch erwartet!» Da wurde das Flämmlein rot vor Freude und stammelte: «Wollt ihr uns wirklich aufnehmen und auch fremde Völker beherbergen, alle Menschen bewirten?» – «Aber sicher!» lachten die Leute, «und dich, Flämmlein, wollen wir bewachen wie unseren Augapfel. In diesen Glaskäfig werden wir dich sperren, um dich zu schützen, bis du erlöst bist! Wenn’s sein muss, bis zum jüngsten Tag!»

Als die Fackel den Käfig sah, bekam sie fast keine Luft mehr. Sie flüsterte: «Läufer, bist du noch bei Kräften?» Dieser nickte gottergeben, dann spurtete er los, und zwar so schnell, dass der Laufwind das Flämmlein zum Erlöschen brachte. – Tja, und so werden wir nie erfahren, wie es auf der Welt wäre, hätte man den Geist in der Fackel erlöst.

PS: Nachdem die olympische Fackel in den Konflikt ­zwischen China und Tibet geraten ist, befindet sich das Flämmlein auf der Flucht. In Paris ist es trotz Polizeischutz gar erloschen, wenn auch nur vorübergehend.

Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.

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